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in dem Artenschen Geschlechte, wie Mamsell Marianne ihm als Knaben erzählt, immer eine traurige Bedeutung für die Frauen gehabt; er wollte nicht, dass seine Frau sich heute, eben heute mit den weissen Rosen schmücken sollte, die vor der Familiengruft erwachsen waren, und ihr die Rose abnehmend, steckte er sie in das Knopfloch seines Rockes. Selbst den Schatten einer übeln Vorbedeutung wollte er von dem weib abwenden, das er liebte und das sich und seine Wohlfahrt ihm für die Zukunft anvertraute.

Das Mittagbrod war, weil die eigentlichen Empfangszimmer jetzt der gehörigen Einrichtung entbehrten, in dem Ahnensaale hergerichtet worden. Man hatte ihn mit Laub und Blumen freundlich aufgeschmückt, aber er war zu gross, viel zu gross für die kleine Tafel, für die geringe Anzahl von Personen, und Renatus wie seine beiden Freunde empfanden dieses Missverhältniss lebhaft. Die Trinksprüche, welche sie auszubringen für Pflicht erachteten, die Erinnerung an die Ahnenreihe, die man eben in diesem raum bei solchem Anlasse wachzurufen kaum unterlassen konnte, hatten etwas Peinliches für alle Teile, und die schlecht verhehlte Traurigkeit, die bei jedem Anlasse hervorbrechenden Tränen der Gräfin, waren auch nicht dazu angetan, dem jungen Freiherrn die Seele zu befreien. Er wusste, wem vor Allen diese Tränen flossen. Das einzige, was ihm das Herz erhob, war Cäciliens ungetrübte Freude, war die Hingegebenheit, mit welcher sie in seine arme sank.

Er war froh, als er am andern Tage sein Schloss verlassen hatte, als die Grenzsteine der Arten'schen Güter hinter ihm lagen und er mit seinem jungen weib einem eigenen, neuen Leben entgegenging. Das öde gewordene Schloss hatte allen heimatlichen Reiz für ihn verloren, es war ihm nur noch eine traurige Mahnung an bessere Tage gewesen, und er hatte die Stunde, es zu verlassen, kaum erwarten können.

Die jungen Eheleute legten den Weg nach der Residenz so schnell zurück, als die damaligen Verhältnisse es gestatten wollten. Cäciliens tüchtige Gesundheit hatte eine solche Anstrengung nicht zu scheuen, und Renatus war nicht mehr sein eigener Herr. Der Dienst nötigte ihn, Zeit und Stunde einzuhalten.

Voll der hellsten Erwartungen langte die junge Frau in der Hauptstadt an, und ihres Gatten Liebe hatte all ihr Hoffen zu übertreffen gewusst. Gegen das weite, in jedem Sinne unwirtlich gewordene Schloss nahm sich das wohnliche Stadtaus um so freundlicher aus, und selbst den Freiherrn wollte es bedünken, als geniesse er die Gegenstände, welche er aus Richten hieher verpflanzt hatte, hier mehr als dort, weil man sie näher beisammen hatte. Cäcilie aber, die sich erst jetzt als die Besitzerin dieser Einrichtung zu denken anfing, die nebenher ihrem Gatten für die vorsorgliche Grossmut zu danken hatte, mit welcher er allem ihrem Bedürfen begegnet war, kannte in ihrer Freude keine Grenze, und das Bewusstsein, hier von jetzt an unumschränkte Herrin zu sein, Alles nach eigenem Gefallen und Ermessen ordnen und bestimmen zu können, gab ihr schnell ein gewisses Selbstgefühl, das ihr sehr wohl anstand.

Wohin Renatus mit seiner jungen Gattin in den ersten Tagen kam, auf den Spaziergängen, bei den Fahrten im Parke, im Teater und in dem zufälligen Zusammentreffen mit seinen näheren Bekannten, sah er es mit Genugtuung, wie die Blicke der Männer ihr wohlgefällig folgten, wie die unverhohlene Aeusserung ihres Vergnügens ihr schnell die Neigung aller derjenigen Personen gewann, welche sich an der Natürlichkeit und Ursprünglichkeit eines Andern zu erfreuen vermögen; aber es entging ihm daneben nicht, dass die Frauen ihr die gleiche Gunst nicht angedeihen liessen. Ihr selber fiel es auf, wie geflissentlich man sich danach erkundigte, ob ihre Mutter auch nach der Hauptstadt kommen werde, ob sie der Trauung beigewohnt habe, oder ob dieselbe bei ihrer leidenden Tochter im Stifte gewesen sei. Und ehe Cäcilie noch auf solche fragen Antwort erteilen konnte, war man in der Regel in eine so übertriebene Lobpreisung der abwesenden Schwester verfallen, dass sie zu einer Kränkung für Cäcilie wurde.

Es ist unerträglich! rief Renatus ungeduldig aus, als er seine Frau einer ihrer Anverwandten zugeführt hatte, welche Ober-Hofmeisterin und von dem Könige wohl gelitten war. Diese Heiligsprechung Deiner Schwester soll mir und Dir ein Vorwurf sein, und wir danken sie ohne Frage eben so wohl Hildegarden selbst als Deiner Mutter und meinem Oheim Gerhard! Wir werden nötig haben, auf unserer Hut zu sein!

Cäcilie, welche die Welt nicht kannte, wollte davon nichts hören. Sie war in dem Besitze ihres Gatten so wohlbefriedigt, dass sie der Schwester, welche solch ein Glück entbehrte, jede Anerkennung, dass sie ihr alles, was dieselbe nur irgend erfreuen konnte, von ganzem Herzen wünschte, und ein förderliches Ereigniss kam dazu, Cäciliens unbedingtes Vertrauen in ihre Zukunft zu erhöhen und zu festigen.

In den Regimentern, welche eben jetzt erst aus Frankreich zurückgekehrt waren, fand die erwartete Entlassung der älteren Offiziere Statt, und da auch einige jüngere Offiziere nach dem beendeten Feldzuge den Abschied forderten, erhielt Renatus kurz nach seiner Hochzeit und wenige Tage, nachdem die Uebergabe seiner Güter an ihre neuen Eigentümer erfolgt war, seine Ernennung zum Major.

Er hatte darauf mit einer gewissen Sicherheit rechnen können, dennoch überraschte ihn das Zutreffen dieser Voraussicht angenehm. Er gewann damit eine neue, selbsterworbene Bedeutung in dem augenblicke, in welchem er auf den grösseren teil seiner ererbten Güter hatte verzichten müssen, und der Besitz des neuen Grades würde ihn noch mehr befriedigt haben, wäre durch die Erlangung desselben nicht seinem Selbstgefühle eine Beschränkung auferlegt worden, die er vielleicht in