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's zu tun zu haben, die auf den Gütern heimisch waren und es wussten, was möglich sei und was einmal nicht möglich sei.

Cäcilie konnte nicht begreifen, was ihren Bräutigam so ernstaft stimme, was die weiche, wehmütige Zärtlichkeit bedeute, mit der er sie umarmte und behandelte, und er liebte sie so sehr, dass er ihr's nicht sagte. Aber diese Liebe ward ihm selbst zum Troste und zur Beruhigung, denn in ihr, in seiner Reinheit, in seinem ungeteilten Empfinden konnte er seiner künftigen Gattin bieten, was sein Vater seiner Mutter nicht hatte gewähren können, und er gelobte es sich fest, dass Cäcilie glücklicher, als seine Mutter es gewesen, dass seine Ehe eine schöne und würdige werden solle. Sein Wille, seine Vorsätze waren die allerbesten.

Er hatte an dem Tage noch eine Menge alter Familienpapiere zu ordnen, die er mit sich nach der Stadt zu nehmen wünschte, und Cäcilie, vor der er kein geheimnis hatte, leistete ihm dabei freundlich ihren Beistand. Dieses erste gemeinsame arbeiten half ihm über das Unbehagen fort, das ihn bei dem Eintritte in die altbekannten Räume zuerst befallen hatte, denn eben aus dem Arbeitszimmer seines Vaters und aus den eigentlichen Wohnzimmern hatte er die Möbel und Kronleuchter, die Bilder und die Zieraten in seine künftige wohnung hinüber genommen, und die leeren Gemächer starrten ihn mit kalter, vorwurfsvoller Oede an. Er war froh, als er seine Arbeit beendet, als er die notwendigen Besprechungen mit dem Amtmanne gehabt hatte, und als er gegen den Abend hin sein müdes Haupt in Vittoria's Zimmer an den Busen seiner Cäcilie lehnen, und an ihrer Schulter ruhen lassen konnte.

Die Gräfin sah er wenig. Sie war den ganzen Nachmittag in ihrer wohnung geblieben, sie schrieb an Hildegard; die Neuvermählten sollten am anderen Tage die Briefe bis zur Hauptstadt mit sich nehmen.

Die Trauung war gleich auf den nächsten Mittag festgesetzt, denn Renatus hatte nur einen möglichst kurzen Urlaub fordern mögen. Der Morgen brach mit leichtem Nebel an, aber die strahlende Freude seiner Braut ersetzte für den Bräutigam das Licht der Sonne, das nicht recht zum Vorschein kam. Cäcilie liess hier in Richten nichts zurück, wonach ihr Herz sich sehnen konnte, und ihre höchsten Wünsche sollten heute in Erfüllung gehen. Sie wurde wider all ihr Hoffen und Erwarten dem mann verbunden, den sie von frühester Jugend an geliebt hatte, und sie kehrte mit der Aussicht auf die erwünschtesten Verhältnisse in die Stadt zurück, nach der ihre heimliche sehnsucht nie erloschen war. Freilich sah sie den Schatten, der sich oft über des Geliebten klare Stirne senkte, aber sie beunruhigte sich darüber nicht. Es dünkte sie ganz natürlich, dass er, der andere Rückerinnerungen hatte, sich dieser eben heute nicht erwehren konnte. Sie glaubte, es sei der Gedanke an Hildegard, der ihn bewege, und sie missgönnte das der Schwester nicht.

Sie sprach das dem Bräutigam auch aus. Er nannte sie ein schönes Herz, er küsste sie, er verhiess ihr, dass sie dieses Tages stets mit Freude denken solle, aber seine Wehmut wollte doch nicht schwinden.

Ihn zu erheitern, schlug sie ihm vor, als Brautleute noch einen letzten Spaziergang zu machen. Er zeigte sich bereit dazu. Arm in Arm gingen sie aus dem Parke in das Freie hinaus.

Der Sommer war sehr günstig gewesen. Grosse und lang andauernde Wärme hatte mit reichlichem Regen abgewechselt und das Wachstum der Bäume wie das Reifen der Frucht ungewöhnlich gefördert. Alles war in diesem Jahre, wie der Amtmann es dem jungen Freiherrn im Frühlinge richtig vorausgesagt hatte, mächtig vorwärts gekommen, Alles früh geerntet worden; aber weil die Wärme noch im Herbste fortdauerte und überall noch neues Leben erschuf und das Vorhandene erhielt, merkte man es nicht sonderlich, dass die Felder schon kahl waren und das Laub an den Bäumen sich je nach seiner Weise rot und gelb gefärbt hatte. Wo es zur Erde fiel, wuchs noch überall frisches, neues Gras empor und verdeckte den Niederfall, so dass die welken Blätter nur wie Blumen aus dem Grün hervorsahen und das Abgestorbene selbst nur dazu beitrug, das Lebendige zu verschönen. über den grünen Kronen der Eichen und Linden leuchteten die Wipfel schon herbstlich gelb, und feuerrot umgaben die Blätter des wilden Weines, mit seinen langstengligen violetten Trauben, den von unzähligen Silberfäden übersponnenen Schlehdorn, der auf den Rainen zwischen den einzelnen Feldern wuchs und grünte.

Der Tag hellte sich selbst gegen den Mittag nicht vollkommen auf, aber die Luft war mild. Der feine Nebel, der über der ganzen Gegend liegen blieb, hatte noch nichts Herbstliches an sich. Nur wie ein vorübergehender Gast zog er durch die Gegend, man fühlte, dass er noch nicht schwer und dicht genug sei, sich dauernd in ihr festzusetzen. Er zog gewiss in wenig Stunden fort.

Ach, auch Renatus zog in wenig Stunden fort, und wenn er wiederkehrtewar dies alles nicht mehr sein!

Wie ihr Weg sich wendete, kam der Duft der letzten Heumahd zu ihnen herüber, traf der Geruch des abwelkenden Kartoffelkrautes hier und da den Sinn. Auf den frisch geackerten Feldern streiften Dohlenschwärme hüpfend umher, die Nahrung zu suchen, welche Pflug und Egge für sie aus der Tiefe hervorgeholt hatten, und schwangen sich dann rauschend in die Luft, im schnellen Fluge einen andern Acker zu besuchen. Hier sprang ein Hase mit gespitztem Ohr in weiten Sätzen durch ein Kohlfeld in das Weite, dort schoss aus einem Kartoffelfelde