werden zwischen uns, zwischen mir und Dir, denn wir sind Menschen!
Eleonore hatte ihm auch diesen Schwur geleistet! Was hätte ihre Liebe dem Abgotte ihres Herzens versagen können, so lange er an ihrer Seite war, so lange sein blick, sein Wort sie beherrschten und in ihre Bande schlugen? Aber die Lebenslust in ihr war zu mächtig. Ihre Jugend, ihre Schönheit in der Gefangenschaft eines Klosters verblühen zu lassen, der Heimat, dem Ahnenschlosse ihrer Väter und vor Allem der königlichen Freiheit zu entsagen, deren sie sich teilhaftig gewusst und gefühlt seit ihrer frühesten Kindheit an, das war über ihre Kräfte gegangen. Auf ihren Knieen hatte sie den Abbé beschworen, sie von der Erfüllung des Eides zu entbinden, den er ihr auferlegt; mit inbrünstiger Liebe hatte sie von ihm begehrt, sich begnügen zu lassen mit ihrem Gelöbniss, dass sie niemals einem Andern angehören wolle, und ihr Leiter und Führer zu bleiben in der Welt und in der Freiheit, denen zu entsagen sie sich nicht entschliessen konnte. Sie hatte kein Gehör bei ihm gefunden. Voll Misstrauen in die Zulänglichkeit der eigenen Kraft, mit dem festesten Glauben an die Gewalt von Eleonorens Liebe hatte er sie verlassen – sicher, dass sie ihm folgen werde, wohin er immer gehe, bis er sie hingeführt haben würde zu dem Altare, auf dem sie ihre Zukunft opfern und sich und ihren reichen Besitz der Gemeinschaft einverleiben sollte, der er angehörte, und deren Unerbittlichkeit er sich verfallen wusste, wenn er ihren Erwartungen nicht entsprach, wie er's verheissen, wie man es von ihm erwartet hatte.
Seine Berechnung hatte ihn auch nicht getäuscht. Wie von einer Naturgewalt gezwungen, war Eleonore ihm nach Deutschland nachgeeilt, und noch einmal hatte er sich von ihr entfernt. Noch einmal hatte sie erkennen müssen, dass keine Gnade von ihm zu hoffen sei, und überwältigt von der Grösse ihres inneren Kampfes war sie zusammengebrochen, ihrer selbst nicht länger mächtig.
Es war Herbst gewesen, als die Krankheit sie ergriffen, das Bewusstsein sie verlassen hatte; nun war es Frühling geworden. In einfacher Umgebung, unbewundert, von Niemandem beansprucht, fremd und in der Fremde, hülflos wie ein Kind, so lag sie da, und die warmen Sonnenstrahlen, die auf den Wänden wie die rieselnden Wellen eines lichten Stromes hin und wieder flossen, waren ihres Auges stille Freude. Sie war zufrieden, dass sie dieselben sehen konnte, dass sie noch atmete, dass der Erde dunkler Schooss sie noch nicht umfing.
Eines Morgens, als die Sonne auch wieder freundlich in ihr Zimmer schien, trat in der Frühe Seba bei ihr ein und legte ein paar Veilchen auf ihr Lager. Es sind die ersten unseres Gartens, sagte sie. Meiner Pflegetochter Söhnchen hat sie gepflückt und sendet sie Ihnen mit einem schönen Guten Morgen.
Eleonore nahm die Veilchen in die Hand; ihr Duft, ihre Form, ihr ganzer Anblick schienen ihr wie neu. Sie drückte sie an ihre Lippen und die Tränen traten ihr in die Augen.
Seba fragte, was sie so bewege.
Es rührt mich, antwortete ihr Eleonore, dass hier in der Fremde Blumen für mich wachsen und dass ein fremdes Kind sie für mich pflückt. Lieben Sie die Kinder?
Welche Frage! rief Seba. Wer sollte den Frühling, wer sollte die Hoffnung nicht lieben? In tiefster, eigener Entmutigung hat die Beschäftigung mit Kindern mich aufgerichtet, und noch heute, wenn ich mich niedergeschlagen fühle, brauche ich nur auf die schöne Zuversicht hinzublicken, mit welcher die Kinder in das Leben schauen, um zu begreifen, dass schon in dem blossen Wollen, Streben, Hoffen ein Glück verborgen liegt. Und nun vollends der Gedanke, wie leicht man solch ein Kind erfreuen kann! Diesen holden, genügsamen Geschöpfen gegenüber besitzen wir ja eine wahrhaft göttliche Allmacht!
Eleonore seufzte und kaum hörbar sagte sie: Ich habe nie ein Kind bei mir gehabt, nie mit einem kind gespielt, und keinem kind je etwas zu Lieb getan.
Armes Mädchen, sagte Seba, Sie sind eben einsam und ohne Liebe gross geworden; Sie werden viel nachzuholen haben, wenn Sie erst genesen sind!
Eleonore schüttelte traurig das schöne bleiche Haupt, Seba brach von dem gespräche augenblicklich ab; indess Eleonore blieb fort und fort mit dem Gedanken an den Knaben, der die Blumen für sie gesendet hatte, beschäftigt. Sie wollte wissen, wie alt er sei, sie wollte, dass Seba ihr beschreibe, wie er aussehe, und als diese von ihrer Uhrkette die Kapsel loslöste, in welcher sie das Miniaturbild ihres Lieblings trug, konnte Eleonore sich an dem blonden Lockenkopfe und an den hellen, braunen Augen des Kindes gar nicht satt sehen. Sie fragte nach des Knaben Mutter, nach seinem Vater, nach Seba's Verwandtschaft mit ihnen, nach ihrem Tun und Treiben, und Seba konnte es bemerken, wie die schlichte Darstellung dieses gesunden und beglückten Familienlebens die junge Gräfin, als etwas ihr völlig Unbekanntes, anzog und bewegte.
Am Abende, da Seba sie, wie immer, verlassen wollte, hielt Eleonore sie zurück. Sie schien etwas auf dem Herzen zu haben und Scheu zu hegen, es zu offenbaren. Endlich, als Seba sich erkundigte, ob sie irgend etwas wünsche, was sie ihr gewähren könne, fragte die Genesende: War meine Krankheit von der Art, dass meine Nähe Andern Nachteil bringen konnte? Ist eine Ansteckung für diejenigen zu befürchten, die mich jetzt besuchen?
Seba