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Anerkennung, eine Geltung und einen Einfluss auf seine Umgebung zu verschaffen, die erlangen zu können er sich vielleicht nie träumen liess und die geschickt zu nutzen er nichtsdestoweniger sehr wohl versteht, oder doch sehr bald erlernt.

Hildegard Rhoden und ihr Freund Graf Berka waren kaum von ihren beiderseitigen Reisen wieder in die Residenz zurückgekehrt, als sie es bemerken konnten, dass sie von ihren Umgangsgenossen mit einer ungewöhnlichen Zuvorkommenheit empfangen und aufgenommen wurden und dass man ihnen eine Stellung, eine Teilnahme und eine Bedeutung einräumte, welche beide in einem solchen Grade nie zuvor besessen hatten. Bei jedem Antrittsbesuche, welchen Hildegard ihren Freundinnen und Bekannten machte, erwähnte man des Wohlwollens, mit welchem die Prinzessin sich nach ihr erkundigt, und der grossen Billigung, mit der sie Hildegard's edles Verhalten aufgenommen habe. Man freute sich, Hildegard so gefasst, so erholt zu sehen, man behandelte sie mit jener Achtsamkeit und Schonung, welche man einer Genesenden entgegenbringt. Man schwieg von Renatus, wie das in diesem Falle auch natürlich war, und wenn man gelegentlich einmal seiner jungen Frau gedachte, so geschah es nur, um die arme Cäcilie zu bedauern, weil das grosse Opfer, welches ihre Schwester ihr gebracht, weil Hildegard's edle Entsagung für die arme Cäcilie doch im grund eine völlig fruchtlose, ja, vielleicht ein Unglück gewesen sei.

Die edle Hildegard und die arme Cäcilie, das waren für diesen Augenblick gleichsam die Stichworte und Erkennungszeichen des gesellschaftlichen Kreises geworden, der sich um die Prinzessin bewegte, und wenn Cäcilie auch nicht die entfernteste Ahnung davon hatte, dass man sich dort darin gefalle, sie als eine unglückliche Gattin, als einen Gegenstand des Mitleids zu betrachten, so fand doch ihre ältere Schwester sich um so schneller darein, die Rolle, welche sie bis dahin nur in der Familie gespielt hatte, fortan auch in der Gesellschaft durchzuführen, da der Zufall ihr dies, wenn auch auf Kosten ihrer Schwester, möglich machte.

Renatus hatte nach der Art, in welcher der erste Besuch seiner Schwägerin in seinem haus verlaufen war, darauf gerechnet, dass ein solcher sich nicht so bald wiederholen, ja, dass er vielleicht gar nicht wieder erfolgen würde. Er hatte sich aber in dieser Voraussetzung getäuscht. Die Mutter und die Tochter kamen beide schon an einem der nächsten Tage wieder, um die Baronin Vittoria aufzusuchen. Sie wünschten, wie Hildegard es ausdrücklich bezeichnete, es den lieben Geschwistern darzutun, dass sie die neulichen kleinen Missverständnisse so leicht genommen hätten, wie man dies unter nahen Anverwandten tun müsse, und obschon der Freiherr wusste, was er von diesen Versicherungen zu halten habe, bewog ihn seine Rücksicht auf dasjenige, was er als den Familienanstand und die gute Sitte bezeichnete, sein inneres Abmahnen zu besiegen und den Schein eines freundlichen Verhältnisses zwischen seinem und dem haus seiner Schwiegermutter aufrecht zu erhalten. Das war aber alles, was Hildegard für sich und ihre Absichten bedurfte.

Jeder, der es sehen wollte, konnte sich jetzt also davon überzeugen, dass die Untreue des Freiherrn und Cäciliens, wie man es doch mindestens bezeichnen musste, sehr unschwesterliches und keineswegs edles Betragen auf Hildegard's grossherzige Gesinnung keinen Einfluss geübt hatten. Sie behandelte das junge Paar mit der grössten Freundlichkeit, sie war es, die seine Verteidigung übernahm, wo man Miene machte, es anzugreifen; sie bestimmte den Grafen Gerhard, den Neuvermählten auf alle Fälle mit einem Besuche zuvorzukommen, und wo immer in Cäciliens Abwesenheit von ihr die Rede war, machte die ältere Schwester sich zu ihrer Lobrednerin und Beschützerin.

Sie gab es den Leuten zu bedenken, dass die arme Cäcilie kein leichtes Leben habe. Es sei für eine junge Frau nichts Kleines, gleich in den ersten Tagen ihrer Ehe eine Erfahrung zu machen, wie Eleonorens Ankunft sie der armen Cäcilie auferlegt; es sei auch keine geringe Aufgabe, mit einer Schwiegermutter wie die Baronin Vittoria sich in das rechte verhältnis zu setzen und die Anwesenheit ihres Sohnes ruhig hinzunehmen.

Fragte man sie, was diese letzte Andeutung besagen wolle, so brach Hildegard stets plötzlich ab, schien erschrocken über die Aeusserung zu sein, die ihr entfahren war, und ging mit unverkennbarer Geflissenheit zu der Schilderung von Vittoria's phantastischen Lebensgewohnheiten über, bei deren Ausmalung sie gegen ihre sonstige schwermütige und elegische Weise eine gute Laune und einen Humor zu entwickeln verstand, welche die Hörer unterhielten und sie zum Wiedererzählen des Vernommenen verleiten mussten.

Vittoria hatte noch keine Besuche in der Stadt gemacht, als über sie bereits die widersprechendsten Gerüchte im Umlauf waren. Man unterhielt sich lachend davon, dass sie sich trotz der vierzehn Jahre, seit denen sie im Norden lebe, noch nicht an das Klima habe gewöhnen können, dass sie beim Beginne des Winters, am Tage schlafend und in den Nächten wachend, sich förmlich in ihren Zimmern vergrabe, um von der schlechten Jahreszeit so wenig als möglich gewahr zu werden; dass sie sich nur von Früchten und von Süssigkeiten nähre, dass sie unter dem Vorgeben, um ihren verstorbenen Gatten immer noch zu trauern, beständig schwarz, und zwar in einem nonnenartigen Gewande einher gehe, während diese Schwarze Tracht ihr doch als eine Busse für ihre Flucht aus dem Kloster auferlegt worden sei; und neben diesen aus missdeuteter Wahrheit und aus absichtlicher Erfindung zusammengesetzten Erzählungen tauchten hier und da bedenklichere Gerüchte auf, welche sich in anderer Weise mit der Baronin Vittoria zu tun machten. Sie bezogen sich auf ihre eheliche Treue, auf ihr früheres und auf ihr gegenwärtiges verhältnis zu ihrem Stiefsohne, auf