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bis dahin abgehalten, das unerfreuliche Gespräch zu unterbrechen, und eben das nämliche Verlangen war es jetzt wieder, welches sie bestimmte, sich mit einer plötzlichen Frage um das Ergehen Seba's in das Mittel zu legen.

Renatus antwortete darauf, wie seine gegenwärtige Gereizteit es ihm eingab. Er sprach, ohne im grund viel davon zu wissen, von der ausgezeichneten Verehrung, deren Seba geniesse, von den würdigen Verhältnissen, in denen sie sich bewege. Er erwähnte ihrer günstigen Vermögenslage, ihres glücklichen Familienkreises, und er hegte bei jedem seiner Worte die geheime Hoffnung, dass es Hildegard zuwider sein, dass es sie wo möglich noch mehr verletzen werde, als er Verletzungen von ihr erlitten hatte.

Die Mutter nahm alle seine Nachrichten mit Güte auf. Sie äusserte ihre Genugtuung darüber, sich in Seba, mit der sie zu den zeiten des Tugendbundes viel verkehrt hatte, nicht getäuscht zu haben; sie nannte es sogar einen glücklichen Gedanken, dass Renatus Seba zu der Kranken hingerufen habe, da sie hülfreich sei und sicherlich bereitwillig bei Eleonoren ausharren werde, bis sie selber, sie und Hildegard, die Pflege der Gräfin Haughton übernehmen könnten, wozu sie gleich in den nächsten Tagen, wenn sie nur ihre nötigsten Einrichtungen getroffen haben würden, gern erbötig wären.

Dieses Anerbieten seiner Schwiegermutter brachte Renatus für den Augenblick um seine Fassung, obschon es, das konnte er nicht läugnen, in vielfachem Betrachte eben so natürlich als zweckentsprechend war. Wenn die Mutter und die Schwester seiner jungen Frau, wenn die Gräfin Rhoden, deren Charakter über jeden Zweifel erhaben und deren gesellschaftliche Stellung eine so wohl begründete war, sich der Gräfin Haughton annahmen, mussten alle Gerüchte, welche über Eleonore wie über ihre Beziehungen zu dem jungen Freiherrn im Umlaufe waren, davor verstummen, und Eleonore hatte für den Fall ihrer Herstellung an der Gräfin gleich den Anhalt, dessen sie bedurfte. Er hätte daher den Vorschlag seiner Schwiegermutter, als ein glückliches Ereigniss, mit tausend Dank begrüsst, wäre Hildegard in demselben nicht beteiligt gewesen und hätte er nicht auf das unwiderleglichste gefühlt, dass die Feindschaft zwischen dieser und zwischen ihm eine unversöhnliche sei, dass Hildegard ihn und Cäcilie hasse, dass die Mutter, aus einem sehr erklärlichen Mitgefühle für ihre weniger glückliche Tochter, Partei für diese nehme und dass also auch die Hülfsleistung, zu der man sich für die Gräfin Haughton erbot, ohne alle Frage nur dazu benutzt werden würde, einen neuen Heiligenschein für Hildegard daraus zu machen.

Es ist ein unvergesslicher, es ist oft ein entscheidender Moment für einen Menschen, wenn er sich zum ersten Male eingestehen muss, dass er Feinde, unversöhnliche Feinde habe, wenn er es in sich fühlt, wie er diejenigen zu hassen vermag, an deren Hass gegen ihn er nicht mehr zweifeln kann, und es war ein doppelt schmerzlicher Augenblick für den im grund seines Wesens guten und nicht charakterfesten Freiherrn, der bisher nur selten auf Widerstand gestossen war. Er hatte in seiner frühen Jugend keines fremden Menschen hülfe nötig gehabt. Er war überall gern gesehen worden, weil er nichts zu begehren gebraucht, er hatte es also auch nicht gelernt, wie man sich mit seinen berechtigten Ansprüchen denen gegenüber zu behaupten hat, die aus irgend einem grund nicht gewillt sind, jene Ansprüche anzuerkennen und zu befriedigen. Nach der Lehre seiner Kirche hatte er unwillkürlich an dem Glauben festgehalten, dass, wie vor Gott, so auch den Menschen gegenüber, die Reue genug tue für den Irrtum, und die Busse für den Fehl. Er hatte sich über sein Verhalten und über sein Unrecht gegen Hildegard in keiner Weise verblendet, er hatte nur nicht sich allein, nicht sich ausschliesslich für den Schuldigen betrachtet, sondern vielmehr erwartet, dass auch Hildegard es allmählich einsehen werde, in wie weit sie selber zu ihren schmerzlichen Erlebnissen die Veranlassung geboten habe, und eben desshalb hatte er sich der Hoffnung hingegeben, früher oder später zu einer Ausgleichung mit ihr gelangen zu können, über welcher, wie auf einem neuen Unterbau, sich ein schönes und friedliches Familienleben errichten lassen würde. Hildegard's Güte, ihr liebevolles Gemüt, ihre Hingebung für Andere, ihre Entsagungs- und Opferfähigkeit waren seit ihrer Kindheit in der Familie und von Fremden immerdar bewundert worden; sie hatte ihren Verlobten auch beständig und mit einer Vertrauen fordernden Kraft auf diese ihre Tugenden und Eigenschaften hingewiesen, und er hatte also darauf gerechnet, dass sich dieselben auch in diesem besonderen, in seinem besonderen Falle bewähren würden. Nun fand er sich plötzlich in dieser Voraussetzung auf das Unerbittlichste getäuscht.

Eine Viertelstunde des Beisammenseins mit Hildegard hatte es ihm unwiderleglich dargetan, dass er in ihr eine Feindin besitze, dass sie für ihre Feindschaft in dem Grafen Gerhard einen Bundesgenossen gewonnen habe, und dass die Gräfin Rhoden, trotz ihrer Mutterliebe für Cäcilie, sich, wie gesagt, verpflichtet halte, vor allen Dingen auf die Wohlfahrt der noch unverheirateten, der unversorgten Tochter oder, wie sie es in der Sprache der Gesellschaft bezeichnete, auf das Empfinden und die Beruhigung ihrer armen Hildegard Rücksicht zu nehmen, die sich nur in Taten der Entsagung und in Werken der Liebe genug tun konnte.

Er hätte nicht gleich, nicht mit Sicherheit anzugeben vermocht, was er davon befürchtete, wenn die Gräfin Rhoden und Hildegard sich mit Eleonore in Verbindung setzten, er hatte nur die überzeugung, dass er es zu hindern suchen und dass er vor allem Andern darauf denken müsse, sich in seinen Angelegenheiten vor jeder Beeinflussung durch die Familie zu bewahren. Obschon er