? Sie haben Kinder?
Ja, ich habe einen Knaben und Aussicht auf ein zweites Kind. Dazu geniesse ich das Glück, fräulein Flies, die mir und meiner Frau eine Mutter gewesen, und die ja leider unvermählt geblieben ist, in meinem haus eine Heimat bieten zu könne; und wir befinden uns in einer Lage, in welcher wir uns in vollster Freiheit nach eigenem Bedürfen regen und bewegen können. – Er hielt abermals inne und sagte danach: Das ist freilich nichts Besonderes, das haben hundert Andere auch, das ist viel und wenig, wie man es betrachtet. Mir genügt es! Ich könnte also Ihre erste Frage wohl mit dem schlichten Worte beantworten: es geht uns Allen in jedem Sinne wohl!
Nicht so, Seba? fragte er, sich mit seinem hellen Blicke und seiner volltönenden, männlichen stimme, deren blosser Klang erfrischend wirkte, an die Freundin wendend, welche, für die Ausfahrt angekleidet, eben in das Zimmer trat.
Gewiss! entgegnete sie; aber wesshalb soll ich das besonders erst versichern?
O, rief Renatus, und eine weiche, schmerzliche Empfindung, wie er sie diesen Menschen gegenüber, wie er sie in solcher Weise überhaupt noch nie gefühlt hatte, bewegte ihn und drohte, ihn zu überwältigen, o, bereuen Sie diese Versicherung nicht! Es ist ein Segen und es ist sehr selten, glückliche zu sehen!
Seine Erschütterung überraschte die beiden Anderen, und ein blick des Einverständnisses zwischen ihnen bezeugte, was sie dachten. Indess die Meldung des Dieners, dass der Wagen vorgefahren sei, trat eben jetzt dazwischen.
Renatus, sich schnell ermannend, bot Seba seinen Arm; Paul begleitete sie. Als sie eingestiegen war, wendete Renatus sich zu Jenem und sagte, indem er, was er sonst nie getan hatte, ihm die Hand reichte und schüttelte: Leben Sie wohl, und erhalte der Himmel Ihnen Ihr Glück und Ihre Zufriedenheit! Leben Sie wohl! Auf Wiedersehen! entgegnete Paul, ihm den Händedruck vergeltend. Und in das Haus zurückkehrend, dachte er: Wenn er ein Einsehen hätte – wie gern wollte man ihm helfen!
Drittes Capitel
Die Zeit und das Leben waren damals noch nicht so bewegt, dass ein Ereigniss wie die Ankunft und Erkrankung einer vornehmen Fremden mit den diese Erkrankung begleitenden auffallenden Nebenumständen in der Residenz unbeobachtet und unbesprochen hätte bleiben können. Der und jener Vorüberkommende hatte gesehen, wie man die Kranke aus dem Wagen gehoben, wie ein Major in voller Uniform dabei behülflich gewesen war; und die augenblicklichen Mitbewohner des Gastofes hatten sich bei den Kellnern erkundigt, was es mit der Kranken für eine Bewandtniss habe. Die fragen waren, wie das in solchen Fällen stets geschieht, über die ersten Antworten hinausgegangen, die nächsten Antwortenden hatten mit Vermutungen zu ergänzen gestrebt, was sie an Wissen entbehrten, und schon an einem der folgenden Tage brachte die verbreitetste Zeitung der Stadt unter ihren allgemeinen Berichten die Kunde: dass eine vornehme Engländerin, die Gräfin E. H....ton, deren Abenteuer am französischen hof wie in der vornehmen Welt ihres Vaterlandes viel von sich reden machen, in der Hauptstadt angekommen sei, wohin ein Herzensverhältniss sie gezogen habe. Wider ihr Erwarten habe sie aber den Mann, welchem sie gefolgt sei, einen höheren preussischen Offizier, bereits anderweitig verheiratet gefunden und sei aus Verzweiflung darüber wahnsinnig geworden. Der Name des sie behandelnden Arztes schloss diesen Bericht.
Die bürgerliche Gesellschaft las über denselben hinweg, wie man im Allgemeinen über derlei achtlos fortgeht; aber in den Kreisen, in denen Renatus lebte, und in denen man gewohnt war, sich um die Vorgänge an den verschiedenen Höfen zu bekümmern, fiel die Nachricht auf.
Man erinnerte sich, dass vor ungefähr drei Viertel Jahren eine junge Engländerin vom französischen hof verwiesen worden war. Man entsann sich, dass es die berühmte Schönheit, die Gräfin Haughton-Lauzun gewesen sei, die Nämliche, welche nach den Berichten der englischen Zeitungen in London am hof zu der üblichen Vorstellung nicht zugelassen worden, und später zum Katolicismus übergetreten war. Eine der Hofdamen, welche mit der gräflich Rhoden'schen Familie verwandt war, hatte damals von ihrem bei der preussischen Gesandtschaft in Paris beschäftigten Bruder die briefliche Mitteilung erhalten, dass der Freiherr von Arten in die Abenteuer der Gräfin Haughton verwickelt, dass er einer ihrer Liebhaber gewesen sei; und die in der Zeitung angegebenen Buchstaben passten auf die Gräfin.
Das machte die Neugier rege. Man liess sich die Fremdenblätter holen; unter den "Eingetroffenen" fand sich, zu allgemeiner Genugtuung, der Name der Gräfin Haughton, und als die Schwester eben jenes Gesandtschafts-Sekretärs zufällig bei ihrer Spazierfahrt die Linden entlang fuhr, sah sie, dass man vor und neben dem betreffenden Gastofe die Strasse, um das Rollen der Wagen abzudämpfen, weit hinaus mit Stroh beschüttet hatte.
Abends erzählte die Hofdame der Ober-Hofmeisterin in dem Zimmer ihrer Herrin von dem romantischen Ereigniss, und so leise sie auch sprachen, hatte die Prinzessin doch ein Wort davon gehört. Sie verlangte, zu wissen, wovon die Rede sei. Die Ober-Hofmeisterin, froh, einen Gegenstand der Unterhaltung für die unbeschäftigte Prinzessin zu haben, erzählte, was sie wusste.
Die Prinzessin sagte, sie habe der Sache schon früher erwähnen hören, als sie im Auftrage des Königs das fräulein-Stift zum heiligen grab besucht, und dort zu ihrem Erstaunen die Gräfin Hildegard von Rhoden gefunden habe, die nach ihrem Wissen mit dem Freiherrn von Arten