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diese keinen Anhalt hoffen; er mochte auch den Schatten dieses düsteren Geschickes nicht auf die ersten, schönen Tage seiner Ehe fallen lassen, er mochte die harmlose Fröhlichkeit seines jungen Weibes nicht stören und nicht missen.

Wie er nun so, zwischen einer berechtigten Selbstsucht und seinem Mitgefühl geteilt, vor- und rückwärts blickte, drängte sich ihm unwillkürlich der Gedanke in die Seele, dass seiner Familie von der Annäherung an die verstorbene Herzogin von Duras nichts als Unheil gekommen sei. Er grollte dem Tage, an welchem die Herzogin zuerst sein Vaterhaus betreten hatte, er verwünschte es, sie in Paris aufgesucht zu haben. Er begriff kaum, wie er überhaupt auf den Gedanken verfallen war. Hatte er doch sein Leben lang niemals vergessen können, wie heiter die Herzogin stets gewesen, als seine Mutter in dem Flies'schen haus schon zum tod krank darnieder gelegen hatte; wie sie an nichts gedacht, als an sich und ihr Behagen, während die treue Seba Tag und Nacht am Lager seiner Mutter gesessen und wie ein freundlicher Schutzgeist an demselben Wache gehalten hatte.

Wie Jemand, der im Dunkeln, seines Weges ungewiss, angstvoll umhergetastet hat, plötzlich stehen bleibt und sich zurecht zu finden trachtet, wenn ihn aus der Ferne ein Lichtschein die rechte Strasse ahnen lässt, so hielt Renatus plötzlich inne: denn jetzt wusste er, wo er hülfe finden könnte. Eine Frau wie Seba tat Eleonoren Not, eine Frau wie Seba fehlte an diesem Krankenbette. Seba hatte die volle Einsicht in das Menschenleben, welche duldsam und barmherzig macht. Sie hatte die Schmerzen seiner Mutter in ihrem Busen treu bewahrt; seine Mutter hatte ihres starken Verstandes, ihres grossen Herzens in den Tagebüchern oft erwähnt, die in den Besitz ihres Sohnes übergegangen waren und die ihn bestimmt hatten, Seba aufzusuchen, als er vor neun Jahren zuerst nach der Hauptstadt gekommen war. Aber was lag alles zwischen dem heutigen Tage und jener fernen Zeit! –

Freilich hatte er nur mit tiefstem Bedauern, nur mit innerstem Widerstreben die Mitteilungen seines Oheims über dessen Liebeshandel mit Seba angehört und geglaubt; indess er hatte sie doch geglaubt! Er hatte sie auf das Wort eines Mannes hin geglaubt, dessen Charakterlosigkeit er kannte, dessen frevelhaften Leichtsinn in Bezug auf Frauen, ja, dessen niedrige Sinnlichkeit ihm immer ein Gegenstand der Abneigung und des Misstrauens gewesen waren. Er hatte Seba, von der er nichts als Gutes wusste und erfahren hatte, ohne eine Anfrage an sie, ohne sie zu hören verurteilt. Seine Schwiegermutter, die sie schätzte, seine damalige Verlobte, die an Seba hing, hatte er von ihr entfernt, sich selber in schnöder Weise von ihr losgesagt, und das alles, weil ein Mann mit den leichten und sichern Umgangsformen der vornehmen Gesellschaft sich schamlos berühmt hatte, die Gunst dieser Frau besessen zu haben, als sie noch ein halbes Kind gewesen war. Als ob es eine Heldentat oder eine grosse Kunst gewesen wäre, das Vertrauen der Unschuld zu gewinnen und zu missbrauchen! Und Seba hatte vielleicht einst eben so elend, eben so verzweifelnd, mit sich und mit dem Leben gerungen, wie jetzt die unglückselige Eleonore, die in ihren Phantasieen bald die heilige Jungfrau zu ihrem Beistande anrief, bald mit flehendem Verlangen den Namen des Mannes aussprach, den sie liebte und von dem sie, wie sie immer wiederholte, ihre Seele wiederhaben wollte.

Alle diese Gedanken und Erinnerungen zogen in rascher Folge durch sein aufgeregtes Hirn, während er an dem Lager der Kranken sass. Der Zeiger der Uhr, welche auf dem Spiegeltische zwischen den beiden Vasen voll künstlicher Blumen stand, rückte mit melancholischer Sicherheit von Minute zu Minute vorwärts, und jede Minute steigerte mit der Unruhe und der Angst des Freiherrn ein nicht abzuweisendes, lastendes Schuldbewusstsein in seinem inneren. Er, der meist immer mit sich wohl zufrieden gewesen war, der sich stets mit selbstischer Leichtigkeit zurechtzusetzen gewusst, wenn er sich in irgend welchem inneren Zwiespalt befunden hatte, konnte heute dies Schuldbewusstsein nicht überwinden, und es bezog sich nicht auf eine bestimmte person oder auf eine bestimmte Handlung, es war eine allgemeine Unzufriedenheit mit sich selbst, die sich seiner bemächtigte.

Er fühlte sich schuldig gegen Seba, er war weniger als jemals darüber beruhigt, dass er den Grafen Gerhard einst so nahe an sich herangelassen hatte. Er warf sich seine frühe Verlobung mit Hildegard vor, er tadelte sich, dass er Eleonoren von derselben nicht gleich unterrichtet, dass er dem Abbé, ohne ihn genau genug zu kennen, sein Vertrauen gewährt hatte; und er bereute das alles hauptsächlich, weil er, der danach getrachtet hatte, sich in dem ihm angeborenen Kreise unter seines Gleichen recht festzusetzen und auszubreiten, jetzt, da er einer Leidenden die Hand bieten, sie aufrichten und tragen wollte, sich es eingestehen musste, dass es ein trügerischer Boden sei, auf dem er sich bewege, und dass er Niemanden, aber Niemanden in seiner genzen nächsten Umgebung und Verwandtschaft habe, von dem er in einem aussergewöhnlichen Falle auf einen aussergewöhnlichen Beistand rechnen dürfe.

An wen von allen seinen Standesgenossen sollte er sich wenden, um hülfe zu fordern für eine junge Gräfin Haughton, die, von der Liebe für einen katolischen Geistlichen über alle Schranken der gesellschaftlichen Zucht und Sitte fortgerissen, ihren Glauben gegen ihre überzeugung abgeschworen hatte, und nun in halbem Irrsinne ihren Bekehrer mit ihrer leidenschaft verfolgte?

Es war in Eleonorens Lage und Verhalten Alles dazu angetan, jene Frauen abzustossen, welche in die Bewahrung ihres guten Rufes, in die