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seit vielen Jahren versprochen gewesen sei. Sie wunderte sich, wie Hildegard's Mutter, nach der Weise, in welcher der Freiherr sich gegen Hildegard benommen hatte, und nach den Gerüchten über ihn, die ihr doch kaum verborgen geblieben sein konnten, den Mut besessen habe, ihm die zweite Tochter anzuvertrauen.

Die Hofdame, welche mit Hildegard in gleichem Alter und eine Freundin von ihr war, wagte die bescheidene Bemerkung, Hildegard habe sich für die Schwester aufgeopfert, als sie deren leidenschaft für ihren Verlobten wahrgenommen habe. Die Prinzessin, ein Vorbild der ehelichen Treue und der Mutterliebe, schüttelte missbilligend das schöne Haupt.

Wie traurig ist es, dass selbst ursprünglich edle Naturen, denn ich habe früher nur Günstiges von dem Baron von Arten gehört, sich zu solchen Verirrungen hinreissen lassen können, die ihre Strafe in sich selber tragen. Die Zeit bleibt sicherlich nicht aus, in welcher die Gräfin Hildegard ihr Schicksal als das glücklichere zu preisen haben wird! Wenn Sie ihr schreiben, so sagen Sie ihr, dass ich ihrer denke und dass ich sie zu sehen hoffe, wenn sie wiederkehrt.

Mit diesem Ausspruche der Prinzessin war für die Personen, welche zu ihrem Hofstaate gehörten, die Weise vorgezeichnet, in welcher man die Angelegenheiten der Arten'schen und der Rhoden'schen Familie aufzufassen hatte; und da man einmal auf dem Wege war, sich mit ihnen zu beschäftigen und sie zum gegenstand der Unterhaltung zu machen, gab es in den nächsten Tagen kaum einen Teetisch, kaum ein Plauderstündchen, in welchem sie nicht den Stoff für weit zurückreichende Erinnerungen, für eben so weit gehende Vermutungen und Voraussichten geboten hätten.

Von der Rhoden'schen Familie hatte man wenig zu sagen. Das Leben, die Ehe der Gräfin waren einfach und tadellos gewesen; um so reicheren Stoff aber boten die Ueberlieferungen aus dem Arten'schen haus für die sagenbildende Kraft der Menschen dar. Die Eigenartigkeit des Fräuleins Ester, die Schönheit der früh gestorbenen Amanda von Arten, die sich in einer heimlichen leidenschaft zu einem mann niederen Standes verzehrt haben sollte; der Tod der Baronin Angelika, welcher ein Liebeshandel das Herz gebrochen, den ihr Gatte mit der Herzogin von Duras unterhalten hatte, waren Dem und Jenem aus persönlichen Anschauungen und Erinnerungen bekannt, und man war nicht abgeneigt, eine Art von sittlicher Gerechtigkeit darin zu finden, wenn die Nichte der Herzogin an einer unglücklichen Liebe für den Sohn der Baronin zu grund ging, ohne dass man diesen desshalb nachsichtiger beurteilt hätte. Selbst die Entschuldigungen, welche man ihm angedeihen liess, dienten nicht zu seinem Segen.

Man beklagte ihn, dass er von einem Vater erzogen worden war, der, obschon er ein vollkommener Cavalier gewesen sei, doch sich selbst nicht zu zügeln verstanden und noch an der Schwelle des Greisenalters eine junge Nonne aus vornehmem haus aus dem Kloster entführt hatte. Man wusste darüber freilich nichts Genaues, aber man hatte von einem päpstlichen Dispens sprechen hören, den zu erwirken der Freiherr Franz lange Jahre in Italien gelebt hatte und der mit einem namhaften Teile des Arten'schen Vermögens erkauft worden war. Die junge Frau sollte den greisen Gatten leidenschaftlich geliebt und das Gelübde getan haben, fortan die Witwentrauer nicht mehr abzulegen. Man war gespannt, zu sehen, ob sie diesen Vorsatz auch in der Residenz, auch in dem haus ihres Stiefsohnes zur Ausführung bringen werde, in dem sie, wie man berichtete, gerade in diesen Tagen erwartet wurde. Und da nun Jeder, in dessen Beisein von diesen Gerüchten die Rede war, sich die Lücken und Unwahrscheinlichkeiten in denselben auf seine Weise und mit seiner verbindenden Kraft zu ergänzen strebte, so erwuchs um den Kern von Wahrheit, der diesen Behauptungen überall zum grund lag, eine Dunstschicht von Einbildungen, die sich in dem Bewusstsein der Leute um so fester setzten, je weniger die Personen, um welche diese Märchen sich bewegten, eine Ahnung von ihrem Vorhandensein besassen und in der Lage waren, sich gegen diese Erfindungen zu erheben und zu verteidigen.

Was Renatus anbetrifft, so hatte er eben in diesen Tagen vollauf mit der Wirklichkeit zu tun. Cäcilie war doch noch tiefer, als er es befürchtet hatte, durch die Ankunft der Gräfin erschüttert worden, und wenn es ihm auch gelungen war, sie bald völlig über den Vorfall zu beruhigen und sie die Sache in ihrem rechten Lichte erkennen zu machen, so fügte es sich doch nicht glücklich, dass gerade jetzt auch Vittoria mit ihrem Sohne von der einen Seite anlangte, während von der anderen die Gräfin Rhoden mit Hildegard in der Hauptstadt eintraf.

Vittoria, die in allen praktischen Angelegenheiten unbehülflich wie ein Kind geblieben war, wollte in ihren Zimmern eingerichtet sein und missfiel sich in ihnen, während sie über die ihr bevorstehende Trennung von Valerio sich untröstlich zeigte. Alles in ihrem jetzigen Dasein war ihr fremd und dünkte ihr quälend. Sie hatte niemals in einer Stadt gelebt. Die beiden von Renatus mit Vorsorge für ihren besonderen Gebrauch ausgewählten Zimmer dünkten sie eng und niedrig, denn sie verglich sie unwillkürlich mit den grossen, hohen Sälen ihres Klosters und den stattlichen Räumen des Arten'schen Schlosses. Die ihr fremde Heizungsweise belästigte sie, die Häuserreihen, die ihr den Horizont verengten, machten sie traurig, sie verlangte mit einer krankhaften Ungeduld nach Luft, nach Licht; und wollte man sie nicht in Tränen ausbrechen sehen und in schwermütigem Brüten sich selber überlassen, so blieb nichts übrig, als auf ihre Zerstreuung zu denken, wie denn, nach des jungen Freiherrn Ansicht