ihres Stiefsohnes lebe, dass dieser den Sohn aus seines Vaters zweiter Ehe dem Kadettenhause übergeben habe, und wie von selbst schlossen sich die Erzählungen über die dem Major von Arten sicherlich sehr unerwartete und unbequeme Ankunft und über das Erkranken der zum Katolizismus bekehrten Gräfin Haughton an jene Mitteilungen an. Der König, der in seiner protestantischen Strenggläubigkeit den Religionswechsel an sich, besonders aber den Uebertritt von Protestanten zum Katolizismus ungern sah, schüttelte missbilligend das Haupt.
Könnte auch was Klügeres tun, als die Arten'sche Genie-Wirtschaft fortzusetzen! Schickt sich nicht, schickt sich nicht für einen Offizier! wiederholte er noch einmal, indem er sich erhob, und das Urteil über die Arten'sche Familie war mit diesen Worten für den ganzen Hof nur noch entschiedener als durch die Prinzessin ausgesprochen. Nur Einer liess sich nicht davon bestimmen, nur auf den ältesten Sohn des Königs, auf den jungen, geistreichen und phantastischen Kronprinzen übte diese ganze Unterhaltung eine gerade entgegengesetzte wirkung aus.
Er liebte die Künste und die Wissenschaften, er war ein Verehrer der alten italienischen Musik, seine Vorliebe für Italien und für die Gebräuche der katolischen Kirche war schon damals eine entschiedene, und es hatte daher eben nur der Erwähnung bedurft, dass die Baronin Vittoria von Arten eine entflohene Nonne und eine Meisterin im Vortrage der alten italienischen Kirchenmusik sei, um dem Kronprinzen das Verlangen nach ihrer Bekanntschaft einzuflössen. Eine ehemalige Nonne die alten, tiefsinnigen Melodieen des fünfzehnten und sechszehnten Jahrhunderts inmitten der aufgeklärten und zum teil so nüchternen Gesellschaft singen zu hören, bot für die Phantasie des lebhaften, jungen Prinzen einen reizenden Gegensatz dar, und die Erscheinung der verwittweten Baronin war wie dazu geschaffen, die Gerüchte über ihre Vergangenheit zu bestätigen.
Vittoria selber fühlte sich überrascht, als sie sich zum ersten Male in ihrem Leben in der reichen Tracht erblickte, welche die Etiquette bei den grossen Hoffesten den Eingeladenen vorschreibt. Das schwere Schleppkleid liess ihre Gestalt grösser erscheinen, als sie war, ihre Büste, ihr Nacken zeigten noch die vollendete Schönheit der italienischen Formen, und was die Zeit ihrem mächtigen Antlitze an Frische geraubt hatte, das ersetzte der Ausdruck ihrer Augen, das vermisste man nicht, wenn die Lebhaftigkeit des Gespräches ihre Wangen mit jener feinen Röte färbte, welche eben auch nur den Südländern eigen ist.
Der Kronprinz, der über das Alter Vittoria's nicht unterrichtet gewesen war, hatte in ihr, wenn auch nicht eine alte, so doch eine wesentlich ältere Frau zu finden erwartet, und er war daher erstaunt, in ihr noch eine wirkliche Schönheit zu erblicken. Ihre stolze, edle Haltung gefiel ihm wohl, der weiche, tiefe Ton und die vollendete Reinheit, mit welchem sie ihre Muttersprache redete, erfreute sein gebildetes und für jeden Wohlklang sehr empfängliches Ohr, und als er dann am dritten Orte Vittoria einmal mit Cäcilie gemeinschaftlich singen zu hören die gelegenheit gehabt, hatte er seine Freude über diesen seltenen Genuss so offen und warmherzig ausgesprochen, dass man überall, wo man auf die Anwesenheit des Kronprinzen sich Rechnung machen durfte, die Arten'sche Familie einlud, sicher, den Prinzen durch den Gesang der beiden Frauen angenehm zu unterhalten.
Plötzlich und wider sein Erwarten fand Renatus sich also auf diese Weise in eine Parteistellung gebracht, die er nicht gesucht hatte und die er nicht gewählt haben würde, hätte er es in seiner Hand gehabt, sie nach seinen Wünschen zu bestimmen. Er hatte seine Plane auf ein Vorwärtskommen im Militairdienste und auf die Anerkennung und Gunst des Königs gebaut; aber diese letztere ward ihm nicht zu teil. Es hatte bei der einmaligen Einladung, mit welcher der König ihn beehrte, sein Bewenden; auch an dem hof der Prinzessin wurden Renatus und die Seinen nicht in der Weise, wie sie es wünschen mussten, aufgenommen; dafür aber empfingen alle diejenigen sie mit offenen Armen, welche zu dem näheren Umgangskreise des Kronprinzen gehörten.
Renatus, der sich den vorsichtigen Intriguen seiner Schwägerin und seines Oheims gegenüber in die notwendigkeit versetzt sah, sich nach einem Stützpunkte und Anhalte umzutun, und der, wie alle leicht bestimmbaren Menschen, sehr dazu geeignet war, dasjenige als seine freie Entschliessung zu betrachten, was ihm von der Gewalt der Umstände abgezwungen oder aufgenötigt ward, kam dadurch bald dahin, sich zu überreden, wie es für ihn, wie es für jeden jungen und vorwärts strebenden Mann geratener sei, sich mit seinen Hoffnungen einem gleichalterigen Fürsten anzuschliessen, als deren Erfüllung allein von der augenblicklichen Gunst eines älteren Mannes abhängig zu machen, und die Frauen bestärkten ihn in dieser Ansicht. Sie waren beide in ihrem inneren herzlich froh, die Gräfin Rhoden und mehr noch Hildegard und den Grafen Gerhard so viel als möglich zu vermeiden. Ihnen sagte der jüngere, lebenslustige teil der Gesellschaft besser zu, als die ernstaften Unterhaltungen in den Gemächern der Prinzessin, und Renatus, der es in den Tuilerieen und in den Sälen der Herzogin von Duras wohl erlernt hatte, sich in den durch Geist und Anmut verfeinerten Umgangsformen eines gebildeten Hofes mit Leichtigkeit zu bewegen, fand sich in der Nähe des jungen, immer angeregten, jedem neuen Eindrucke offenen, leicht bewegten und die Andern mit sich fortreissenden Prinzen völlig wie in seinem Elemente.
Es focht ihn schon nach wenig Monaten nicht mehr besonders an, dass sein inneres Zerwürfniss mit seinen und seiner Gattin Anverwandten Niemandem verborgen war. Er suchte die Gesellschaft des Grafen Gerhard und die der Gräfin Rhoden nicht, aber er vermied sie eben so wenig und hinderte auch ihre Anwesenheit in seinem haus nicht