das Augenglas hin und sagte, plötzlich in den Ton gleichmütigster Unterhaltung übergehend: Ich habe jetzt sogar weit stärkere Gläser nötig, und Dein Onkel, der sich meiner in Pyrmont mit der grössten Güte angenommen, hat mir dieses schöne Lorgnon geschenkt. Sein und mein Auge tragen ganz gleich weit, und wir sehen auch geistig die Dinge und die Menschen häufig unter gleichen Gesichtspunkten an. Er ist vorgestern zurück gekommen; wir waren eben bei ihm.
Ihr wart bei ihm? fragte Renatus, und heute schon? Ist denn der Onkel krank?
Nicht eigentlich, gab Hildegard zur Antwort; er ist schmerzensfrei und heitern Geistes. Das Bad hat ihm sehr wohlgetan, nur das Gehen wird ihm schwer. Doch hält der Arzt die leichte Lähmung für vorübergehend und ungefährlich.
Die Lähmung? wiederholte der Freiherr, seit wann ist der Onkel denn gelähmt?
Wusstest Du das nicht? fragte Hildegard, statt ihm zu antworten. O, das ist nicht hübsch von Dir! Das Uebel zeigte sich ja gleich nach seinem Anfalle, er suchte nur, es zu verbergen, weil er die Anderen nicht zu beunruhigen wünschte! Aber man sieht es, dass Du Dich um unsern guten Grafen wenig kümmerst, und er nimmt doch so viel teil an Dir! Das Erste, wovon der Onkel mit uns sprach, war nicht sein Befinden, sondern seine sorge um Cäcilie und um Dich!
Renatus hob das Haupt empor, und der neuen Schwägerin mit einem scharfen Blicke ins Auge sehend, fragte er bestimmt: Was soll das heissen? Was hat der Onkel zu besorgen für mich und meine Frau?
Hildegard seufzte, und die stimme senkend, sprach sie: Die Unüberlegteit, mit welcher Eleonore Dir gefolgt ist, die Rücksichtslosigkeit, mit der sie sich in dem ersten Gastofe der Stadt unter ihrem eigenen Namen einquartierte, beunruhigen ihn um Euretwillen, und ....
Und Du hast hoffentlich, fiel Renatus ihr in die heuchlerische Rede, da Du die Wahrheit kennst, es dem Onkel gleich gesagt, dass Eleonore nicht mir gefolgt ist, dass ich gegenwärtig mit ihr in keinem andern Zusammenhange stehe, als in demjenigen, in welchen ein Zufall mich verstrickte, ein Zufall, den ich nicht einmal beklagen darf, denn Cäcilie ist eben so verständig als meiner Liebe sicher, und die Gräfin Haughton wäre hier sehr verlassen, hätte sich Seba Flies ihrer nicht auf meine Bitte angenommen!
Seba Flies? rief Hildegard mit einem allerdings begreiflichen Erstaunen, Du hast Deine alte Bekanntschaft mit der Flies wieder aufgenommen? Das ist ja etwas völlig Neues! – Und sich von dem Schwager zu der Mutter wendend, sagte sie: Stelle Dir vor, Mama, Renatus hat sich mit der Flies, vor der er mich einst mit Recht gewarnt hat, wieder in Verbindung gesetzt, hat ihr die Gräfin Haughton anempfohlen! – Du hast also wohl auch Cäcilie zu ihr hingeführt? Das ist sonderbar!
Renatus war empört über Hildegard, denn sie reizte und kränkte ihn mit einer Art von Wollust, weil sie von ihm auf die Schonung und Rücksicht rechnen durfte, die er ihr mehr als jedem Andern angedeihen zu lassen durch die Verhältnisse gezwungen war.
Das ist sonderbar, höchst sonderbar! wiederholte sie; aber Du bist freilich oftmals unbegreiflich! fügte sie hinzu.
Ich finde es nicht unbegreiflich, entgegnete Renatus, dass man, so lange man jung und unreif ist, sich von augenblicklichen Eindrücken zu unbesonnenen Handlungen fortreissen lässt, und nicht sonderbar, dass ein Mann, wenn er zur Einsicht in seine Irrtümer gekommen ist, ihren nachteiligen Folgen, so weit er es vermag, vorzubeugen und seine Ungerechtigkeiten gut zu machen trachtet! Ich habe Cäcilie noch nicht zu Seba führen können, aber ich denke es zu tun, sobald die Gräfin Haughton Seba's Beistand weniger bedürfen wird!
Du bist natürlich Herr, zu tun und zu lassen, was Dich gut dünkt, meinte Hildegard, welche in der Aeusserung des Freiherrn über seine jugendlichen Irrtümer eine für sie kränkende Anspielung auf ihre Vergangenheit gefunden hatte; und Du hast Dir ja auch die Freiheit, nach Deiner wechselnden erkenntnis zu verfahren, immer und in allen Lebensverhältnissen unbedenklich zuerkannt! Nur wundern wird man sich über diese Sinnesänderung, und der Onkel nicht am wenigsten!
Sie erschrak, als sie diese Worte ausgesprochen hatte, denn Renatus überflog sie mit einem Blicke voll stolzen und triumphirenden Erstaunens, vor dem sie unwillkürlich die Augen niederschlug. Du bist sehr eingeweiht in die Ansichten und in die Geheimnisse des Onkels, sagte er. Gleichviel aber, ob die beichte, die er Dir offenbar getan hat, seiner von Dir gerühmten Sinnesänderung vorausgegangen oder ob sie eine Folge der Bekehrung gewesen ist, die Du an ihm gemacht hast, in jedem Falle bist Du um die Mitwissenschaft derartiger Geheimnisse nicht zu beneiden! Ich für meinen teil finde solche Geständnisse empörend, und ich würde es einem mann nie verzeihen, der sich unterfinge, sie einer mir in irgend einer Weise angehörenden Frau nach seinem Belieben aufzudrängen! Die Mitwissenschaft um solche Dinge ist keine Ehre für einen Mann, und für eine Frau ....
Die Gräfin hinderte ihn durch ihr Dazwischentreten, das vernichtende Wort auszusprechen, das auf seinen Lippen schwebte.
Sie hatte bisher anscheinend nur auf Cäciliens Mitteilungen hingehört, doch war ihr nichts von der Unterredung der beiden Andern und von der immer bitterer werdenden Wendung entgangen, welche sie genommen hatte. Einzig der Wunsch, es zu keinem öffentlichen Zerwürfnisse in ihrer Familie kommen zu lassen, hatte sie