, schien es nicht unmöglich, wenn schon es auffallend gewesen wäre, dass die Diamanten sich noch in dem Gewahrsam des Juweliers befinden konnten. Indess diese Erwartung zeigte sich als trügerisch. Der Juwelier hatte die Brillanten im Auftrage des Freiherrn verkauft; die Berechnung darüber war vorhanden, eben so die Quittung des Bankhauses, an welches man den Erlös nach des Freiherrn Bestimmung ausgezahlt hatte. Der reiche Arten'sche Familienschmuck, dieses Erbe, an welchem man von Geschlecht zu Geschlecht gesammelt hatte, war dahin, und Renatus durfte sich nicht einmal mit dem Gedanken trösten, dass es, wie so mancher andere Schmuck, für die Befreiung seines Vaterlandes hingegeben worden war.
Es war ihm lieb, dass sein Dienst ihn an diesem Tage ganz in Anspruch nahm; er mochte an den Schmuck nicht denken, und es blieb ja auch nichts übrig, als sich die Angelegenheit aus dem Sinne zu schlagen. Er freute sich nur, dass er für Cäcilie die Saphire schon gekauft hatte, er würde sonst vielleicht des Mutes dazu ermangelt haben, und ganz ohne Schmuck durfte seine junge Frau in der Gesellschaft auch nicht auftreten, wenngleich in diesen zeiten sich gar Viele solcher Zier aus Vaterlandsliebe entäussert hatten.
Mit jedem Tage, den Renatus vorwärts ging, befestigte sich jetzt seine Zuversicht, dass Alles sich notwendig zum Besten wenden werde, und in der Tat nahten auch die Verhandlungen über den Verkauf der Güter sich einem günstigen Abschlusse.
Es war noch in der ersten Hälfte des September gewesen, als Paul von der einen Seite und Steinert von der anderen nach der Provinzial-Hauptstadt kommend, in dem einstigen Flies'schen haus eingetroffen waren, das der Baurat Herbert an sich gebracht hatte, als Herr Flies nach der Residenz gezogen war. Von haus aus vermögend und durch Eva's väterliches Erbe unterstützt, wie durch ihre Sparsamkeit und Tüchtigkeit gefördert, war Herbert von den Zeitereignissen verhältnissmässig weniger als die beiden anderen Männer in seinen Umständen bedroht und beeinträchtigt worden. Auch die Feldzüge hatte er nicht mitgemacht. Ein unglücklicher Fall, den er bei Besichtigung eines Baues einst getan, hatte ihm einen Armbruch und in dessen Folge eine Schwäche des rechten Armes zugezogen, die ihn zwar in seiner Tätigkeit nicht behinderte, es ihm aber doch unmöglich gemacht haben würde, die Waffen zu tragen. Er und seine Eva hatten sich also seit ihrer Verheiratung nicht viel getrennt, und wenn die fünfzigjährige Frau den Titel und das Ansehen ihres Mannes auch sehr wohl zu tragen wusste, so war ihr von der frischen Fröhlichkeit des Landmädchens doch noch genug geblieben, um es Jedem wohl und behaglich werden zu lassen, der unter ihrem dach weilte.
Jetzt besonders, wo ihr Aeltester, der, wie ihres Bruders Sohn, kaum dem Knabenalter entwachsen, in das Feld gezogen, nun endlich wieder in die Heimat zurückgekehrt war und wo sie Adam und Tremann zu Gästen hatte, war sie recht in ihrem Elemente. Die schönen Augen blickten hell aus den weissen Spitzen ihrer neuen Haube hervor, die breiten rosa Bindebänder umgaben das rundeste Kinn; und die Grübchen in den freilich etwas zu stark gewordenen Wangen blieben den ganzen Tag sichtbar, weil die glückliche Hausfrau aus dem still zufriedenen Lächeln nicht herauskam. Jeder sollte es ganz nach seinen Bedürfnissen und Wünschen bei ihr haben. Der Bruder musste seine Leibgerichte auf dem Tische finden, der Sohn sollte es merken, dass es, wie schön es in Frankreich, in Berlin und in all den grossen Städten und schönen Gegenden auch gewesen sein mochte, doch im Vaterhause stets am besten sei; und daneben wollte Eva es dem Herrn Tremann auch beweisen, dass man in der Provinz ebenfalls zu leben wisse.
Die beiden Töchter, von denen die ältere auf Eva's ausdrückliches Verlangen den Namen Angelika erhalten hatte und von der man in der Familie immer behauptete, sie sehe der verstorbenen Baronin ähnlich, weil Eva vor der Geburt dieses Kindes immer und immer daran gedacht hatte, dass dieses zweite Kind, wenn es ein Mädchen sei, den Namen der Baronin führen solle, welche einst Eva's und Herbert's hände in einander gelegt hatte – die beiden Töchter gingen in stiller Geschäftigkeit die Treppe hinauf und hinab. Sie trugen das Sonntagsgeräte, das feine Krystall und die eingekochten Früchte auf die Tafel, die oben im saal schon gedeckt war; und unten in der Küche glänzte der Rehrücken, welchen Steinert von Marienfelde mitgebracht hatte, schon in bräunlicher Farbe an dem sich rastlos drehenden Spiesse, als in dem Arbeitszimmer des Baurats die drei Freunde noch beratend bei einander sassen.
Die Gutskarten, die Akten waren freilich schon bei Seite gelegt, die Bedingungen des Kaufkontraktes, die Termine der Uebernahme und der Zahlungen nach des Freiherrn Vorschlägen verabredet worden; auch die verschiedenen Abkommen unter den drei Männern, welche die Güter gemeinsam kaufen wollten, waren zum Abschluss gelangt. Die Steinbrüche jenseit Rotenfeld, der Torfstich zwischen Rotenfeld und Neudorf sollten ebenso wie die Bewirtschaftung der Güter und die Errichtung der Fabrik auf gemeinsame Kosten unternommen und betrieben werden. Herbert selbst wollte die Leitung der Steinbrüche und die Bearbeitung und Verwertung des Materials auf sich nehmen. Steinert's künftiger Schwiegersohn, der in einer torfreichen Gegend heimisch und des Torfstiches kundig war, sollte unter Herbert's Beistand zunächst die für solches Beginnen nötigen Kanalarbeiten machen lassen, durch welche man dem ohnehin zu feuchten Boden von Rotenfeld eine zweckmässige Ableitung zu verschaffen hoffte; und sobald als tunlich sollten dann vornehmlich Oelpflanzen auf den Gütern angebaut werden, da es eben auf die Gründung einer