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in das Heer getreten, und die Zeitverhältnisse hatten ihm in demselben zu bleiben geboten, obschon sein Sinn von natur dem Kriege eben so wenig als der strengen Disciplin geneigt gewesen war. Jetzt aber waren das Heer, der Dienst ihm eine Zuflucht und ein Anhalt, jetzt bedurfte er des königlichen Schutzes, der Gnade seines Herrn. Er wünschte, für sich und die Seinigen die persönliche Gunst des Königs zu erwerben. Er hatte es in Frankreich kennen gelernt, welche Vorteile es gewähren kann, sich in dem Kreise der Gnadensonne zu bewegen, und wie er bei dem Beginne seiner Ehe voll der besten Vorsätze für dieselbe gewesen war, so war er bei der Uebernahme seines neuen Amtes auch entschlossen, mit Selbstverläugnung ein unbedingt ergebener Diener seines Herrn und Königs zu sein.

Fünftes Buch

Erstes Capitel

Unser Leben würde sehr leicht sein, wenn wir uns an dem Tage, an welchem wir es aus überzeugung oder aus notwendigkeit umgestalten wollen, nicht eben auf demselben Boden befänden und auf ihm weiter gehen müssten, aus welchem unsere ganze Vergangenheit erwachsen ist; es würde gar leicht sein, wenn unser neues Gewand bei dem Fluge, mit dem wir uns emporzuschwingen denken, nicht hier an den dürren Aesten eines alten Baumstammes hängen bliebe, den vielleicht einer unserer Altvorderen gepflanzt und den rechtzeitig aus unserem Wege fortzuräumen wir verabsäumt haben; wenn nicht dort Gestrüpp und Ranken, in deren Bereich wir uns umhergetrieben, unsere freie Bewegung hinderten; wenn wir es allein mit uns und mit der Zukunft, statt mit der Gesammteit, der wir angehören, und mit ihrer und unserer ganzen Vergangenheit zu tun hätten. Das sollte der Major von Arten an sich selbst erfahren.

Allerdings fand er es in keiner Weise schwer, sich in seinem Regimente so zu stellen, wie er es beabsichtigte. Man hatte ihn immer gern gehabt; er besass nichts von jener herausfordernden Selbständigkeit, welche einen Mann unbequem für seine Vorgesetzten oder drückend für seine Untergebenen macht, und in einer Zeit, in welcher in der Armee der militärische Geist und das Gamaschenwesen, im Gegensatze zu dem bürgerlichen geist und dem auf den Universitäten noch nicht unterdrückten Freiheitssinne, mit grosser Geflissenheit begünstigt wurden, konnten der Diensteifer und die peinliche Genauigkeit, mit welchen der Major von Arten auch die kleinlichsten Dienstvorschriften zur Ausführung zu bringen strebte, nicht unbeachtet bleiben. Dazu wollte es das Glück, dass einer der königlichen Prinzen Inhaber des Regiments war, dass Renatus also seine Tätigkeit unter dessen Augen entwickeln konnte und dass der Prinz selber ihn dem Könige mit einem anerkennenden Worte vorzustellen sich geneigt erwies.

Es war schon im Beginne der kalten Jahreszeit, als man zu Ehren eines von seinen Reisen nach Russland zurückkehrenden Grossfürsten noch eine der grossen Paraden abhielt, welche sonst in diesen Monaten nicht mehr Statt zu finden pflegten. Die Strassen, welche nach den Linden führten, waren für den Verkehr gesperrt, und die Fremden, welche in ihren eigenen Wagen, denn von der Zeit der Eisenbahnen war man noch weit entfernt, während dieser Stunden in der Hauptstadt eintrafen, hatten Not, nach den Unter den Linden gelegenen Gastöfen zu gelangen. Sie mussten ihre Fuhrwerke jenseit der abgesperrten Strassen unter Aufsicht ihrer Leute stehen lassen und ihren Weg nach den gewählten Häusern zu Fuss zu finden suchen.

So langte denn während jener grossen Parade, als die allgemeine Aufmerksamkeit der Menge sich auf den König und den russischen Gast gewendet hatte, welche, von ihrem prächtigen Gefolge begleitet, langsam an den regungslos da stehenden Reihen der Regimenter vorüberritten, in dem berühmtesten Gastofe jener Tage auch eine Fremde ohne ihren Wagen an. Der Diener, welcher sie begleitete, forderte zwei herrschaftliche Zimmer und zwei Stuben für die Dienerschaft, nebst einem Unterkommen für den Reisewagen, mit dem die Kammerfrau jenseit des gezogenen Cordons zurückgeblieben war.

Die Fremde war in einen langen und weiten Reisemantel eingehüllt, ein tiefgehender Hut, ein dichter Schleier verbargen ihr Gesicht; aber ihre hohe Gestalt und ihre gebieterische Haltung kennzeichneten sich trotzdem. Sie hörte der flüchtigen Verhandlung, welche ihr Diener mit dem Besitzer des Hauses pflog, schweigend zu und folgte dann dem Wirte, der, mit sicherem Blicke eine vornehme Frau in seinem neuen gast erkennend, ihr mit Dienstbeflissenheit voranschritt, um ihr die von ihr gewünschten Räume anzuweisen.

Aber kaum in ihrem Zimmer angelangt, warf sie, noch ehe ihr Diener oder der Wirt ihr dabei hülfe leisten konnten, Hut und Mantel von sich, und sich zu dem Wirte wendend, fragte sie, Französisch sprechend, ob er ein Verzeichniss der Fremden besitze, welche sich in diesem Augenblicke in der Stadt befänden.

Betroffen von der Jugend der Fremden wie von ihrer Schönheit, die trotz ihrer Blässe und den Leidensspuren in ihrem Antlitze noch etwas Ueberwältigendes hatten, bejahte der Wirt die Frage, und alle seine andern Anerbietungen von sich weisend, befahl sie ihrem Diener, mit dem Wirte hinab zu gehen, und ihr das betreffende Blatt herbei zu schaffen.

Unruhig schritt sie während dessen in dem saalartigen, grossen Gemache auf und nieder. Sie trat an das Fenster und blickte hinaus; aber weder die fremde Stadt, noch das kriegerische Gepränge, das sich vor ihren Augen entwickelte, selbst nicht der Schall der Musik vermochten ihre Aufmerksamkeit auch nur für Sekunden zu fesseln. Gleichgültig, als hätte sie in eine Oede oder in die Dunkelheit hineingeschaut, wendete sie sich in das Zimmer zurück, und nur nach ihrer Uhr sah sie zu verschiedenen Malen, als vergesse sie von einer Minute zu der andern, was sie gesehen habe, und als