bei seinem Wiedersehen mit Seba dieser von seiner Frau gesprochen, hatte er damals nicht die bestimmte Absicht gehabt, ein Umgangsverhältniss zwischen seinem und dem Tremann'schen haus einzugehen; jetzt aber fühlte er sich dazu geneigt, denn er übersah mit jener klarheit, die uns bei entscheidenden Anlässen oft in ungewöhnlich hohem Grade und plötzlich zu Gebote steht, wie er dadurch eine Scheidewand zwischen sich und seinem Oheim aufrichtete, die nicht leicht zu übersteigen war, und dass er eben dadurch auch Hildegard von sich entfernen werde. Er wollte vor allen Dingen Ruhe und Frieden in seinem haus haben. Seine Frau sollte nicht, wie einst seine Mutter, von heimlicher Böswilligkeit beunruhigt werden, und weitergehend, als es in diesem Augenblicke nötig gewesen wäre, lehnte er den Beistand seiner Schwiegermutter wie den seiner Schwägerin entschieden ab. Er sagte, dass Eleonore noch auf lange Zeit hinaus vor jedem sie aufregenden Eindrucke bewahrt bleiben müsse und dass es eine Undankbarkeit gegen Seba's Alles vergessende und vergebende Güte sein würde, wollte man sie wie einen Notbehelf behandeln, den man beseitige, sobald man seiner nicht ganz unumgänglich bedürfe, eine Undankbarkeit, deren er sich gegen sie zum zweiten Male nicht schuldig machen wolle.
Die Gräfin hörte ihm mit ihrer gewohnten Ruhe zu; wer sie aber näher kannte, den vermochte diese Gelassenheit nicht über ihren Unmut zu täuschen. Es war ein gutgemeinter Vorschlag, sagte sie, und Du hast sehr Recht, mein Sohn, ihn abzulehnen, wenn er Deinen Absichten nicht entspricht. Ob Du aber meine Tochter grade jetzt, grade in Deinen gegenwärtigen und besonderen Verhältnissen, zu Seba Flies und in das Haus von Tremann führen sollst, das, meine ich, würde doch erst reiflich zu erwägen sein. Ich bekenne Dir, ich bin nicht dafür.
Und darf ich fragen, was Sie dawider haben? erkundigte sich Renatus, dem ein Etwas in dem Tone seiner Schwiegermutter sehr empfindlich auffiel.
Du hattest sonst, und ich habe dies nur zu begreiflich gefunden, eine Abneigung dagegen, mit diesem Herrn Tremann in Berührung zu kommen! entgegnete sie ihm, ihre Worte nachdrücklich bezeichnend.
Renatus fühlte, dass er errötete, und das bestimmte ihn, sich gegen die verweisenden Ermahnungen seiner Schwiegermutter aufzulehnen. Es musste heute, gleich heute, ein für alle Mal entschieden werden, wer der Herr in seinem haus sein solle, und entschlossen, nötigenfalls seine ganze Vergangenheit an die Sicherung seiner Zukunft zu setzen, sagte er: Es ist nicht gut, liebe Mutter, dass Sie mich an alle die Fehler und Irrtümer erinnern, die ich mir habe zu Schulden kommen lassen! Schieben Sie dieselben auf Rechnung meiner sehr einseitigen Erziehung, aber glauben Sie mir, dass ich gesonnen bin, sie abzulegen und, so viel an mir ist, zu vergüten!
Es ist also Dein Vorsatz, Dich – sie hielt inne, als sträube sich ihre Empfindung dagegen, das Wort auszusprechen – dem Sohne Deines Vaters, den Dein Vater nicht anzuerkennen doch sicherlich seine guten Gründe hatte, jetzt brüderlich zu nähern und meiner Tochter in diesem Abkömmlinge einer Dienstmagd den Schwager zuzuführen? – Darauf war ich wirklich nicht gefasst!
Renatus, der die leicht bewegliche Empfindlichkeit seiner Mutter geerbt hatte, wurde jetzt eben so bleich, als er vorhin mit Röte übergossen worden war. Es ist nicht meine Absicht, sagte er, vor der Welt ein brüderliches verhältnis mit Paul Tremann aufnehmen zu wollen, das eben vor ihr einmal nicht zu Recht besteht! Aber es ist mein Vorsatz, mein fester Vorsatz, einen Mann, von dem ich nur Gutes und Ehrenvolles weiss, einen Mann, dem ich das Höchste schulde, was ein Mensch dem andern schulden kann, und der sich mir, ganz abgesehen davon, soweit ich seiner anderweit bedurfte, dienstgefällig und mit ehrlichem Rate bewährt hat, künftig nicht mehr, bloss um desshalb von mir zu weisen, weil er der uneheliche Sohn meines Vaters ist.
Die Gräfin schüttelte missbilligend das Haupt. Wähle Deine Ausdrücke etwas vorsichtiger, lieber Renatus, sagte sie; meine Töchter sind an solche Unumwundenheiten Gottlob nicht gewöhnt!
So wird Cäcilie sich daran gewöhnen müssen, sie ist eines Soldaten Frau! entgegnete der Freiherr, der, gleichmässig von seinem Zorne wie von dem Bewusstsein fortgetrieben, dass er viel weiter gegangen war, als er je beabsichtigt hatte, den Anschein einer völligen Geistesfreiheit aufrecht zu erhalten wünschte.
Cäcilie ist nur nicht mit Dir allein in diesem Zimmer! bedeutete ihn die Gräfin, indem sie sich erhob.
Hildegard war schon vorher aufgestanden und an das Fenster getreten, als die Unterredung sich auf Paul gewendet hatte. Sie machte sich an Cäciliens Nähtisch mit der Betrachtung ihrer Stickerei zu tun. Die junge Frau blickte verlegen und bittend bald die Mutter, bald den Gatten an. Sie war beständig dem Weinen nahe, und ihr unverkennbarer Kummer machte Renatus gegen die Gräfin und gegen Hildegard noch unversöhnlicher.
Die Gräfin sah nach der Uhr, Hildegard sagte, sie habe die Mutter bereits daran erinnern wollen, dass es Zeit zum Gehen sei, weil man mit dem Mittag auf sie warten werde. Cäcilie fragte, ob sie nicht zu haus ässen, die Mutter verneinte es, sagte jedoch nicht, wohin sie geladen sei, und Cäcilie zog es vor, sich danach nicht zu erkundigen.
Das unbehagliche Gespräch war plötzlich und mit einem entschiedenen Misstone abgebrochen worden, man redete nur noch von den allergleichgültigsten Dingen, während der Diener den Damen die Mäntel in das Zimmer brachte. Als er sich entfernt hatte