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hatte, als die Parade beendet war, sein Pferd dem Reitknechte übergeben, um noch einige Besuche und Gänge abzumachen. Er befand sich bereits wieder auf dem Heimwege, als er vor dem Gastofe, in welchem die Gräfin abgestiegen war, einen Mietswagen halten sah, mit dem es etwas Besonderes auf sich haben musste, denn der Wirt und die Kellner umgaben ihn mit unverkennbarem Erschrecken. Es kamen die Wirtin und ein anderes Frauenzimmer aus dem haus herbei, man rief nach einem Sessel, nach einem arzt, und mit jener Neugier, welche man in einem müssigen Augenblicke empfindet, trat Renatus, der zur Zeit seiner Rückkehr aus Frankreich selbst in dem haus gewohnt hatte, an den Besitzer desselben heran und fragte, was es gäbe.

Ach, versetzte dieser, eine junge, vornehme Dame, die vor zwei Stunden bei uns angekommen ist, hat gleich danach zu fuss das Haus verlassen und wird uns nun ohnmächtig oder vielleicht gar tot in diesem Wagen nach haus gebracht. Ihr Diener ist hinauf gegangen, ihre Kammerfrau zu holen, und wir versuchen eben, wie wir sie am besten von der Stelle bringen.

Er wendete sich dabei wieder zu seinen Leuten, und von der Seltsamkeit des Vorfalles angezogen, trat Renatus an die andere Seite des Wagens heran, um hinein zu sehen. Kaum aber hatte er die Gestalt erblickt, die ganz zusammengesunken und bleich wie eine tote mit geschlossenen Augen dalag, als er die tür des Wagens aufriss und mit dem Ausrufe: Eleonore, um Gottes willen, wie kommen Sie hieher? Was ist geschehen, Eleonore? in den Wagen sprang und sie in seinen Armen in die Höhe hob.

Die Umstehenden traten vor Verwunderung zurück; nur der Wirt sah es, wie die Fremde vor des Freiherrn lautem Anrufe matt und langsam die Augen aufschlug und, als habe sie ihn erkannt, ihr Haupt auf seine Schulter legte.

Niemand wusste, was er von dem Vorgange denken solle; aber als nun vollends die Leute der Gräfin herbeigekommen waren, als der Diener und die Kammerfrau den Freiherrn bei seinem Namen nannten, als die Letztere Gott dafür dankte, dass er den Baron hieher geführt habe, da schien dem Wirte plötzlich die Einsicht in die obwaltenden Verhältnisse zu kommen, und den Kellnern ein Zeichen gebend, dass sie sich entfernen sollten, leistete er in person, mit den Leuten Eleonorens, dem Freiherrn den Beistand, dessen er bedurfte, um die ihrer selbst nicht Mächtige in das Haus und in ihre Gemächer zu tragen.

Die Kranke war entkleidet, war zu Bette gebracht, ein Arzt herbeigeschafft; aber von ihr selber konnte man keine Art von Auskunft über ihr Befinden erhalten. Sie vermochte ihre wandernden Gedanken nicht zusammen zu halten, obschon sie Renatus wiedererkannt hatte und nach ihm verlangte, wenn sie in einzelnen Augenblicken ihrer Sinne Herr war.

Er und der alte Diener hatten den Arzt, so weit als nötig, mit den obwaltenden Verhältnissen bekannt gemacht, und wie derselbe sich auch weigerte, in diesem ersten Augenblicke ein festes Urteil auszusprechen, liess er es doch erraten, dass man es hier mit mehr als einem vorübergehenden Leiden, dass man es allem Anscheine nach mit einer ernsten und schweren Krankheit zu tun haben werde. Er wollte sich, nachdem er seine Verordnungen gemacht hatte, entfernen, und Renatus schickte sich an, ihn zu begleiten; aber Eleonore bemerkte es, als der Freiherr seine Hand aus ihrer in Fieberhitze glühenden Rechten zog, und ihn festaltend, rief sie angstvoll: Sie dürfen nicht fort! Sie nicht! Nein, Sie nicht!

Es lag etwas völlig Irres in ihrem Blicke und in ihrem Tone, das ihn entsetzte. Er hatte ein unbegrenztes Mitleid mit dem schönen, einst so selbstgewissen Mädchen, das er so hülflos vor sich sah; aber auch seine eigene Lage macht ihm sorge. Dass es für ihn, nach den vereinzelten Gerüchten, welche über seine Beziehungen zu der Gräfin in Umlauf gekommen waren, nicht möglich sei, ihren Krankenpfleger zu machen, darüber wäre er mit sich ganz im Klaren gewesen, auch ohne die Anwandlung von Eifersucht, mit welcher seine junge Frau die Gräfin Haughton stets betrachtet hatte.

Er hätte viel darum gegeben, wäre er nicht so unvorbereitet, so plötzlich in dieses Abenteuer hineingezogen worden, hätten die Leute in dem Gastofe es nicht gesehen, wie er die Gräfin, wie sie ihn wiedererkannt, wäre der Arzt nicht Zeuge gewesen, wie Eleonore ihn nicht lassen wollen, wie sie sein Bleiben gefordert hatte, als habe sie ein Recht darauf. Er konnte es sich nicht verbergen, dass er jedem in die Verhältnisse nicht Eingeweihten als der Mann erscheinen musste, dem Eleonore gefolgt war, der an ihrer Krankheit Schuld trug, und er hatte eben erst die langjährige Verlobung mit Hildegard aufgelöst, hatte sich eben erst verheiratet, eben erst seine Frau in die Gesellschaft eingeführt, deren Verhalten gegen seine junge Gattin ihm ohnehin nicht wohlwollend erschienen war.

Die Kranke sich und ihrem Schicksale zu überlassen, daran dachte er nicht; aber er sann darüber nach, wem er sie übergeben, wen er in die Lebens- und Herzensverhältnisse der Unglücklichen, so weit er selber sie zu beurteilen im stand war, einweihen dürfe, ohne sie dadurch gegen Eleonore einzunehmen, und er konnte Niemanden finden. Die Gräfin Rhoden war nicht in der Stadt, Cäcilie, wie sehr er sie auch liebte und ihr vertraute, war Eleonoren nicht gewachsen. Sie konnte er unmöglich zur Pflegerin Eleonorens machen, von ihr konnte er für