sie, während ihr Auge auf ihm ruhte: Und wo soll ich denn sonst sein?
Die furchtbare Wahrheit ihres Tones machte ihn fassungslos. Wie er auch gewohnt war, sich zu beherrschen und seine Worte zu erwägen, dieses Mal wusste er nicht, was er damit tat, als er noch einmal die Frage aufwarf: Wie kommen Sie hierher? Was wollen Sie, Eleonore?
Was ich will? – Dich sehen! gab sie ihm zur Antwort, und als habe sie jetzt alles erreicht, was sie wünsche und begehre, stützte sie das Haupt auf ihre Hand und blieb schweigend sitzen.
Unentschlossen, was er tun solle, ging der Abbé in dem engen raum auf und nieder. Draussen rief der harte, lang anhaltende Ton einer Glocke die Gäste des Hauses zur Tafel; auf den Treppen, auf den Gängen wurde es lebhaft; laute, lachende Stimmen erklangen und verhallten und wurden durch neues Sprechen und durch fröhliches lachen ersetzt. Innen war es todtenstill.
Endlich schien der Abbé seiner wieder Meister geworden zu sein. Er trat an die Erschöpfte heran, nahm sie bei der Hand und sagte: Sie sind krank, Eleonore! Und dies ist nicht der Ort, an dem wir einander wiedersehen, einander Rede stehen können. Ermannen Sie Sich! ein Wagen soll sofort zu Ihren Diensten sein. Lassen Sie mich Sie nach Ihrer wohnung hingeleiten, dort ....
Sie hob ihre mächtigen Augen zu ihm empor, und langsam mit dem haupt nickend, rief sie: Ja, ich bin krank, sehr krank! Wie soll ich auch leben ohne meine Seele, die Du mir entwendet hast? Wie soll ich leben, wenn Du Dich mir entziehst, der Du mir alles zu ersetzen angelobtest, was ich um Dich verloren und verlassen habe? Wollte ich nicht leben, um Dich zu sehen, ich wäre lange, lange schon gestorben!
Die Tränen, welche sie bis dahin mühsam zurückgehalten hatte, brachen jetzt hervor; sie verhüllte ihr Antlitz. Der Abbé, da er sich von ihr nicht beobachtet sah, schloss, vom Schmerze überwältigt, seine Augen. Dann fuhr er sich mit der Hand flüchtig über die bleich gewordene Stirne, und sich zu ihr niedersetzend, bat er, indem er ihre Rechte in die seinige nahm, dass sie ihn hören möge.
Sie schüttelte verneinend das Haupt. Ich habe Dich nur zu oft gehört, sagte sie, was kannst Du mir noch sagen, das ich zu glauben vermöchte? Ich habe Dich gehört, als Du mir vorgehalten, Eleonore Haughton sei nicht dazu geschaffen, das los des gewöhnlichen Weibes zu teilen! Wer war es, als Du, der mir den Stolz im stolzen Herzen nährte, dass ich nur Einen, nur Einen als meines Gleichen ansah, mit dem mich hinwegzusetzen und mit dem hinwegzuschreiten über das Wollen und Wünschen aller Andern mir als ein verlockendes Ziel erschien? Losgetrennt von der Welt, wie Du es bist, trenntest Du auch mich von ihr los! Festgewurzelt in Deinem Glauben, zerstörtest Du mir den meinen! Und als ich, verschmäht von dem mann, auf dessen Liebe Du mich verwiesen hattest, obschon Du wusstest, dass ich ein Verbrechen begehen würde in dem Augenblicke, da ich sie mir zu eigen machte; als ich, ausgestossen von der Gesellschaft, in welcher ich bis dahin heimisch gewesen war, zurückgewiesen von den edlen des Landes, deren Pair ich bin, als ich mich da gedemütigt und verzweifelnd in die Einsamkeit meines Schlosses zurückzog – wer hiess Dich damals meinem Hülferufe folgen? Wer hiess Dich ....
Ihre stimme war lauter geworden, je länger sie sprach; der Abbé versuchte vergebens, sie zu beruhigen, beschwor sie vergebens, zu bedenken, dass man sie in den Nebenzimmern hören könne. Sie beachtete seine Worte, seine Vorstellungen nicht.
Lass mich! rief sie. Mag die ganze Welt es wissen, dass ich elend bin, weil ich mich elend und verlassen fühle! – Oder hast Du ihn vergessen, den Tag, fragte sie, und noch jetzt glitt ein seliges Lächeln über ihre Züge, hast Du den schönen Tag vergessen, an dem Du mir gestanden hast, dass Du nie geliebt und dass Du mich liebtest? Hast Du vergessen, dass ich Dich auf meinen Knieen angefleht, hinzunehmen alles, was ich bin und habe, mein zu werden als mein Gatte und mein Herr, und dass ich sie gefühlt auf meinem haupt, Deine heissen Tränen, dass ich sie noch fühle, Deine heissen Küsse, unter denen ich zu vergehen wünschte? Hast Du es vergessen, wie Du mich mit heiligem Eide schwören lassen, dass ich nie einem mann angehören würde, weil Du geschworen, keines Weibes Mann zu sein? Hast Du das alles, alles ganz vergessen, Mann?
Der Abbé war aufgestanden und hatte sich von ihr entfernt. Er presste seine hände gegen seine brennende Stirn, auch sein Herz schlug ihm gegen die Brust, dass es ihm den Atem versetzte; aber des Mitleids mit sich selbst von Jugend auf entwöhnt, hatte er es auch für Eleonore nicht.
Wir müssen zu Ende kommen, sagte er, sich mit Gewalt beherrschend, wenn wir nicht Beide, Beide untergehen sollen! – Er hielt inne, und mit jener grausamen Offenheit, die sich nicht scheut, Alles zu bekennen, weil sie nichts mehr zu verlieren hat und fürchtet, sprach er: Es ist wahr, wie Du es sagtest, Alles