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, dicht vor den Augen der Frauen, welche die Ernte in Säcke einsammelten, ein Volk Rebhühner, den Hahn an der Spitze, knatternd empor. Die Gänse auf dem nahen Stoppelfelde reckten darüber verwundert die Hälse in die Höhe, und bellend folgte ihnen der Hund des Verwalters, der die Aufsicht über die Ernte führte.

Welch prächtige Jagden hatte man zu des verstorbenen Freiherrn zeiten auf diesen Feldern gehabt! Welch lustige Jagden noch in den Jahren, als Renatus mit seinem Regimente vor dem russischen Kriege nach Richten gekommen war!

Er musste sich heute der rückblickenden Gedanken zu entschlagen suchen, sie taten ihm nicht wohl; an den Genuss der Stunde musste er sich zu halten suchen, und sie sahen ja auch so schön aus, diese rotblühenden Tabacksfelder, sie waren ihm schon in seiner Kindheit mit den fremdländischen Blättern und Blüten eine Augenlust gewesen.

Die Vögel sangen noch in den Zweigen, aber sie lockten nicht mehr. Es war Alles erreicht, Alles gesättigt. Es lag die sanfteste Ruhe über der Gegend, jene Ruhe, die es erraten lässt, dass die Stunde des Schlummers nicht mehr fern ist und dass er sich bald herniedersenken werde. Die schwermütige Empfindung des Freiherrn wurde immer mächtiger. Er hatte stets ein lebhaftes Gefühl für die Schönheit der natur gehabt, und sie war ihm nirgends lieblicher, nirgends anmutender erschienen, als auf dem Boden, den er sein eigen genannt hatte bis auf diesen Tag. Jetzt erst gewahrte er, wie viel Anteil er in diesem letzten Sommer mittelbar an den wechselnden Beschäftigungen auf den Gütern genommen hatte, wie viel Freude das Wachsen und Gedeihen dessen, was sein gewesen, ihm, fast ohne dass er sich dessen bewusst gewesen war, bereitet hatte. Er musste seiner Braut den Vorschlag zur Heimkehr machen, wenn er sie nicht erkennen lassen wollte, was in ihm vorgingund es war ja ihr Hochzeitstag.

Um zwei Uhr fuhr man nach der Kirche. Vorauf der Edelmann, mit welchem Renatus bei Steinert gewesen war, und ein anderer seiner näheren Bekannten aus der Nachbarschaft. Sie waren die Trauzeugen des freiherrlichen Paares. Dann die Gräfin und Vittoria mit ihrem Sohne: das Brautpaar machte den Schluss.

Sonst hatten die Landleute sich von der katolischen Kirche fern gehalten, heute war sie voll von Menschen. Sie waren aus allen drei Dörfern herbeigekommen, der Trauung beizuwohnen, den jungen Herrn noch einmal zu sehen; und sie, die trotz ihrer verhältnissmässigen Armut sich die lustige Hochzeit nicht leicht versagten, hatten Mitleid mit dem Freiherrn, der nicht mehr ihr Herr war. Es war anders gewesen vor jenen Jahren, als der Vater und vollends als der Grossvater des jungen Freiherrn geheiratet hatten. Es lebten noch alte Leute, die von ihren Eltern davon erzählen hören, wie dazumal die Wagen vorgefahren waren vor das Schloss, wie das ganze Schloss und der Park erleuchtet gewesen waren und die grossen Pechtonnen überall gebrannt hatten.

Etwas von diesen Erinnerungen mochte wohl auch in dem geist des Bräutigams wieder lebendig werden. Er war sehr ernst, das war natürlich; aber er war auffallend bleich. Was er dachte? Er konnte es in diesem Augenblicke nicht sagen; indess Cäcilie verstand ihn, und es ging ihr tief zu Herzen, als der Geistliche sie für die Ehe einsegnete und sie den festen treuen Druck von des Geliebten Hand empfand.

Auf gute und auf böse Tage, für Leben und Tod sollte dieses unauflösliche Testament sie verbinden, und Renatus wusste was er damit übernahm, und war in sich entschlossen, es zu halten. Seit er zu einem eigenen Urteile gekommen war, hatte er immer gross von der Ehe gedacht, und seine Liebe für Cäcilie machte ihm zum Glücke, was er ohnehin als seine Pflicht erkannte.

Durch das hohe Portal des schönen Baues fiel hell die Sonne herein, als das Brautpaar, vom Altar kommend, in das Freie trat. Sie war zum ersten Male an diesem Tage zum Durchbruche gekommen.

Das soll uns ein gutes Zeichen sein, sagte Renatus zärtlich, fasse Mut wie ich, wir werden glücklich sein!

Die Worte erschreckten Cäcilie. Sie hatte nie an ihrem Glücke gezweifelt, sie war glücklich und es freute sie Alles: der Sonnenschein und die Glückwünsche der beiden sie begleitenden Freunde, welche sie Frau Baronin nannten, und der Zudrang der Frauen aus den Dörfern, die ihr schönes Hochzeitskleid so nahe als möglich sehen wollten, und das oft wiederholte: Leben Sie wohl, gnädiger Herr! Leben Sie wohl, gnädiger Herr! – bei dem die Alten weinten und das dem Freiherrn fast das Herz zerriss.

Während man noch unter dem Portale stand und der Wagen vorfuhr, fielen die Augen der jungen Frau auf das Gärtchen, welches die Gruft umgab. Die weissen Rosen, welche der verstorbene Kaplan dort nach dem Kriege neu gepflanzt hatte und zu deren Füssen er begraben worden war, blühten, von dem milden Herbste begünstigt, noch in voller Pracht. Auch Renatus hatte seine Blicke dortin gewendet. Sollte dieser kleine Raum doch bald das einzige sein, was ihm von dem Besitze der beiden grossen Güter Neudorf und Rotenfeld verblieb; und als errate seine junge Frau, was in seinem inneren vorging, sprach sie den Wunsch aus, eine von diesen weissen Rosen zum Andenken mit sich zu nehmen.

Valerio eilte, einen Zweig zu brechen, und reichte ihn der Schwägerin, wie er Cäcilie mit Selbstbewusstsein nannte; als sie die Blume aber an ihrer Brust befestigen wollte, hielt Renatus sie davon zurück. Die weisse Rose hatte