die sich eng und ärmlich habe helfen müssen, sei die prächtige und leere katolische Kirche stets ein Dorn im Auge gewesen, und es sei, da in der ganzen Gegend jetzt keine zehn Katoliken mehr zu finden wären, auch nicht die geringste notwendigkeit zur Erhaltung eines besonderen Gotteshauses für dieselben mehr vorhanden. Nur wegen der Arten'schen Familiengruft habe es noch Schwierigkeiten.
In wie fern? fragte Paul, der diesen Erörterungen bis dahin schweigend gefolgt war.
Der Freiherr verlangt als eine der Verkaufsbedingungen, dass der Zugang zu der Gruft von der Seite der Kirche vermauert werde, und er will, dass ihm und seinen Nachkommen für ewige zeiten der Besitz dieser Gruft mit dem sie umgebenden, von dem eisernen Gitter eingehegten Garten, den die Gutsherrschaft als Onus unterhalten soll, zugesichert werde.
Paul schlug ungeduldig mit der flachen Hand auf den Tisch. Sie sind unverbesserlich, aber ganz und gar unverbesserlich! rief er aus. Sie haben die geschichte der letzten dreissig Jahre vor sich und sie können sich das verdammte Wort "ewig" nicht abgewöhnen; als ob sie nicht gerade daran zu grund gingen, dass sie sich in den notwendigen Wechsel der zeiten und der Dinge nicht fügen wollen! Dieser junge Arten sieht es jetzt mit eigenen Augen, was es mit den Dingen ist, die man für ewig gegründet zu haben glaubt. Sein Vater baute, einer Stimmung zu genügen, eine Kirche, die für ewige zeiten dem katolischen Kultus und den religiösen Bedürfnissen seines Geschlechtes gewidmet sein sollte. Noch kein Menschenalter ist seitdem verflossen, und die Kirche wird unser, und wir beraten heute hier in kalter, verständiger überlegung, was wir mit dem Prachtbaue machen sollen, in welchem die Aufregung eines Tages sich ein ewiges Denkmal zu setzen meinte. Noch weiss es jedes Kind im dorf, dass es die Herren von Arten gewesen sind, welche die Kirche auferbauten, denn bis heute ist ein Arten Besitzer derselben gewesen. Wer aber wird nach zwanzig, nach dreissig Jahren daran denken, davon wissen? Ludwig der Sechszehnte und Marie Antoinette sind guillotinirt, die Welt ist umgestaltet, ein Advokatensohn Kaiser und Beherrscher der Herrschenden, seine Brüder sind Könige geworden, und Alle sind sie niedergeworfen worden, als ihre Zeit vorüber gewesen ist – und dieser junge Edelmann will ein ewiges Erbbegräbniss für die Gebeine seiner Väter, für die Freiherren von Arten errichtet haben. Es ist abgeschmackt! – Er stand ärgerlich auf.
Du meinst also, dass man diese Bedingung nicht eingehen soll? fragte Steinert.
Warum nicht? Wenn der junge Arten die Unterhaltung der Gruft und des Gartens übernehmen will! Richten liegt dazu nahe genug, und die paar Ruten Land können wir entbehren.
Es ist übrigens keine schwere Last, wendete Herbert ein, dem begreiflicher Weise an der Erhaltung alles dessen gelegen war, was zur Zierde der Kirche gereichte und mit ihrem Baue organisch zusammenhing; es ist keine schwere Last, welche wir oder die Gemeinde mit der Erhaltung dieses Blumengärtchens auf uns nehmen würden.
Wir haben aber kein Recht, durchaus kein Recht, denen, die nach uns kommen werden, eine Pflicht, wie leicht sie uns auch bedünken mag, aufzuerlegen, da sie ihnen doch weniger leicht erscheinen könnte. Soll der Garten gepflegt werden, so mag's geschehen, so lange wir die Herren der Güter sind, und ich für meine person habe keinen Grund, mich dem zu widersetzen. Aber was können unsere Kinder, oder was werden diejenigen, die vielleicht nach diesen die Güter erwerben, mit den Ewigkeitsgelüsten des baron Renatus zu schaffen haben? Wir haben kein Recht, willkürlich übernommene Gefälligkeiten als Verpflichtungen auf Dritte zu vererben. Mag der Freiherr ...
Du denkst als Kaufmann schon an den Verkauf der Güter, ehe wir sie noch erworben haben, fiel Steinert ihm in das Wort, der wie ein rechter Landmann fest an seiner Scholle hing; da freilich kann von Dauer oder gar von Ewigkeit auch nicht die Rede sein, da ist nichts ewig!
Paul lachte. Adam der Siebenundsiebzigste! rief er, schnell wieder heiter geworden, den Freund an eine frühere Neckerei erinnernd. Aber beruhige Dich, mein alter Freund, es gibt ein Ewiges, es gibt unumstössliche, ewige Wahrheiten; nur dass gerade diejenigen, die für ihre Namen und für ihre Geschlechter und Gebeine so gern auf die Ewigkeit vertrauen, von diesen ewigen, unumstösslichen Gesetzen und Wahrheiten meist nicht gern sprechen hören und eben daran untergehen.
Was meinst Du damit? fragte Steinert, der trotz seines gesunden Verstandes immer nur langsam dachte und langsam fasste.
Es ist sicherlich eine ewige Wahrheit, dass zweimal zwei vier macht und dass ich drei von zwei nicht abziehen kann! gab Paul ihm mit der früheren Lebhaftigkeit zur Antwort. Ich habe diese unumstössliche und ewige Wahrheit schon hier in diesem Zimmer einsehen lernen, als es noch dem alten Flies zum Laden diente und die Neger und die Palmen und die Elephanten auf seinen Uhren und Tafelaufsätzen mir eine kindische sehnsucht nach den fernen Gegenden und Weltteilen einflössten, in denen ich die Neger und die Palmen und die Elephanten heimisch wusste. Aber was haben diese alten adeligen Geschlechter, die gleich den Herren von Arten arbeitslos den Tag am Tage leben und dafür die Möglichkeit einer ewigen Dauer erwarten, von jener ewig unumstösslichen Grundwahrheit begriffen? – Nichts!
Sie sind sehr streng, liebster Tremann! bemerkte Herbert, der um der Baronin Angelika willen eine gewisse Vorliebe für ihren Sohn bewahrt hatte, welche Steinert aus anderen Empfindungen und Erinnerungen gleichfalls mit ihm