wir Italien, liessen wir uns in Venedig nieder. Ich war immer bei ihr. Niemand wehrte es uns. Sie war freien Geistes, sie fing an, wieder Mut zu fassen, und es schien eine Weile, als kehre das schwindende Leben wirklich noch einmal in sie zurück, als könne das Leiden sich noch besiegen lassen. Aber diese Hoffnung, schwach wie sie war, stürzte meine Seele in den alten Kampf zurück. Die Angst, die Verzweiflung, welche mich bei dem Gedanken an ihren nahen Tod erfüllt hatten, die auftauchende Möglichkeit, sie gerettet zu sehen, die Frage, was dann aus uns werden solle, machten mich fast sinnlos. Meiner selbst nicht mächtig, brach ich das Gelöbniss des Schweigens, das ich ihr einst gegeben hatte, und bekannte ihr, dass es mir nicht möglich sei, in ihrer Nähe zu weilen, ohne zurückzufallen in die sündhafte Verwirrung, der ich mich einst kaum zu entziehen vermocht hatte.
Er fuhr sich mit den Händen über die Augen. Dann seufzte er und sagte: Sie hielt eine weisse Rose in ihrer Hand in jener Stunde. Die Rose sank entblättert zur Erde nieder, als ich, vernichtet von Amanden's Tränen, um Vergebung flehend, ihre Hand ergriff. Amanda sah trauernd auf mich hin und schwieg, aber sie blieb ruhig und tränenlos. Sie hätten der Rose die paar armen Lebensstunden nicht zerstören sollen! sagte sie dann endlich. Denken Sie an diese Rose, wenn ich nicht mehr sein werde – und das wird nicht lange auf sich warten lassen!
Sie hatte in den letzten Wochen nicht mehr von ihrem tod gesprochen, ich beschwor sie, diese düstern Vorstellungen zu verbannen; sie wollte nicht, dass ich dieselben düster nannte.
Der Tod ist für uns kein Leid, er ist ein Engel des Friedens für uns, der uns Erlösung bringt! sprach sie. Sie müssen mit mir den Himmel dafür danken, dass er mich bald abberufen wird. Wir haben schöne, schöne Tage hier miteinander gelebt, wir werden uns einst rein und geläutert wiedersehen, um unzertrennlich bei einander zu bleiben. Die Spanne Zeit, die noch dazwischen liegt, was ist sie neben der Ewigkeit, die uns erwartet?
Mein Sinn war verdüstert, meine leidenschaft band mich an die Erde, ich konnte mich zu ihrer Entsagung nicht erheben. Ich konnte meinem Schmerze, meinen Tränen nicht gebieten, ich weinte bitterlich. Sie sah mich lange an. Weinen Sie nicht, sagte sie, ich werde Sie nicht verlassen, ich werde immer bei Ihnen sein, mein Freund!
Was hilft mir das, wenn ich Sie nicht sehe! rief ich in der Wildheit meines Herzens.
Oh! versetzte sie, und ihr Ton klang mild wie keines andern Menschen stimme, Sie sollen mich auch sehen, wenn Gott es zulässt, dass wir den Lebenden erscheinen. Heiligen Sie Ihr Leben! Leben Sie es im Dienste Gottes und vergessen Sie der weissen Rose nicht! Sie soll Ihnen ewig eine Mahnung an die menschliche Schwachheit und ein Zeichen meiner Nähe sein. Sind Sie das zufrieden?
Ich hatte keine Antwort, als meinen stummen Schmerz. Sie liess mich versprechen, dass ich ihr die Augen schliessen und täglich für sie beten, dass ich ihre Mutter nicht verlassen, dass ich über ihren Bruder wachen und ihm ein Bruder bleiben wolle. Sie trug mir auf, ihre Asche nach Richten zu schaffen und weisse Rosen pflanzen zu lassen vor der tür der Familien-Gruft.
Von der Stunde ab war ich Herr geworden über mich für alle Zeit, sagte der Erschütterte mit Ergebung.
Im Frühjahr neigte sich ihr Leben zur Ruhe. Der Mai war zu Ende, als sie starb. Ihr Wille geschah. Wir brachten ihr Sterbliches nach der Heimat, ich habe die Rosenbüsche selbst gepflanzt, ich habe auch ihrer Mutter das Auge geschlossen und bin ein Hüter des Grabes geworden, das sie deckt. All mein Wünschen war am Ende, und der Ehrgeiz, das Verlangen nach weltlichem Ansehen und nach weltlicher Macht, die mich sonst zuweilen beseelt, waren damit für immer in mir erloschen. An dem Orte zu weilen, wo sie gelebt hatte, zu wirken, wo ihre Milde gewaltet, das war Alles, was ich begehrte; und mit inbrünstigem Verlangen, mit täglichem Gebet erwartete ich es, ob sie mir kein Zeichen geben würde. – So kam der Jahrestag ihres Todes heran. Ich hatte an seinem Vorabende lange im Gebet gewacht; am Morgen eingeschlummert, weckt mich ein klopfen an der tür. Ich rufe herein, ein Knabe aus dem dorf kommt in mein Zimmer, und das Erste, was ich erblicke, ist ein Strauss von weissen Rosen, der mir in seiner Hand entgegenwinkt.
Er schwieg, von seiner Empfindung überwältigt, und blieb lange in seinen Erinnerungen versunken. Dann richtete er sich empor und sagte mit sanfter Rührung: die weisse Rose hat mich seitdem durch mein ganzes Leben begleitet. Im Wachen und im Traume ist sie mir plötzlich entgegengebracht worden, wenn mein Sinn verdüstert war. Sie hat mich ermahnt und erhoben, und es wird sich ja wohl Jemand finden, sie auch mir einst auf den Sarg zu legen und sie auch auf mein Grab zu pflanzen.
Er erhob sich und trat an den Kamin, die Lichter zurecht zu rücken. Mit feuchtem Auge, unfähig, den Empfindungen, die sie bewegten, Worte zu leihen, sah Angelika ihm nach. Sie hatte in den ernsten, stillen Zügen des Caplans