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, fragte Cäcilie, ob ihre Mutter die Baronin Vittoria nicht begrüssen, ob man nicht noch einen Augenblick zu ihr gehen wolle; aber Hildegard bestand darauf, dass es zu spät sei, dass man sich beeilen müsse.

So gelangte man in das Vorzimmer. Mit einem Male blieb die Gräfin stehen. Du wirst also, sagte sie, sich zu Renatus wendend, voraussichtlich in nicht zu ferner Zeit Cäcilie zu Seba und zu Tremann bringen, der sich ja wohl auch verheiratet hat, und es ist ihre Pflicht, sich Dir, auch wo es ihr schwer fallen wird, durchaus zu fügen! Wolltest Du mich aber, damit ich diesen in der Tat für Dich sehr auffallenden Schritt doch zu erklären und vor der Gesellschaft zu begründen im stand bin, vielleicht wissen lassen, welches der grosse Dienst oder welches die grosse Aufopferung ist, für die Du Tremann Dich verpflichtet fühlst, so würdest Du mich verbinden, und Cäcilien würde Deine Forderung dann vielleicht auch weniger überraschend dünken!

O! rief Renatus, für den es in diesem Augenblicke der Ueberreizung keine Zurückhaltung mehr gab – o, Cäcilie wird, wenn es sie anders glücklich macht, mein Weib zu sein, gewiss mit Freuden zu dem mann gehen, dem ich meine Erhaltung, dem ich mein Leben zu verdanken habe!

Dein Leben? fragten die drei Frauen wie aus einem mund.

Ja, mein Leben! wiederholte der Freiherr, dem es plötzlich wohler und frei um's Herz ward, als er den ersten Schritt zu der Genugtuung getan hatte, welche er aus Hochmut seinem Retter bisher schuldig geblieben war. Ohne Tremann's männliche Entschlossenheit, ohne seinen Mut läge ich begraben unter den Tausenden, die bei Möckern ihren Tod gefunden haben! Und er sah meinem, unserem Vater in dem Augenblicke, in welchem er mir zu hülfe eilte, so vollkommen gleich, er rief mich so völlig mit meines Vaters stimme an, dass ich lange wähnte, eine Vision gehabt zu haben, dass ich erst, als ich ihn später, als ich ihn in Ruhe wiedersah, zu der erkenntnis kam, dass es ein sterblicher Mensch wie ich, dass es Tremann und nicht mein Schutzgeist in der ehrwürdigen Gestalt meines damals eben erst dahingegangenen Vaters gewesen war, der den Todesstreich von meinem haupt abgewendet hatte! –

Es war gesagt. Nun war es ausgesprochen, und doch hatte Renatus auch jetzt noch nicht die Kraft besessen, sich in voller Wahrheit von dem früheren Märchen loszureissen; er hatte sich einer Unwürdigkeit nicht zeihen mögen.

Es entstand eine Pause. Cäcilie hing sich an ihres Gatten Arm, die Gräfin war unentschlossen, was sie sagen sollte, Hildegard's Mienen verrieten ihren Zweifel an dem Sachverhalte. Die Mitteilung war Allen so spät, so unerwartet gekommen, dass man nicht wusste, wie man sich ihr gegenüber eigentlich zu verhalten habe, und die kühle Weise, mit welcher sie von der Mutter und von Hildegard aufgenommen wurde, lähmte den Aufschwung, zu dem die Seele des Freiherrn sich eben erst erhoben hatte.

Das verändert die Sache freilich! meinte die Gräfin endlich, das sind Gründe, die man gelten lassen muss und die man anzugeben vermag! Hüte Dich aber, dass Deine schöne Dankbarkeit Dich nicht zu weit führt, lieber Sohn! Sei vorsichtig auch in diesem Punkte! Wir sprechen bald einmal davon, recht bald!

Sie umarmte die Tochter, umarmte auch den Sohn, und man trennte sich mit dem herkömmlichen "Auf Wiedersehen!" –

Die Frauen hatten aber die Schwelle des Hauses noch nicht überschritten, als Hildegard ihren Arm in den der Mutter legte und, sich an sie schmiegend, leise sagte: Mama, sei ruhig, ganz ruhig über Deine Hildegard, Du wirst sie nicht mehr klagen hören, nicht mehr weinen sehen, Gott hat es wohl mit mir gemeint! Das war nicht der Mann, mit dem ich glücklich werden, das war nicht das Haus, in dem ich Frieden finden konnte! Renatus hat doch im grund seines Vaters, hat doch den Artenschen Sinn, der sich zu allem demjenigen hingezogen fühlt, was unseren Begriffen von Sitte und von wahrer Würde widerspricht! Ich wäre an seiner Seite zu grund gegangen wie die Cousine Angelika an seines Vaters Seite, das sehe ich immer klarer ein! Lass uns hoffen, Mama, dass Cäcilie weniger fein empfindet, und vor allen Dingen, liebe Mutter, lass uns ihr zur Seite stehen und über ihr wachen. Sie wird das, wie ich fürchte, nötig haben.

Viertes Capitel

Die mehr oder weniger grossen Kreise von Menschen, welche sich als eine durch gewisse Ueberzeugungen, Sitten oder Lebensgewohnheiten zusammengehörende Gesellschaft betrachten, sind in der Regel sehr geneigt, sich von einem ihrer Mitglieder einen bestimmten Anstoss geben und von diesem in irgend eine beliebige Bahn hineinschieben zu lassen, in der sie dann, je nach den Fähigkeiten der Einzelnen, vorwärtsschreiten und die Bewegung, zu der sie getrieben worden sind, wie eine von ihnen selbst ausgegangene eifrig fortzusetzen pflegen. Denn wie die Gemeinschaft, die Masse in gewissem Sinne Gedanken erzeugt und schöpferisch belebend auf den Einzelnen zurückwirft, so empfängt sie noch häufiger ihre Gedanken und Meinungen von einer einzelnen person, und es sind leider nicht immer die Edelsten und Besten, nicht immer die Unparteiischen, nicht immer die Selbstlosen, welche den Ton angeben und bestimmen. Irgend ein Zufall, irgend eine Schicksalsgunst, irgend ein das billige Mitleid anregender Unglücksfall, vermögen einem bisher missachteten Charakter nicht nur Verzeihung, sondern eine