1864_Lewald_163_490.txt

Hälfte des, wie sie glauben musste, ihr allein zu Recht gehörenden Schmuckes an die Schwiegertochter abtrat; und da nebenher auch Cäcilie ein ausserordentliches Vergnügen über den Besitz dieser Diamanten kund gab, so schlug sich Renatus endlich die sorge wegen dieser neuen und für seine gegenwärtigen Verhältnisse viel zu grossen Ausgaben aus dem Sinne. Er tröstete sich damit, dass die Vorsehung, welche ihm so mannigfache, unerwartete Hindernisse bereitet und Prüfungen jeder Art auferlegt habe, ihm doch endlich auch auf irgend eine unvorherzusehende Weise zu hülfe kommen, dass sie es ihm möglich machen müsse, die guten und festen Vorsätze, die er schon in früher Jugend für seine einstige Ehe gehegt hatte, zur Ausführung zu bringen, damit er sich jenes schöne und würdige Familienleben aufrichten könne, welches ihm von jeher als das Ziel vorgeschwebt hatte, nach welchem vor Allem der wahre Edelmann zu streben habe. Dass ihm für diesen idealen Bau die beiden Hauptbedingungen: der feste Boden gesicherter Vermögensverhältnisse oder die Fähigkeit der zu jeder Entbehrung bereiten Selbstbeschränkung, fehlten, daran allerdings dachte der Freiherr nicht.

Mit seinem Namen, mit seinen Verbindungen und bei seiner militärischen Stellung fand er für seine Vorstellung bei hof keine Schwierigkeit; dennoch war der Empfang, welcher ihm und seiner Familie in den verschiedenen Hofstaaten zu teil ward, je nach den, in den einzelnen Schlössern herrschenden Gesinnungen und Lebensgewohnheiten, sehr verschieden. Dass er von Seiten der Prinzessin, welche sich zu Hildegard's Beschützerin gemacht und deren Gunst Graf Gerhard sich erworben, auf keine günstige Stimmung für sich rechnen konnte, hatte sich Renatus im voraus gesagt. Aber die Gnade, welcher die Gräfin Rhoden sich von Seiten der Prinzessin von jeher erfreut hatte, machte es trotzdem für Cäcilie und für ihren Gatten zu einer Pflicht der Dankbarkeit, die Vorstellung bei der Prinzessin nachzusuchen, und Renatus, der in dem Regimente diente, dessen Chef eben der Gemahl der Prinzessin nach dem Kriege geworden war, fand sich damit ab, dass er wenigstens doch die Zufriedenheit und Geneigteit dieses Letzteren besitze und es in seiner Gewalt habe, sie durch die strengste Pünktlichkeit im Dienste in immer höherem Grade zu verdienen.

Diese Pünktlichkeit im Dienste war es auch, welche den König auf den jungen Major von Arten aufmerksam hatte werden lassen. In der ganzen Garde gab es bei den Cavallerie-Regimentern kaum eine andere Schwadron, deren Exercitien so vollendet, in welcher der Mann und sein Pferd so Eins, in der die Leute eine so in einander gefestete Masse und jeder Knopf und jede Schnalle so der strengsten Dienstvorschrift entsprechend gewesen wären, als in der des Majors von Arten. Aber wenn die Armee und ihre äussere Stattlichkeit auch der Stolz des Königs und die Freude an der regelrechten, seelenlosen Front jetzt nach den Kriegen noch mehr als vor denselben seine eigentliche Liebhaberei geworden war, so bestimmte doch der strenge, bis zur Uebertreibung gehende Ordnungssinn des Königs, aus welchem der ganze militärische Gamaschendienst entsprang, seine Anschauungen und Ansichten auch nach andern Seiten. Er erkannte überall nur mit Widerstreben die notwendigkeit oder die Berechtigung zu einer Ausnahme von der festen Regel an. Feste gesetz für eine möglichst einförmige Menschenmasse, das war es, was ihm als Ideal vorschweben mochte. Er verabscheute jene Selbständigkeit des Einzelnen, welche sich ihre Lebensverhältnisse nach eigenem Bedürfen zu gestalten unternimmt; und wie er selber einst in seiner Ehe dem volk nach den zügellosen zeiten seines Vaters ein treffliches Vorbild der guten Sitte geliefert hatte, so verlangte er, dass auch von seiner Umgebung kein böses Beispiel gegeben, dass der Anstand und die Zucht in den Familien mit Gewissenhaftigkeit aufrecht und heilig erhalten und überall dasjenige vermieden werden sollte, was von sich sprechen machen, was aufsehen oder gar ein Aergerniss erregen konnte.

Es waren also nicht eben besondere Anstrengungen dazu nötig, den Major von Arten in der guten Meinung des Königs zu beeinträchtigen. Man bedurfte dazu keiner Künste, keiner Verleumdung, keiner Unwahrheit, die Sache machte sich ganz von selbst. Die Prinzessin, welche nach dem frühen tod seiner Gemahlin dem Könige nur noch näher getreten war, erwähnte nur einmal zufällig und bedauernd der armen, guten Gräfin Rhoden, die nun nach so langer Entfernung von der Hauptstadt unter so traurigen Verhältnissen wieder in dieselbe zurückgekehrt sei.

Der König, dessen nach Fürstenweise wohlgeschultem Gedächtniss nicht leicht eine Tatsache verloren ging, von der er einmal hatte sprechen hören, und der ebenfalls nach Fürstenweise von den Stadt- und Familienneuigkeiten unter der Hand gut unterrichtet zu sein liebte, meinte sich zu erinnern, dass die Tochter der Gräfin mit dem jetzigen Major von Arten frühzeitig versprochen worden war; und wie dann eine Frage nun die andere gab, erfuhr der König alles, was man über die Familiengeschichte der Freiherren von Arten wusste, vermutete und fabelte. Das war aber durchweg danach angetan, dem Könige zu missfallen.

Nicht hübsch, gar nicht hübsch von dem Major, sagte er, ein Mädchen Jahre lang warten und dann sitzen zu lassen! Auch von der Schwester nicht hübsch, gar nicht hübsch!

Er belobte die Prinzessin dafür, dass sie sich Hildegard's angenommen habe. Müssen sehen, dem Mädchen eine Versorgung, einen andern Mann zu schaffen! – Schade um den Major! sonst ein tüchtiger Offizier! fügte er in seiner abgerissenen Redeweise noch hinzu und erkundigte sich dann, was denn aus der Italienerin, aus der ehemaligen Nonne geworden sei, welche der Vater des Majors seiner Zeit aus dem Kloster entführt und aus Italien mitgebracht habe.

Man berichtete dem Könige, dass die Baronin im haus