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. Es war ihm sogar nicht unwillkommen, wenn sie sich überzeugten, dass ihre heimliche Feindschaft ihn nicht beeinträchtigt habe, dass er sich, wenn auch nicht in der ihren, so doch inmitten der ihm erwünschtesten Gesellschaft viel begehrt, bewege und dass auch ihm die Gunst eines Mächtigen nicht fehle.

Es freute ihn, wenn Hildegard es hörte, wie man Cäciliens blühende Frische, ihren kindlichen Frohsinn und ihren Gesang bewunderte; es freute ihn, wenn er seinem Oheim und seiner Schwiegermutter sagen konnte, dass der Kronprinz am Abend zum Tee bei ihm erscheinen werde, weil man heute eine alte Messe in seinem haus singe; und dass die Art der Geselligkeit, in die Renatus, wie er sich sagen durfte, fast ohne all sein Zutun hineingezogen worden war, ihn zu einem grösseren Haushalte und zu mannigfachen Ausgaben veranlasste, den zu führen und die über sich zu nehmen eigentlich nicht in seinen Absichten gelegen hatte, darüber durfte er sich kein Bedenken und keinen Vorwurf machen. Er tat ja nur, was von einem mann in seiner Stellung und in seinen Verhältnissen gebieterisch gefordert ward; er tat nur, was die Erfahrensten ihm auf andern Gebieten zu tun stets geraten hatten. Er durfte die Mittel nicht schonen, wenn sie dem richtigen Zwecke galten, und wie er Rotenfeld und Neudorf hatte verkaufen müssen, um die Capitalien für den Betrieb der Richtener Wirtschaft flüssig zu machen, so musste er jetzt kein kleinliches Bedenken dagegen tragen, sich ein paar Tausend Taler, deren er für sein breiteres Leben durchaus bedürftig war, auf Wechsel zu verschaffen.

Sich einer solchen geringfügigen Summe wegen aus der Gesellschaft zurückzuziehen, auf die errungenen Vorteile zu verzichten, den heimlichen Gegnern das Feld zu räumen, statt ihnen die Stirn zu bieten, das hätte gegen alle Regeln der Kriegskunst arg verstossen; und vollends sich freiwillig aus der Nähe des Kronprinzen zu verbannen, freiwillig allen den Aussichten zu entsagen, welche die beginnende Gunst desselben für die Zukunft verhiess, das wäre, wie Renatus meinte, eine unverantwortliche Unklugheit gewesen, eine Unklugheit, deren er, ohne ein Unrecht an seiner Familie zu begehen, sich nicht schuldig machen durfte.

Er konnte sich sagen, dass er sich jetzt in völlig geregelten Verhältnissen befinde. Er hatte ein festes Gehalt, ein sicheres, wenn auch nur allmähliches Avancement im Heere vor sich, sein Gut war den Umständen nach in vorteilhafte Pacht gegeben, seine Einnahmen waren keineswegs unbeträchtlich. Nur seine Ausgaben waren allerdings in diesem letzten halben Jahre über alles Voraussehen gross gewesen; aber man hatte nicht in jedem Jahre sich neu einzurichten, nicht in jedem Jahre die völlige Ausstattung für zwei Frauen und für den Bruder zu beschaffen, nicht in jedem Jahre sich in der Gesellschaft festzusetzen, und so lange man sich eine so genaue und strenge Rechnung legte, als er es tat, hatte es nach seiner Ansicht ohnehin mit seinen Verhältnissen nicht das mindeste Bedenken; denn nur die achtlose, die sorglose Wirtschaft war seinem Vater so gefährlich, so verderblich geworden. Und es handelte sich ja nur um wenig Monate. Schon im Laufe der nächsten Zeit, wenn die Gesellschaft aus einander ging, und namentlich in den Sommermonaten liessen sich sehr leicht Ersparnisse machen, mittels deren das neue, kleine Anlehen zu bezahlen war. Renatus war desshalb ganz unbesorgt. Er hätte es für eine ganz unnötige Grausamkeit gehalten, seine Frau oder seine Stiefmutter mit der Erwähnung dieser Tatsachen in dem unschuldigen und fröhlichen Lebensgenusse, dem sich beide zum ersten Male überlassen durften, irgendwie zu stören. Er hatte sie dazu zu lieb, der Beifall, den sie ernteten, tat ihm selbst zu wohl, und er fühlte sich auch Mann genug, sie, ohne dass sie etwas davon ahnten, an solchen kleinen Klippen still vorbei zu führen. Hätte er über Eleonorens Schicksal nur eben so ruhig sein können!

Fünftes Capitel

Seba hatte während des Krieges an manchem Krankenbette gewaltet und gewacht; sie hatte dabei manchem Kummer, manchem tiefen Schmerze, mancher Trauer und schwerem Herzeleid begegnen und es mit ihren Kranken tragen lernen; aber eine ähnliche Verzweiflung, wie sie sich in Eleonorens Fieberphantasieen kundgab, war nie vor ihr laut geworden, und nur in den traurigen Erinnerungen an ihre eigene Jugend fand sie die Kraft, deren sie an diesem Krankenbette bedurfte.

Viele, viele Tage vergingen, ohne dass Eleonore zu irgend einem klaren Bewusstsein gelangte. Sie hatte in den letzten Monaten so viel, so Gewaltiges erlebt, so grosse Erschütterungen durchgemacht, dass alles, was ihr begegnet war und was ihr augenblicklich begegnete, sich bei ihrer Schwäche in ihren Träumen und Fieberphantasieen durch einander wirrte. Bisweilen meinte sie in ihrem schloss zu sein und beschwerte sich darüber, dass man ihr Zimmer so verändert habe; dann wieder glaubte sie sich in Rom in einer Klosterzelle, und als sie eines Tages in zufälliger Bewegung mit ihren Händen nach dem haupt fasste und die Fülle des Haares vermisste, das man ihr auf des Arztes Anordnung während ihrer Krankheit abgeschnitten hatte, rang sich der laute Aufschrei: "Es ist vollbracht!" aus ihrem Herzen empor, und sich weit über ihr Lager hinausbeugend, umschlang sie Seba's Leib mit ihren Armen, und ihr Antlitz auf den Knieen ihrer Pflegerin verbergend, weinte sie bitterlich.

Mit der leidenschaftlichsten sehnsucht rief sie nach dem Abbé und verlangte doch, dass man sie vor ihm beschützen solle. Sie beschwor dann Seba, mit ihr aus den engen Mauern dieses Klosters zu entfliehen, heimlich mit ihr fortzugehen aus dem fremden land und sie nach