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diese Unbeholfenheit wurde ihm immer drückender, ja, sie steigerte sich allmählich bis zum Verdrusse über sich selbst, bis zu einer Angst; und als müsse er sich von derselben um jeden Preis befreien, als müsse er es durchaus erklären, was ihn beschäftige, sagte er plötzlich mit einer durch die Umstände in keiner Weise gerechtfertigten Lebhaftigkeit: Sie sehen, ich habe Ihren Rat befolgt; Rotenfeld und Neudorf sind verkauft!

Paul neigte kaum merklich das Haupt. Und Sie sind im Militär geblieben, fügte er hinzu, und haben die Frucht dieses Entschlusses, wie ich mit Vergnügen hörte, schnell genug geerntet. Man hat Ihnen zu gratuliren; Sie sind früh Major geworden!

Er hatte die Absicht gehabt, Renatus mit dieser Wendung von den ihm unerfreulichen Erinnerungen auf ein anderes Gebiet zu lenken, auf welchem ihm Gutes widerfahren und erwachsen war. über diesen war jedoch mit der ersten Stunde, in welcher er sich zu dem Verbleiben in der militärischen Laufbahn entschlossen hatte, die rastlose Unzufriedenheit des Ehrgeizes gekommen, die sich nicht an dem Erreichten zu erfreuen vermag, wenn Anderen das Gleiche zu teil geworden ist, und Tremann's Anerkennung von sich weisend, entgegnete Renatus: Ich bin nicht wesentlich früher als Sie im Heere vorwärts gekommen; Sie waren ja auch zu Ende des ersten Feldzuges bereits Major!

Während des Krieges war die gelegenheit mir gün

stig, bemerkte Paul; das Avancement in der Landwehr machte sich bei den ungeheuren Verlusten, die wir erlitten hatten, schnell.

Und wieder hatte trotz der beiderseitigen guten Ab

sicht das Gespräch nach diesen wenigen Worten noch einmal sein Ende erreicht. Es war, als läge eine unausfüllbare Kluft zwischen ihnen, die zu überschreiten keiner von beiden die brücke fand. Renatus meinte, es sei in seinen Verhältnissen geboten, seine Würde mit Zurückhaltung zu behaupten, und Paul fand keinen Grund in sich, dem Freiherrn eine besondere Zuvorkommenheit zu beweisen. Indess die Unfreiheit, welche auf dem Anderen lag, fing Paul, dessen ganze natur auf Freiheit gestellt war, zu belästigen an. Das Mitleid, welches er mit Renatus hegte, konnte ihn nicht verhindern, dieses Beisammensein beschwerlich zu finden. Unwillkürlich zog er die Uhr hervor, um zu ermessen, ob Seba noch nicht kommen, der Wagen noch nicht fertig sein könne. Das entging Renatus nicht, und als wolle er wenigstens in diesem Falle seine gesellschaftliche Ueberlegenheit behaupten, sagte er, sich gewaltsam überwindend, um eine neue Unterhaltung anzuknüpfen: Sie sprachen, als ich Sie bei meiner Rückkehr hier aufzusuchen veranlasst war, von Einbussen und Verlusten, welche Ihr Haus während Ihrer Feldzüge erlitten hätte. Derlei stellt sich wahrscheinlich auch in Ihrer Lage so leicht nicht wieder her. Wie ist es Ihnen ergangen, was haben Sie getan, seit ich Sie damals sah?

Paul's schönes Antlitz hellte sich auf. Es war ihm eine Erleichterung, dass Renatus sich von seiner Befangenheit loszumachen trachtete, und da er, wie alle tüchtigen Menschen, trotz der Enttäuschungen, denen Niemand mehr als eben solche unterworfen sind, doch immer wieder zum Glauben an den Menschen und zum Hoffen auf das Gute in der natur desselben geneigt war, sprach er freundlich, wenn auch über die Art der Frage unwillkürlich lächelnd: Für Unsereinen, der mit seinem Tun und Lassen auf sich selbst gewiesen ist, lässt sich eine solche Frage nicht rundweg, nicht mit Einem Worte abtun. Indess ich darf wohl sagen: ich habe nicht gefeiert! – Dann, als besorge er, den Freiherrn mit solch kurzem Bescheide wieder in das frühere Unbehagen zurückzuwerfen, fügte er hinzu: Es sind nicht allein die grossen Unternehmungen, es sind eben so wohl die kleinen täglichen Erfolge, welche uns vorwärts bringen; und das Wachsen, das Gedeihen vollzieht sich überall in der Regel geräuschloser und weniger sichtbar, als das Zerstören und das Zugrundegehen. Es liegt für den Dritten, für den Zuschauer daher vielleicht kein besonderes Interesse darin, uns auf unserm Wege zu begleiten, unserm immer gleichen und doch in sich sehr wechselreichen arbeiten zuzusehen, selbst wenn es, wie dies meist der Fall ist, mit den allgemeinen Notwendigkeiten eng genug verbunden ist. Wir haben keinen Rang, keine äusseren Anerkennungen, als diejenigen, welche das Urteil unserer Standesgenossen und Mitbürger uns zu teil werden lässt; denn jene Titel und Orden, welche der König einem Gewerbtreibenden gelegentlich verleiht, zählen nicht vor den Tüchtigen und Verständigen unter uns. Wir schaffen uns unsern Namen, unsere Stellung in der kaufmännischen wie in der bürgerlichen Welt aus eigener Machtvollkommenheit. Unsere tägliche Arbeit wird erst merkbar, wenn sie ihre Ernte getragen hat, obgleich wir uns derselben stets bewusst sind und unserer Freude an unsern mit tausendfachen Sorgen schwer errungenen Erfolgen nicht entbehren. Und da es uns an Sorgen und Hoffnungen dabei durchaus nicht mangelt, so brauchen wir nach Erregungen und Zerstreuungen nicht zu suchen, uns Lust und Pein nicht erst zu schaffen. Das hat auch sein Gutes, besonders für denjenigen, der in der freien Arbeit an und für sich schon seine wahre Befriedigung geniesst!

Er brach ab, weil er besorgte, mit der Schilderung seiner Zustände wider seinen Willen ein Gegenbild zu denen des Freiherrn geboten zu haben; und in der Tat lag in des Kaufmanns stolzer Selbstgenügsamkeit ein Vertrauen zu dem Leben und in die Zukunft verborgen, um welches der Freiherr ihn beneidete. Er konnte sich jedoch nicht überwinden, ihm dies auszusprechen, und ohne eine Bemerkung auf Paul's Auseinandersetzungen hinzuzufügen, sagte er: Und Sie sind auch verheiratet