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hange doch Alles für sie daran, genau zu wissen, wie weit die Stunde vorgeschritten sei.

Mit einer Ungeduld, welche sich in jeder ihrer Bewegungen verriet, trat sie ihrem Diener entgegen. Sie nahm ihm das Zeitungsblatt aus der Hand, und es mit raschem Auge durchfliegend, blieb ihr blick endlich auf einer Stelle des Verzeichnisses haften. Sie las sie zwei, drei Mal, als wolle sie sich ihrer Sache sicher machen, als wolle sie die Namen nicht vergessen, und das Blatt auf den Tisch niederlegend, befahl sie dem Diener, während sie die Notiz in ihr Taschenbuch verzeichnete, ihr den Mantel zu reichen.

Zögernd blieb der Alte stehen. Sie wollen wieder fort, Mylady? fragte er mit sichtlicher Besorgniss. Vier Tage und vier Nächte sind Sie in keinem Bette gewesen! Sie halten es nicht aus, Sie haben wahrlich Ruhe nötig, Mylady!

Hast Du die Phrase auch gelernt? rief sie, und ein eisiges Lächeln glitt über ihr stolzes, schönes Antlitz. Sei ohne Furcht, Du sollst schlafen diese Nacht; jetzt aber komm!

Sie hatte ihren Mantel selbst über ihre Schultern geworfen, und der tür zuschreitend, gebot sie dem Alten, einen Lohndiener anzunehmen, der sie nach dem Gastofe führen könne, dessen Namen sie dem Diener angab.

Der Alte aber trat ihr in den Weg. Mylady, sagte er, nur das nicht, nur das tun Sie nicht! Ich habe die selige Frau Gräfin noch auf meinem arme getragen und das Wappenschild über der tür befestigt, als wir sie verloren haben. Was Sie von mir verlangt haben, ich habe es getan, Mylady, und ich habe mich nicht unterfangen, zu fragen, was Sie beabsichtigten, denn das war nicht meines Amtes. Aber heute, heute beschwöre ich Sie: gehen Sie den Weg nicht, den Sie jetzt eben gehen wollengehen Sie ihn nicht! Es ist Ihr Untergang, Mylady!

Sie blieb stehen; das gab dem Alten Mut. Lassen Sie mich gehen, schreiben Sie, Mylady! Ich will eilen, schneller, als Sie jetzt durch die abgesperrten Strassen und durch die Menschenmenge dringen können ....

Ich kann nichtkann nicht schreiben! rief die Herrin ungeduldig.

So will ich ihm sagen, dass Sie hier sind, will ihn holen ....

Du? – ihn? Sie lachte. Duihnwenn meine flehenden Bitten, meine verzweifelnden Tränen ihn nicht halten konnten?

Aber was hoffen Sie, was wünschen, was wollen Sie denn jetzt, Mylady?

Sie gab ihm keine Antwort, und mit festem Schritte an ihm vorübergehend, verliess sie das Gemach. Der Alte folgte ihr mit einem schweren Seufzer nach.

Durch Seitenstrassen, auf weiten Umwegen führte der Lohndiener sie nach dem Gastofe, dessen Namen man ihm aufgegeben hatte. Es war gegen den Mittag hin, die Kellner in dem haus mit Vorbereitungen für die Mahlzeit beschäftigt. Das Kommen der Fremden ward nur von dem Hauswart bemerkt. Sie selber erkundigte sich, ob derjenige, den sie suchte, zu haus sei. Der Hauswart verneinte es, wusste aber, dass er zur Mahlzeit wiederkehren werde.

Oeffnen Sie mir sein Zimmer, ich werde ihn erwarten! befahl die Dame in einem Tone, welcher es deutlich verriet, sie sei gewohnt, dass man ihr gehorche. Trotzdem zögerte der Hauswart, ihr Folge zu leisten, und erst die Weisung des ihm bekannten Lohndieners bestimmte ihn, dem Verlangen der Fremden zu willfahren.

fest entschlossen, wie ihr ganzes Wesen sich kund gab, betrat sie das Gemach. Sie schien ruhiger zu werden, als sie sich in demselben befand. Sie legte den Mantel und den Hut von sich und setzte sich nieder. Sie hatte das noch nicht getan, seit sie ihren Wagen verlassen hatte. Ihr Diener und der Führer entfernten sich auf ihren Wink.

Wie sie vorhin rastlos auf und nieder gegangen war, blieb sie jetzt regungslos auf dem erwählten platz sitzen. So oft ein Fusstritt auf der Treppe hörbar wurde, so oft man sich von aussen im Vorübergehen dem Zimmer näherte, schreckte sie zusammen, schien sie sich erheben zu wollen; indess sie überwand sich, und die Hand auf die Lehne des Sessels gepresst, die Lippen fest geschlossen, hielt sie ihr Auge mit höchster Spannung auf die tür gerichtet, während ihre Wangen noch blässer wurden und ihr Busen sich unter ihrer wachsenden Aufregung angstvoll hob und senkte. Denn abermals kam es die Treppe hinauf, wieder schritt es den gang entlang, wieder näherte sich Jemand mit raschem Schritte dieser tür, und diesen Schritt, den kannte sie.

Mit beiden Händen fuhr sie sich nach dem kopf, nach dem Herzen, als sich draussen eine Hand auf den Drücker legte. Jetzt öffnete die tür sich, jetzt trat er ein!

Und wie sie sich erhob, wie sie hoch aufgerichtet vor ihm stehen blieb, da wich auch aus seinen Wangen ihm das Blut, und wider seinen Willen erschrekkend über die Verheerung, welche die kurze Spanne Zeit in dieses Weibes hoher Schönheit angerichtet hatte, rief er, die hände wie zur Abwehr gegen sie erhoben: EleonoreSie hier?

Indess sein Anblick, der Ton seiner stimme schienen sie zu beruhigen; gleichviel, was er auch sagte, sie sah, sie hörte ihn doch! Sie liess sich auf den Sessel niederfallen, ihre arme sanken schlaff herab, und mit einer Weichheit, welche gegen ihre bisherige Gewaltsamkeit noch auffallender erschien, sagte