keinem andern Zeitpunkte als eine solche angesehen haben würde, gegen die er aber eben jetzt empfindlich war.
Er war sehr jung Offizier geworden, hatte im feld die fortschreitenden Grade und frühzeitig die Schwadron erhalten; aber er war der Gesellschaft gegenüber und überall, wo er sich nicht im militärischen Dienste befunden hatte, der Freiherr von Arten geblieben. Niemand hatte ihn Lieutenant oder Rittmeister genannt, seine persönliche Bedeutung als ein Edelmann aus altem haus hatte über seinem amt gestanden. Er hatte auch seinen Dienst immer nur als eine freiwillig übernommene Leistung angesehen, von der er sich entbinden konnte, sobald es ihm beliebte, sich auf seine Güter zurückzuziehen und dort in der vollen Unabhängigkeit des grundbesitzenden Edelmannes seine Tage zu verleben. Das Gehalt, welches er als Offizier bezogen, war ihm stets unwesentlich erschienen neben den standesmässigen Bedürfnissen eines Freiherrn von Arten-Richten, und er hatte sich und Anderen oft den Ausspruch seines Vaters wiederholt: dass ein Edelmann immer dem Könige ein Opfer bringe, wenn er, fern von seinen Gütern im Heere dienend, auf alle die Annehmlichkeiten verzichte, deren er in seinem schloss und auf seinem Grund und Boden sicher sei, während er in der Stadt zu einem Geldaufwande genötigt werde, welcher in gar keinem Verhältnisse zu seinem Solde stehe.
Jetzt aber war das alles anders geworden. Renatus konnte zwar noch an jedem Tage den Abschied nehmen, um als ein Landedelmann auf seinem grund und Boden zu leben; aber die Ausdehnung dieses Grundes und Bodens war nicht mehr die alte, er war kaum noch zum dritten Teile sein eigen, und selbst über dieses Dritteil seines einstigen Besitzes hatte er nicht mehr die Möglichkeit einer völlig freien Verfügung. Nur im schloss und im Parke konnte er noch nach seinem Belieben schalten, und auch das Schloss war jetzt nicht mehr die alte wohnliche und prächtige Heimat, nach welcher seine Gedanken, wo er sich auch befunden hatte, immer gern gewandert waren. Die Eindrücke, welche er in seiner letzten Anwesenheit in Richten empfangen hatte, waren ihm sehr quälend gewesen. Die blosse Vorstellung, durch Neudorf und durch Rotenfeld als ein Fremder hinfahren zu sollen, widerstrebte ihm. Er mochte auch mit dem Amtmanne nichts zu tun haben, der für sechs Jahre jetzt in Richten Herr war, er würde sich in seinem Parke wie ein Gefangener erschienen sein, da er ausserhalb desselben nicht mehr unumschränkt gebot, mit Einem Worte, er mochte nicht mehr gern an Richten denken, es hatte aufgehört, die Heimat für ihn zu sein, und sein Majorsgehalt war jetzt nicht mehr ein unwesentlicher teil in seinen Einkünften, er war auf dasselbe mit seinen Bedürfnissen zum Teile angewiesen. Die Pferde, der Diener, welche der Staat jedem Offizier hält, waren ihm jetzt eine Erleichterung, die er nicht wohl entbehren konnte. Er musste darauf sehen, sich auszuzeichnen, wenn er vorwärts kommen, wenn er seine gesellschaftliche Stellung behaupten wollte, und vorwärts kommen hiess jetzt für den Freiherrn im militärischen Dienste Stufe um Stufe ersteigen. Er war mit seiner Zukunft an den Dienst gekettet. Er lebte, wo der Dienst es forderte, er ging, wohin man ihn schickte, er tat, was man ihm gebot, er trug das Kleid, welches der Geschmack des Königs ihm vorzuschreiben für gut befand, er durfte an des Königs Rock nach freier Wahl nichts ändern, und er musste ihn hinwiederum ändern und ihn anlegen, wie des Königs Willkür es bestimmte. Er schnitt sein Haar, wie es befohlen war, und Zeit und Stunde waren nicht mehr sein. Er war in keinem Sinne mehr sein eigener Herr, kein freier Mann mehr, nicht mehr der wahre Freiherr von Arten-Richten. Er war der Major von Arten, er war ein Diener – wenn auch eines Königs Diener geworden, und es lebte genug von dem alten freiherrlichen Stolze seines Hauses in ihm, ihn seine Abhängigkeit in einzelnen Augenblicken bitter und schwer empfinden zu lassen.
Er konnte es Anfangs nicht verschmerzen, dass man ihn nicht mehr als Baron, nicht mehr als Freiherr von Arten ansprach, dass man ihn nicht mit seinem Namen, sondern mit seinem Titel anredete, um ihm eine Ehre zu erweisen; er hätte wie sein Vater und dessen Väter alle nur er selber, nur Herr auf seinem schloss sein mögen – aber es war zu spät. Er hatte keine Wahl mehr, er musste vorwärts!
Vorwärts ging er also, und die umgestaltende überlegung, die Trösterin aller derjenigen, welche einer Beschönigung für ihre Verhältnisse bedürfen, kam auch ihm zu hülfe, indem sie ihn antrieb, seinen besonderen Fall in dem Lichte einer allgemeinen notwendigkeit zu betrachten.
Er sagte sich, dass seit Jahrhunderten der Adel in allen europäischen Staaten sich um die Trone geschaart, und in den Dienst der Fürsten begeben habe, mit denen er auf diese Weise ein wenn auch nicht ausgesprochenes Schutz- und Trutzbündniss eingegangen sei. Die Fürsten und der Adel standen jetzt fast immer und fast überall für einander ein, waren, wie Renatus dessen eben erst in Frankreich Zeuge gewesen war, auf einander angewiesen und standen und fielen mit einander. Renatus folgte also gleichsam einem Naturgesetze, wenn er sich der Minderheit so fest als möglich anschloss, in welcher er geboren worden war, jener Minderheit, die sich das Herrschen als ihr angestammtes Recht zuschrieb und sich nur erhalten konnte durch Einigkeit in sich und Einigkeit wider alles, was sich ihr widersetzte.
Er war, als er sich noch im vollen Besitze aller seiner Güter geglaubt hatte, nur mit Widerstreben