, Cäcilie ebenfalls Zerstreuung nötig hatte.
Weder das Alleinsein mit Vittoria, in welchem, wie natürlich, Eleonore Haughton den einzigen Gegenstand der Unterhaltung machte, noch die Begegnungen mit der Mutter und der Schwester, bei denen derselbe Gegenstand und noch andere, eben so unerfreuliche Erörterungen zur Sprache kommen mussten, konnten dem aufgeregten Gemüte der jungen Frau zu einer Besänftigung gereichen, und Renatus selber fühlte das Bedürfniss, sich, wenn auch nur für einzelne Stunden, von den peinlichen Eindrücken, von den Sorgen abzuziehen, die auf ihm lasteten.
Er hatte gehofft, Hildegard werde sich wenigstens für die erste Zeit von seinem haus fern halten, und er hatte dies nicht erst besonders gefordert, weil es ihm das Natürliche gedäucht hatte. Aber er kannte weder die Neigung gewisser Frauen, sich und Anderen das Leben möglichst schwer zu machen, noch die furchtbare Berechnung, welcher eben solche Frauen fähig sind. Er hatte es nicht vorausgesehen, dass Hildegard, um die von ihr übernommene Rolle grossmütiger Entsagung aufrecht zu erhalten, sich und dem jungen Ehepaare die Marter eines unnützen Zusammenkommens auferlegen würde; er hatte noch weniger erwartet, dass die Mutter ein solches Verhalten als nötig bezeichnen und also es begünstigen werde.
Renatus sass, von der Parade kommend, mit Cäcilien beisammen, als die beiden Frauen, von deren Ankunft in der Stadt man noch nicht unterrichtet worden war, sich zum ersten Male in dem neuen Haushalte melden liessen. Mit einer Befangenheit, mit einer Bestürzung, welche in diesen Verhältnissen sehr erklärlich waren, erhoben die jungen Eheleute sich, den Eintretenden entgegen zu gehen. Cäcilie warf sich der Schwester in die arme und barg, in Tränen ausbrechend, ihr Gesicht an Hildegards Brust, während Renatus, nachdem Cäcilie sich aufgerichtet hatte, die Hand seiner Schwägerin ergriff und sie an seine Lippen führte.
Sei willkommen in unserm haus und gönne mir es, Dir als ein Bruder zu vergüten, was ich Dir getan! Das war alles, was er sagte, aber obschon er sehr blass geworden, war seine stimme doch vollkommen fest und ruhig.
Hildegard hatte ebenfalls die Farbe gewechselt; indess das Lächeln, mit dem sie in das Zimmer gekommen war, wich weder vor Cäciliens Tränen, noch vor ihres Schwagers Worten von ihren Lippen; und sich zu der Mutter wendend, sprach sie: Hatte ich nicht Recht, dass wir, ohne sie darauf vorzubereiten, hieher gegangen sind? Ihr solltet es gleich sehen, dass ich nicht um meinetwillen komme, Ihr solltet nicht darüber in Zweifel sein, wie ich für Euch gesonnen bin, und dass die Rücksicht auf Eure gesellschaftliche Stellung mir wichtiger ist, als mein eigenes Empfinden. Wer darf Euch tadeln, wenn ich für Euch bin? Aber wie geht es Euch? Es scheint, die Stadtluft tut Euch nicht recht wohl. Nicht wahr, liebe Mutter? Cäcilie sieht nicht gut aus und Renatus auch nicht!
Sie machte es mit diesem Nachsatze für den Freiherrn zu einer Unmöglichkeit, ihr auf ihre ersten Erklärungen zu antworten, und weil Cäcilie sich von der Herablassung der Schwester, von ihrem verzeihenden Erbarmen eben so gepeinigt fühlte, als der Freiherr ihr Betragen beleidigend fand, beeilte die junge Frau sich, der Unterredung ein Ende zu machen, indem sie die Mutter und die Schwester aufforderte, sich in ihrem haus umzusehen.
Die wohnung des Freiherrn war sehr ansehnlich und immer noch reich ausgestattet. Sie musste für prächtig gelten, wenn man sie mit den Möglichkeiten der Gräfin Rhoden verglich, und die Mutter hielt ihr Wohlgefallen an den Einrichtungen, welche Renatus getroffen hatte und in denen sie ihre Tochter wiedersah, auch nicht zurück, so dass Cäciliens unschuldige Besitzesfreude sich an der Teilnahme der Mutter steigerte, und ihr Gatte sich für seine Mühe wohl belohnt fand.
Nur Hildegard ging langsam hinter den Anderen her und musterte die einzelnen Gegenstände mit dem Augenglase in der Hand. Ach, die Lehnsessel aus dem lieben Bilder-Cabinette! rief sie. Ach, also auch die antiken Statuetten aus der Mutter Wohnzimmer habt ihr von Richten fortgenommen! sprach sie. Wie nur die guten, alten Familienbilder sich hier in der Stadt behagen mögen? scherzte sie; und jedes ihrer Worte, jede ihrer Bemerkungen war ein Nadelstich für den Freiherrn.
Es tat ihm wehe, wenn sie erwähnte, wie öde die Zimmer jetzt in seinem schloss sein müssten, es verdross ihn, wenn sie die neuen Anschaffungen mit einer auffälligen Verwunderung bemerkte, und das Blut stieg ihm zu kopf, als sie zum zweiten Male gegen ihre Mutter den Ausspruch tat, dass Cäcilie und Renatus wirklich ganz artig, aber ganz artig eingerichtet wären. Schon trat ein Wort des ausbrechenden Zornes ihm auf die Lippe, aber er unterdrückte es wieder. Er hatte jenen edlen Sinn, der eine Busse entschlossen auf sich nimmt, wo er ein Unrecht gegen Andere begangen hat, und seine Missempfindung gewaltsam überwindend, brach er, um nicht in der Rede stecken zu bleiben, den begonnenen Satz zu der Frage um, ob Hildegards angeborene Kurzsichtigkeit in dem Grade zugenommen habe, dass sie ihr den Gebrauch eines Augenglases jetzt selbst im Zimmer nötig mache.
Wundert Dich das? entgegnete sie ihm. Ich habe viele Nächte durchwacht und viele Tage durchweint; das dient den Augen nicht!
Dann, als sie sich überzeugt hatte, dass auch diese Bemerkung ihres Eindrucks auf Renatus, auf den einst geliebten und eben desshalb jetzt gehassten Mann nicht verfehlte, reichte sie ihm, als wolle sie ihn zerstreuen und ihm ihre ruhige Stimmung dartun,