verneinte es auf das bestimmteste. Da richtete sich Eleonore auf, ergriff die hände ihrer Pflegerin und sagte: Sie haben so viel für mich getan; Herr Tremann und seine Frau haben mir so grossmütig durch alle diese langen Monate Ihre Pflege gegönnt, bitten Sie sie – Aber es war, als halte eine unbesiegliche Scheu sie von dem Aussprechen des Wortes zurück. Sie verstummte plötzlich, und erst als Seba ihre frühere Frage wiederholte, sagte Eleonore, während ein flüchtiges Rot ihre eingesunkenen Wangen färbte und ein verschämtes Lächeln ihren schönen Mund umspielte: Wenn es ihm nicht schadet, wenn es ihm gar nicht schadet, und wenn seine Eltern ihn mir einmal senden wollen – bringen Sie mir den Knaben mit!
Man hatte keinen Grund, ihr die Erfüllung dieses Wunsches zu verweigern, und Davide war so stolz auf ihres Knaben Schönheit, dass sie sich ein fest daraus machte, ihn auch von Andern bewundert zu sehen. Schon am nächsten Tage also führte Seba ihn der Kranken zu. Der Kleine war keines der Kinder, die durch eine fremde Umgebung befangen werden. Wo er nur einen der Seinen bei sich hatte und man ihn gewähren liess, war er zu haus oder setzte er sich mit seinen schnellen und bestimmten fragen doch sehr bald zurecht.
Eleonore, die des Deutschen nur wenig mächtig war, verstand den Knaben kaum, der noch unzusammenhängend sprach, aber sein blosses Dasein war ihr eine Freude. Sie vergass sich völlig, wenn sie zusehen konnte, wie er sich tummelte, sie strengte sich an, zu erraten, was er wolle, sie liess aus ihren Koffern hervorholen, was ihn freuen, ihn einen Augenblick beschäftigen konnte, und wenn es geschah, dass der Knabe sich mit einem Worte, mit einem Verlangen an sie wendete, wenn es ihr gelang, ihn neben sich festzuhalten, so glänzte ein Ausdruck des Vergnügens in ihren Augen, der Seba rührte, weil er bei Eleonoren fast jedes Mal der Vorbote eines Seufzers und jener Schwermut wurde, die sie bis dahin nicht verlassen hatte.
Kein Tag verging seitdem, ohne dass man ihr den Knaben brachte; bald konnte auch Davide mit ihm bei Eleonoren verweilen, und man konnte daran denken, die Genesende an einem warmen Mittage in den Tremann'schen Garten fahren zu lassen, damit sie in Ruhe und Stille sich der Luft erfreue. Die verschiedenen Familienmitglieder leisteten ihr dabei abwechselnd Gesellschaft. Man holte ihr, weil sie es wünschte, das Töchterchen herbei, welches Davide ihrem mann im Laufe des Winters geboren hatte, und obschon Eleonore noch sehr matt war, verlangte sie, dass man ihr den Säugling geben, dass man das schlafende Kind auf ihren Knieen ruhen lassen solle. Sie sagte nicht, was in ihrem Herzen vorging, aber es war für die sie beobachtende Familie kein Rätsel. Man liess sie still gewähren, sie war Allen bereits wert geworden.
Davide, deren Mutterherz sich zu Eleonoren um der Liebe willen hingezogen fühlte, welche diese ihren Kindern entgegenbrachte, tat schon nach wenig Tagen ihrem Gatten und ihrer Pflegemutter den Vorschlag, dass man die Gräfin ganz in ihr Haus übersiedeln möge, wo sie besser als in dem Gastofe aufgehoben sein würde; indess wider ihr Erwarten wies Paul vorläufig diesen Vorschlag noch zurück, und zu noch grösserem Erstaunen der jungen Frau stimmte Seba ihm in seiner Meinung bei, dass es noch nicht an der Zeit sei, Eleonore von dem traurigen Gefühle ihrer Vereinsamung zu befreien. Sie waren beide der Ansicht, man müsse der Gräfin Zeit zur Einkehr in sich selber lassen. Dass sie es bereue, zum Katolizismus übergetreten zu sein, dass ihr Freiheitssinn vor dem Eide zurückschrecke, mit dem sie sich vor dem Abbé gebunden hatte, und das mit der beglückenden Empfindung des Genesens ihr Widerwille gegen den Eintritt in ein Kloster nur gewachsen sei, davon hatten verschiedene, ganz beiläufige, ganz unwillkürlich getane Aeusserungen der jungen Gräfin Seba überzeugt. Es gab sich fast bei jedem Anlass kund, wie schwer Eleonore es fühle, den alten Anhalt ihres Daseins verloren und keinen neuen, ihr genügenden dafür gefunden zu haben.
Als Seba ihr angeboten, Miss Warwell herbeizurufen, hatte die Genesende dies abgelehnt. Ich habe mich freiwillig von ihr geschieden, sagte sie, und ihre in jedem Betrachte unduldsame Strenge kann und wird mir nicht verzeihen, was ich getan habe. Sie ist abhängig von ihren vorgefassten Meinungen, abhängig von Ueberzeugungen, die sie auf Treu und Glauben angenommen hat, abhängig auch vor allen Dingen von der Ansicht und dem Urteile ihrer Umgebung. Ich habe mich losgesagt von ihr, mich abgeschworen von ihrer Kirche, ihre Gesellschaft hat mich ausgestossen: ich bin für sie nicht mehr vorhanden! Und mit einer Bitterkeit, welche sich oftmals in Eleonorens Worten zeigte, setzte sie hinzu: Ich wollte ja frei sein! Nun bin ich frei, frei wie der Vogel in der Luft! Wen kümmert es, wohin er zieht und wo er endet?
Bisweilen fragte sie, ob Briefe für sie angekommen wären. Aber sie schien zufrieden, wenn man es ihr verneinte. Merkte sie dann, dass dies ihren neuen Freunden auffiel, so äusserte sie, gleichsam sich entschuldigend, sie habe Ruhe nötig, sie müsse sich erst wieder daran gewöhnen, dass sie weiter leben solle. Und als Paul, dessen männliche Bestimmteit von dem ersten Augenblicke an einen guten Eindruck auf sie machte, sie nach einer solchen Aeusserung einmal fragend ansah, sprach sie: Ich habe zu sterben geglaubt und war damit zufrieden; denn was