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ihre Feindschaft gegen Hildegard, auf ihre ausserordentliche Freundschaft für ihre Schwiegertochter und endlich auch auf ihren Sohn, der sich jetzt bereits in der grossen militärischen Erziehungs-Anstalt befand.

Woher die Gerüchte stammten, welche den Ruf und die Ehre Vittoria's so empfindlich antasteten und dem haus des jungen Freiherrn selbst in jedem Betrachte zu nahe traten, das wusste Niemand zu sagen; aber man nahm sie nichts desto weniger als alte, ganz bekannte Tatsachen auf. Hildegard und die Gräfin Rhoden hatten, wie man versicherte, wohl gelegentlich über Vittoria's Eigenheiten einmal gescherzt, indess von ihnen war ein Wort des ernsten Tadels gegen Cäcilien's Schwiegermutter, so weit man sich erinnerte, nicht ausgegangen. Dass Graf Gerhard, der so streng auf Ehre hielt und in allen Dingen so vorsichtig zu Werke ging, nichts wider die Stiefmutter seines Neffen geäussert haben könne, davon waren alle, die ihn kannten, überzeugt, und doch empfanden Renatus und Cäcilie immer auf's Neue, dass man sie mehr und mehr mit einer peinigenden Neugier beobachtete, dass man sich in einer sonderbaren Weise nach der Baronin Vittoria erkundigte und dass überall und immer die Frage aufgeworfen wurde, ob der Freiherr denn für sich und die Seinigen eine Vorstellung am hof nachzusuchen denke.

Die Lage wurde beiden Gatten unbequem. Man tat im grund durchaus nichts Entschiedenes wider sie, aber sie trafen nirgends auf einen festen Boden, und überall war es, als wachse ein Unkraut unter ihren Schritten auf, das sich ihnen hemmend und hindernd um die Füsse legte. Wollten sie es nicht weiter wuchern, sich nicht davon völlig umgarnen lassen, so mussten sie es mit festem Auftreten niederzuhalten suchen. Es war ohnehin Zeit, sich in die grosse Gesellschaft einzuführen, wenn man überhaupt sich ihr anzuschliessen beabsichtigte, und Renatus wünschte, wie schon erwähnt, sowohl für Cäcilie als für Vittoria einen sie zerstreuenden und unterhaltenden Umgang. Als man jedoch daran gehen wollte, die ersten gemeinsamen Besuche abzustatten, fand es sich, dass Vittoria durchaus nicht für das Leben in der Gesellschaft oder gar am hof mit ihrer Toilette eingerichtet war.

Dem Uebelstande musste abgeholfen werden, denn Renatus hielt sich den alten Grundsatz vor, dass, wer den Zweck wolle, auch die Mittel wollen müsse. Man ging also guten Mutes daran, eine neue und vollständige Ausstattung für Vittoria zu beschaffen, und diese selbst bezeigte wider alles Erwarten des Freiherrn eine grosse Freude daran. Weil sie niemals eine Stadt bewohnt, niemals das für die meisten Frauen so verführerische Vergnügen genossen hatte, reich versehene Magazine zu besuchen und sich in ihnen in freier Wahl nach ihrem Bedürfniss zu versorgen, reizte und erfreute sie alles, was ihr vor die Augen kam. Allerdings blieb sie ihrem Vorsatze, die Trauerfarbe in ihrer Kleidung niemals abzulegen, treu, aber auch für eine solche Tracht war es möglich, einen grossen Geldaufwand zu machen, und Vittoria besass, wenn er bisher in ihr auch niedergehalten worden war, den Sinn ihres Volkes für das Reiche und das Prächtige, das obenein ihrer besonderen Art von Schönheit sehr entsprechend war.

Sie hatte das Verlangen, in der grossen Welt zu leben, zwar seit dem tod ihres Gatten lebhaft gehegt, aber sie war es doch nicht gewesen, welche die Veranlassung zu der Ausführung dieses ihres Wunsches gegeben hatte, und eben desshalb sah Renatus es als seine Pflicht an, ihr bei ihren jetzigen Ausgaben keine kleinliche Beschränkung aufzuerlegen. Er würde sich geschämt haben, die Witwe seines Vaters, die Baronin Vittoria, die neben dem Namen seines Hauses den stolzen Namen der Giustiniani trug, nicht ihrem stand gemäss und nicht nach ihrer Neigung auftreten zu lassen, und er hatte daneben, da der Schönheitssinn seines Vaters auch auf ihn übergegangen war, eine wirkliche Freude daran, Vittoria in einer Weise gekleidet und geschmückt zu sehen, welche die immer noch auffallende Schönheit derselben zur rechten Geltung kommen liess.

Jetzt erst, da Vittoria in die Gesellschaft gehen sollte, fing auch sie nach dem Schmuck zu fragen an, welchen ihr verstorbener Gatte ihr einst als ihr Eigentum und als das Erbe des Hauses übergeben hatte, und Renatus konnte sich nicht überwinden, ihr oder gar seiner Frau das geständnis zu machen, wie von dem vielbesprochenen Arten'schen Familienschmucke jetzt nicht mehr ein Stein vorhanden sei. Er meinte der Ehre seines Vaters damit zu nahe zu treten, und, wie er mit sich in seinem inneren desshalb auch prüfend und überlegend zu Rate ging, es war nicht persönliche Eitelkeit, auch nicht einmal der Wunsch, seine Frau und seine Stiefmutter in reichem Schmucke erscheinen zu lassen, sondern ganz eigentlich die Rücksicht auf das Andenken seines Vaters, es waren seine Kindesliebe und ein Gefühl für das, was er sich und seinem haus schuldig sei, die ihn bewogen, sowohl für Vittoria als für Cäcilie heimlich Ankäufe von Schmuck zu machen. Sie kamen natürlich den einstigen Familien-Diamanten, wie die Baronin Angelika sie aus ihres Gatten Hand empfangen hatte, in keiner Weise gleich; indess Cäcilie hatte die alten Brillanten niemals, Vittoria sie seit langer Zeit nicht mehr gesehen, und Renatus hatte also keine grosse Mühe, es den beiden Frauen glaublich zu machen, dass der verstorbene Freiherr während der Kriegsjahre einige der Wertstücke verkauft und dass er selbst jetzt den übrig gebliebenen Brillanten, Behufs der Teilung zwischen seiner Frau und seiner Mutter, eine neue Fassung habe geben lassen. Es gewährte ihm dabei eine Freude, zu sehen, wie wenig Vittoria zur Habsucht geneigt war, wie bereitwillig sie die