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diese Vergangenheit nie gelesen; sie wusste jetzt, was ihn an der Arten'schen Familie festgehalten, was ihn bewogen hatte, in Richten zu bleiben, ihn, dem eine grössere Wirksamkeit nicht hätte fehlen können, wäre er gegangen, sie auf weiterem feld zu suchen.

Von einer Vorstellung zu der anderen, von einem Gedanken zu dem anderen schreitend, fragte sie nach langem Schweigen plötzlich: Und wer war der Knabe, woher brachte er Ihnen jene ersten weissen Rosen?

Er war der Sohn einer Witwe, den fräulein Ester aus der Taufe gehoben hatte und den ich auf ihren Wunsch in einer gewissen Aufsicht hielt.

So war es fräulein Ester, welche ihnen jene Rosen sendete?

Durchaus nicht! Die Mutter des Knaben, die ich in einer Krankheit hier und da besucht, schickte sie mir als Erstlinge des Jahres.

Und wieder schwieg die Baronin eine Weile; dann sagte sie: Sie erwähnten der Tante Ester, haben Sie dieselbe näher gekannt?

Ja, versetzte der Caplan. Sie hatte für ihre Nichte die grösste Zärtlichkeit, und Amanda hing an ihr mehr noch als an der eigenen Mutter. Auch war sie die einzige, welcher Amanda, ohne dass ich's ahnte, in früher Zeit ihr geheimnis anvertraut hatte, und fest und treu hat sie es ihr bewahrt.

So wusste Tante Ester also auch von der Verheissung der weissen Rose?

Sie hat nie davon gehört! versicherte der Caplan; ich selbst habe mich davon überzeugt.

Angelika war betroffen. Sie hatte noch während der Erzählung des Caplans mehrmals nach dem Kästchen geblickt, das sie bei seinem Eintreten in der Hand gehabt. Jetzt nahm sie es hervor, schloss es auf, und dem Caplan den Rosenkranz hinreichend, den sie in der Vase in Ester's Zimmer gefunden hatte, fragte sie ihn, ob er denselben vielleicht jemals bei der Tante gesehen habe.

Gott im Himmel, und grade heute! Heute grade, da die geschichte jener Tage zum ersten Mal über meine Lippen kommt! Heute muss ich dieses Pfand in meinen Händen halten! rief der Caplan und blickte mit Rührung auf die Perlen nieder.

Die Baronin wiederholte die Frage. Sie wollte wissen, von wem die Gegenstände stammten, sie zeigte das Crucifix und das Gebetbuch vor; der Caplan betrachtete beides lange und still.

Dass die Sachen uns so überleben! sagte er nach einer Weile. Amanda hatte das Gebetbuch mit Rosenkranz und Crucifix von einem der armenischen Mönche auf San Lazzaro bei Venedig zum Geschenk erhalten. Sie fand eine grosse Erhebung in dem Gedanken, dass schon seit Hunderten von Jahren gläubige Herzen ihr Gebet daran geknüpft, und sie starb mit diesem Rosenkranze in der Hand, mit diesem Crucifix auf ihrer Brust. Die Worte in dem buch hat sie selbst geschrieben mit letzter Kraft und bebender Hand, als sie mir auftrug, Alles dies nach ihrem tod ihrer Tante zu senden. Ich würde, hätte ich's nicht mit angesehen, ihre klare, feine Schrift sonst nicht in diesen schwankenden Zügen wieder zu erkennen vermögen. – Er hielt das Buch lange in seiner Hand. Dann legte er es nieder und sagte gedankenvoll: Und grade Sie, Frau Baronin, mussten diese Heiligtümer finden! Grade heute musste ich dieselben wiedersehen! – O, wie können Sie zweifeln, dass Gott denen, die er seiner Gnade würdigt, wundervolle Zeichen schickt?

Er sprach nicht weiter, die Baronin fragte nicht weiter. Aber sie löste den kleinen Ring von dem Rosenkranze ab und steckte ihn an ihre Hand, die sie dem Caplan reichte. Denken Sie, mein Freund, sagte sie, wenn Sie dieses Zeichen an meiner Hand erblikken, dass zwei edle Herzen, dass Amanda und Ester mir es zugewendet, dass sie mich Ihrer Gunst damit empfohlen haben, und stehen Sie mir bei, wenn ich einmalsie sprach die Worte mit tiefer Erschütterung –, wie jene geprüften und bewährten Seelen, einen Stab brauche, mich darauf zu stützen, und ein Licht, mir zu leuchten durch das Dunkel!

Ja, das will ich, versetzte der Caplan; aber Sie bedürfen meiner nicht. Wer ihn suchet, den Erlöser, der findet ihn; wer nach seinem Lichte ruft, dem erhellt er den Pfad. Er hat Sie bereits zu sich gerufen; geben Sie sich ihm zu eigen, und sein Friede wird über Sie kommen hier und dort.

Er legte seine hände segnend auf ihr Haupt und liess sie zurück in stillem, eifrigem Gebet.

Neuntes Capitel

Der Winter entschwand auf diese Weise, ohne dass der Baron an die Rückkehr auf das Land gedachte. Er fand Behagen an der Residenz, an der Folge immer neuer Zerstreuungen, und Alles, was er sich noch vor wenig Monaten von seiner Ehe, von seiner Häuslichkeit auf Schloss Richten versprochen hatte, ja, Schloss Richten selbst trat davor so sehr in den Hintergrund, dass es Angelika oftmals bedünken wollte, als mache es ihn unmutig, wenn man ihn daran erinnere. Ein Mann, der, wie der Baron sein Leben hindurch auf äussere augenblickliche Erfolge gestellt gewesen, findet sich auf die Länge nicht leicht durch die Ruhe in seiner Ehe und in seinem haus befriedigt, auch wenn er nicht Zerstreuung bedarf, um Vergessenheit dadurch zu erlangen.

Endlich, als die Mehrzahl der adeligen Gesellschaft in der Residenz sich anschickte, aus ihrem städtischen Winteraufentalte wieder auf die Landsitze zurückzukehren, wurden auch in dem freiherrlichen haus die Anstalten zur Abreise getroffen. Indess der Baron fand immer noch einen Grund