wahr! – Ich habe mit dem bestimmten Zwecke, Dich der Mutterkirche wiederzugeben, mein Auge über Dir gehabt, seit ich Dich kannte! Ich habe Dir früh gestanden, dass ich zu Grossem Dich berufen glaubte, ich habe danach gestrebt, Dein Vertrauen zu gewinnen, Deine Seele zu beherrschen! Aber wann hat je die Stunde geschlagen, in welcher ich es Dich vergessen machen gewollt, dass ich für mich von Dir nichts zu begehren hatte? Du wusstest, wer und was ich war! Du sahst das Kleid, das mich von der grossen Menge trennte, Du wusstest, dass ich ein Diener unserer Kirche bin! Habe ich sie je vor Dir verborgen, die Dornenkrone der Entsagung, die wir tragen als das Siegeszeichen unserer Selbstüberwindung? War ich es, der von Liebe zu Dir gesprochen hat? War ich es, der die heissen Wünsche Deines Herzens angefacht? Ich hielt Dich für ein Höheres geschaffen! Du solltest sie kennen lernen in ihrer Nichtigkeit, die Gunst der Mächtigen, die trügerischen Freundschaften der Welt, die urteilslose Gesellschaft Deiner Standesgenossen, um zu ermessen, was es heisst, in fester Gliederung einer unwandelbaren Einheit anzugehören, die, ein geheimnissvolles Wesen, der Menschen Schicksale mit kluger herrschaft lenkt! Ja, ich liebte Dich – ich liebe Dich noch, das fühle ich an dem Verlangen, das ich hege, Dich einzureihen in den Kreis der Herrschenden! Aber – Du bist kleiner, als ich Dich geglaubt! Du hast sie nicht verstanden, jene Liebe, die ich für Dich hege! Nicht mein Wille, Deine Sinne haben Dich bestrickt, dass ich kaum wusste, wie ich Dich und mich erretten sollte aus dem Sturme, den Du über uns heraufbeschworen! Mit aller Gewalt musste ich Dich und mich hinflüchten zu den Füssen des Gottes, der für uns gestorben ist, um es zu vergessen, dass ich ein Mann bin, ein Mensch, und Du ein schönes Weib! Ich musste Dich meiden, um Deiner selbst willen! Denn rein solltest Du niederknieen, ein reines Weib, zu den Füssen der unbefleckten Jungfrau, der Du Dich angelobt in jener Stunde, da ich Dich aufgenommen in den Schooss der Kirche, die jetzt über Dich und mich ihre schützenden Fittige ausgebreitet hat und zu deren Werkzeug Gott Dich sicher auserkoren hat! Ich habe für Dich getan, was ich gemusst, was mein Glaube mir geboten! Ich kann nichts weiter für Dich tun – ich gehöre nicht mir selber an!
Hoch und erbarmungslos stand er ihr gegenüber, aber er wagte seine Blicke nicht auf sie zu richten. Er wendete sich von ihr ab. Sie glaubte, dass er sich entfernen wolle, und aufspringend aus der tiefen Versunkenheit, mit welcher sie ihn angehört hatte, warf sie sich ihm zu Füssen, und mit ihren Armen seine Kniee umklammernd, rief sie: Ich sterbe, wenn Du von mir gehst!
Er zuckte zusammen vor dem Jammerlaute, aber er erhob sie mit fester Hand, und mit einer Ruhe, die ihn älter erscheinen machte, als er war, versetzte er: Jeder von uns muss in sich den Tod erleiden, um ein neues Leben zu beginnen, und das wirst auch Du. Glaubst Du, ich habe sie nie gefühlt, diese Schmerzen der Entsagung? Glaubst Du, ich habe sie nie gekannt, die Angst vor der eigenen Ohnmacht und die Zweifel an des Höchsten Kraft verleihender hülfe? Glaubst Du, ich habe nicht gesorgt um Dich, nicht zu Gott gefleht für Dich? Wähnst Du, dass meine Seele nicht bei Dir ist, wenn Dein Auge mich nicht sieht? – Er hatte ihre hände in die seinen genommen, jetzt hob er sie in die Höhe, und den blick zum Himmel gewendet, bewegte er seine Lippen in lautlosem Gebet. Die Gräfin stand ihm wie gebrochen gegenüber. Als er geendet hatte, legte er seine hände segnend auf ihr Haupt, und machtlos und schweigend sank sie vor ihm nieder, seine Kniee noch einmal in Tränen zu umfassen.
Er liess sie einen Augenblick gewähren, dann führte er sie nach dem Sessel und ging hinaus. Sie war betäubt vor Schmerz. Draussen fand der Abbé den Diener der Gräfin. Er befahl ihm, einen Wagen herbeizuschaffen; der Alte hatte schon dafür gesorgt.
In das Zimmer zurückgekehrt, trug der Abbé selbst dafür sorge, die Gräfin einzuhüllen. Sie liess es willenlos geschehen. Kommen Sie, Gräfin, sagte er, hier ist Ihres Bleibens nicht! – Er nahm ihren Arm in den seinen, und mit dem weltmännischen Anstande, dessen Niemand mehr Meister war, als er, führte er sie die Treppe hinab und nach ihrem Wagen. Sie mochte erwartet haben, dass er sie begleiten werde, denn erst, als er sie hineingehoben hatte und, ihr die Hand noch einmal reichend, von der tür desselben zurücktreten wollte, erwachte sie aus ihrer Versunkenheit, und sich emporrichtend, rief sie: Wann, wann sehe ich Sie wieder?
Nicht eher, bis Sie es verlernten, für Sich selbst zu wünschen und zu hoffen, nicht eher, bis Sie den Schleier genommen haben, der Sie abtrennt von dem irdischen Verlangen! Auf Wiedersehen also in dem ewigen Rom! sagte er fest und feierlich; und dem Kutscher das Zeichen gebend, dass er fahren solle, ging der Abbé mit ruhigem Schritte und hochgehobenen Hauptes in sein Gemach zurück. Eine Stunde später hatte er die Stadt verlassen und seinen Weg gegen Süden fortgesetzt.
Zweites Capitel
Renatus