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soll ich noch im Leben und in einer Welt, der nicht mehr anzugehören ich geschworen habe? Und doch liebe ich noch diese Welt, doch freut mich noch die Luft und das Licht, doch entzückt mich das Lächeln Ihrer Kinder, und ich könnte weinen über die Güte, die Sie Alle mir beweisen; vor Schmerz und vor Freude weinen, wenn ich es hier sehe, wie glücklich man auf Erden sein kann!

Als ihre Kräfte gewachsen waren, verlangte sie nach Renatus. Sie wollte ihm danken für all das Gute, welches ihr durch seine Vermittlung während der langen Leidenszeit zu teil geworden war; aber das Wiedersehen tat weder der jungen Gräfin, noch ihrem Freunde wohl. Sie konnten sich nicht in einander finden.

Ist das die strahlende Eleonore? Ist dieses Mädchen mit den sanften, hülfesuchenden Augen das königliche Wesen, dem meine Huldigung sich kaum zu nahen wagte? fragte Renatus sich in seinem inneren, und es war ihm, als habe er die Gräfin in einer ihr feindlichen Verzauberung vor sich, da ihr die stolze Umgebung fehlte, in der er sie bisher zu sehen gewohnt gewesen war.

Er hatte Mitleid mit ihr, aber er schämte sich fast der anbetenden Empfindung, mit der er einst zu ihr emporgeblickt, und sie hinwiederum hatte ihre gegenwärtige Lage nie schwerer als in des Freiherrn Gegenwart gefühlt. Sein Bedauern tat ihr wehe.

Sie hätte den Freiherrn bitten mögen, sie zu meiden, hätte sie nicht gefürchtet, den Schein der Undankbarkeit oder den der Feigheit auf sich zu laden. Sie liess es also geschehen, dass Renatus, um sich und Eleonore vor den Missdeutungen der gegen sie erregten übelwollenden Neugier zu bewahren, auch seine Frau und seine Stiefmutter zu ihr brachte. Aber auch an dem Beisammensein mit diesen beiden Frauen fand Eleonore kein Gefallen. Sie konnte die Stunde nicht vergessen, in welcher sie sich dem Freiherrn zur Gattin angetragen hatte. Sie nannte es in ihrem Herzen eine durchaus berechtigte Tat, dass er sie zurückgewiesen hatte; dennoch vermochte sie die Missempfindung gegen die Frau, um derentwillen sie, wie sie glauben musste, verschmäht worden war, in sich nicht zu besiegen. Die Zuvorkommenheit, mit welcher Cäcilie ihr begegnete, kam ihr erkünstelt vor und war es auch zum teil, und die Erzählungen aus der Gesellschaft, durch welche sie und Vittoria die junge Gräfin zu unterhalten strebten, hatten keinen Reiz für diese letztere. Eleonore dachte nicht daran, an diesem hof zu erscheinen. Die Namen der Personen, auf deren Gunst oder Ungunst die Gattin und die Stiefmutter des Majors von Arten Gewicht zu legen hatten, waren für Eleonore Haughton ohne jegliche Bedeutung, und schon nach wenigen Besuchen bei der Kranken brauchte Renatus es seiner jungen Gattin nicht mehr zu versichern, dass er Eleonore zwar bewundert, aber nicht geliebt habe, dass er sie niemals hätte lieben können und dass sie überhaupt in ihrer Herzenskälte ihm nicht für die Liebe, nicht für die Ehe geschaffen zu sein scheine. Wurde doch Eleonore selber oftmals an sich irre, wenn sie es ihren Pflegern auszusprechen wünschte, was sie für sie fühlte, und wenn sich ihr das Wort, das sie von früher Jugend an mit seltener Gewalt bemeistert hatte, jetzt versagte, wo es sie drängte, sich ihnen zu erschliessen und sich ihnen hinzugeben.

Was können wir für sie tun? fragte Seba oftmals, wenn sie und die Ihren das innere Ringen und Kämpfen in Eleonorens Seele wahrnahmen. Soll man so viel Schönheit, so viel Gaben in Einsamkeit verloren gehen lassen? Oder wie soll man es beginnen, sie mit dem verstand einsehen zu lassen, was sie ahnend fühlt: dass sie verloren ist, wenn sie ihrer eigensten natur entgegenhandelt?

Paul hörte diese Klagen, in denen Davide mit Seba stets zusammentraf, mit jenem zuversichtlichen Gleichmute an, der ihn fast nie verliess. Auch er hatte Teilnahme für Eleonore gewonnen, und es waren nicht nur ihre Schönheit, ihre Jugend und ihr Missgeschick, welche sie in ihm erregten. Sie ist eine Kraft, sagte er einmal, aber eine Kraft, die sich noch nicht zu würdigen weiss, weil sie sich überschätzt. Dem tod ist sie jetzt entrissen; ob sie dem Leben zu gewinnen ist, das steht dahin. Ihre Gesundheit ist im Wachsen, sie bedarf Eurer nicht mehr wie sonst, überlasst sie jetzt sich selbst.

Und soll es sie ermutigen, wenn wir, denen sie ihre Neigung zugewendet hat, uns ihr entziehen? Soll sie, die ohnehin der übeln Erfahrungen so viele schon gemacht, auch an uns irre werden, an deren uneigennützige Freundschaft zu glauben ihr offenbar so wohl tut? wendete Davide ein, deren sanfte Seele doppelt für die Gräfin sorgte, weil sie neben Eleonorens Vereinsamung ihr eigenes Familienglück noch lebhafter empfand.

Paul zog die geliebte Frau in seine arme. Kennst Du die Macht der Entbehrung und der Trennung nicht, obschon wir lange Jahre von einander fern gewesen sind? fragte er sie, oder soll ich, dem ihr es immer vorwarft, dass er von den mannigfachen Wahrheiten, die in der Bibel entalten sind, zu wenig weiss, Euch an ihre Lehren mahnen? Soll ich Euch erst daran erinnern, dass nur dem Bittenden gegeben, nur dem Anklopfenden aufgetan werden soll? Sie muss hungern und dursten nach der wahren Liebe, ehe sie derselben mit Segen teilhaft werden kann. – Das Leben hat diesem Mädchen Alles, ohne sein Zutun, gewährt. Es hat des Wünschens kaum bedurft, es hat das Verlangen, das