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ihrer Heimat zu bringen, unter den Schatten ihrer eigenen Bäumen, an das Ufer des Flusses, der durch ihre Wiesen floss. Sie nannte sich bald eine mächtige Königin, bald eine Gefangene.

Wer darf mich halten? Wer hat Gewalt über mich, wenn ich frei sein will? rief sie in wilder Heftigkeit und flehte im nächsten Augenblicke, dass man ihr ihre Seele wiedergeben solle, damit sie nicht wie ein Schemen unter den Menschen umherzuirren brauche. Das Fieber war im Abnehmen, aber die Vorstellungen der Kranken blieben verwirrt, und die Besorgniss, dass eine dauernde Störung der Denkkraft zurückbleiben könne, hielt diejenigen, welche an dem Schicksale Eleonorens Anteil nahmen, in angstvoller Spannung.

Paul und Davide sahen es mit sorge, wie Seba in der Frühe das Haus verliess und erst am Abende spät und ermüdet von der Kranken wiederkehrte; aber sie wussten es, dass es vergebens sein würde, sie von den Liebeswerken abzuhalten, die sie als ihre Lebensaufgabe betrachtete.

Ihr braucht mich nicht, sagte sie mit ihrer sanften Ruhe, wenn ihre Pflegekinder ihr doch bisweilen die Vorstellung zu machen versuchten, dass sie sich ihnen nicht so ganz entziehen, dass sie an sich selber denken, sich schonen solle. Ihr braucht mich nicht, denn Ihr seid glücklich. Ihr kennt Euren Weg und Euer Ziel; dort aber ist ein armes, völlig verirrtes geschöpf. Wie sollte ich anstehen, ihm die Hand zu bieten, damit es nicht verloren geht? Wer wie ich sein eigenes Leben durch seine Schuld nicht zur reinen Schönheit gestalten, nicht zu einem in sich selbständig vollendeten machen konnte, der muss es für Andere zu verwerten und nützlich zu machen suchen; und Ihr wisst es ja, ich finde darin ein grosses Glück. Vielleicht trägt die natur den Sieg davon, vielleicht erhalten wir Eleonore dem Leben, vielleicht kann man sie sich selber wiedergeben. Sie ist so jung, sie ist ohne Liebe auferwachsen, und sie ist so schön! fügte sie dann stets hinzu und ging voll hoffender Beharrlichkeit immer wieder an das Krankenbett zurück.

Das Jahr war fast zu Ende, ehe Eleonore auch nur zu fragen anfing, wo sie sich befinde oder wer die Fremde sei, die neben ihrer alten englischen Amme an ihrem Lager weile; und noch eine geraume Zeit verging, ehe sie zusammenhängend über sich zu denken, ehe sie ihre Gedanken wieder mitzuteilen im stand war.

Was der Beobachtung Seba's zuerst auffiel, war, dass Eleonore zwar an jedem Morgen und an jedem Abende mit tiefer Inbrunst betete, dass sie sich aber nie des Kreuzes dabei bediente, welches sie an einer goldenen, zugelöteten Kette an ihrem Halse trug; und die Sonne schien schon wieder frühlingswarm auf die Erde herab, als die Genesende sich eines Tages erkundigte, ob es ihr geträumt habe, dass der Freiherr von Arten bei ihr gewesen sei, als sie erkrankt war.

Man sagte ihr, dass ihre Erinnerung sie nicht täusche. Sie wollte wissen, wesshalb er nicht wiedergekommen sei. Als man ihr das Verbot des Arztes, irgend Jemanden zu ihr zu lassen, vorhielt, erkundigte sie sich, ob Seba vielleicht den Freiherrn kenne.

Er hat mich zu Ihnen geholt, mein Kind, antwortete ihr diese.

Sind Sie mit ihm verwandt? fragte Eleonore.

Nein, aber seine Mutter war meine Freundin, und als ich jung war, wie Sie jetzt, habe ich seine Mutter, die auch viel Kummer hatte, in meinem Vaterhause lange gepflegt.

Eleonore gab sich damit zufrieden. Matt, wie sie es war, gehörten nur wenig Vorstellungen dazu, sie eine geraume Zeit zu beschäftigen, und erst nach langem Schweigen richtete sie sich ein wenig in die Höhe und sprach: Sie sagten, die Mutter des Freiherrn von Arten habe auch viel Kummer gehabt; Sie wissen also, dass ich Kummer habe?

Ihre Worte, Ihre unbewussten Klagen haben es mir verraten, entgegnete ihr Seba; aber sorgen Sie Sich nicht darum. Was ich vernommen habe, hat mir Mitleid mit Ihnen, hat mir Liebe für Sie eingeflösst, und es ist bei mir wohl aufgehoben.

Sind Sie katolisch? forschte Eleonore weiter.

Nein, ich bin eine Jüdin, antwortete ihr Seba.

Eleonore sah sie ungläubig und wie erschreckend an, und als mache sie sich diesen blick zum Vorwurfe, ergriff sie plötzlich die Hand ihrer Pflegerin und küsste sie zu wiederholten Malen. Seba hinderte sie nicht daran. Alles, was sie während Eleonorens langer Krankheit von Renatus über die Vergangenheit dieses Mädchens erfahren, alles, was Eleonorens Amme ihr über die Vorgänge in Haughton Castle gesagt, hatte Seba überzeugt, dass Eleonore einer völligen Umgestaltung ihres ganzen Wesens bedürftig sei, wenn sie nicht aus Verzweiflung über sich selber untergehen solle; und wie man ein Kind langsam und allmählich auf die Begriffe hinführt, die man ihm zu geben wünscht, wie man es so leitet und führt, dass es sehen muss, was man es sehen lassen will, so langsam und so vorsichtig leitete Seba die Gedanken ihres neuen Pfleglings auf den Pfad, auf welchem sie Heilung und Rettung für Eleonore finden zu können hoffte.

Weil sie selber sich gewöhnt hatte, das Leben eines Menschen in seinem ganzen Zusammenhange zu betrachten und Ursache und wirkung einander gegenüber zu stellen, hatte sie die Kunst erlernt, sich es in den meisten Fällen klar zu machen, durch welche Umstände ein Charakter sich eben so und nicht anders gebildet habe. Noch ehe also ihre Kranke im stand war, sich über sich