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sein Oheim ihn daran erinnerte, dass zwischen Seba und der Tochter eines alten, gräflichen Hauses allerdings eine wesentliche Verschiedenheit obwalte. In der Gesellschaft, welcher die beiden Männer angehörten, wog des Grafen ehrloser Verrat an Seba sicherlich nicht so schwer, als der für Renatus zu einer inneren notwendigkeit gewordene Treubruch gegen eine Gräfin Rhoden, und die Männer sowohl als die Frauen seines Standes waren der Mehrzahl nach ohne Frage eher geneigt, den Grafen, als seinen Neffen freizusprechen. Er hatte also das verdriessliche Bewusstsein, einen Schlag gegen seinen Gegner ausgeführt zu haben, den Jener so geschickt von sich abgewendet hatte, dass er sich aus dem Angegriffenen in einen Angreifenden verwandeln können, und Renatus kannte seinen Oheim darauf, dass dieser ihm nicht vergessen, nicht verzeihen werde, was eben jetzt zwischen ihnen vorgegangen war. Er wusste, dass er von jetzt ab den Grafen als seinen Feind betrachten müsse, und er fühlte auch den nie ganz besiegten Widerwillen gegen denselben in sich so gross geworden, dass er, gereizt, wie er es war, jetzt ein für alle Mal seine Stellung gegen den Oheim zu nehmen beschloss.

Er stand aufrecht vor dem Grafen, der seine bequeme Lage nicht verliess, und sagte, während er seine Handschuhe anzog, in einer Weise, welche sein Oheim noch nie zuvor von ihm vernommen hatte: Wir haben, wie ich sehe, wenig Aussicht, uns zu verständigen, und ich wusste das im voraus, da ich Ihre Vorliebe für Cäciliens Schwester kannte. Ich kam auch nicht, mich wegen meiner Handlungsweise zu rechtfertigen, sondern weil es mir lieb gewesen wäre, sie Ihnen, dem Bruder meiner Mutter, einsichtlich zu machen, und weil ich Sie um die Rückgabe der Akten ersuchen wollte, die in Ihren Händen zurückgeblieben sind.

Da ich von dem Tage Deiner Ankunft nicht unterrichtet war, habe ich sie gestern, wohl versiegelt, Deinem Chef zur Uebergabe an Dich zustellen lassen, denn ich verreise morgen, antwortete der Graf mit gleicher Kälte.

Renatus dankte, ohne sich nach dem Reiseziele seines Oheims zu erkundigen, und wollte sich entfernen; aber der Graf sagte von selbst, dass er eine Badekur beabsichtige.

Renatus fragte also pflichtschuldigst, wohin er zu gehen beabsichtige.

Man hat mir zu einem Stahlbade geraten, und ich habe mich für Pyrmont entschieden. Ich bleibe etwa sechs Wochen dort. Wirst Du bei meiner Rückkehr hier sein?

Ohne alle Frage!

Du denkst also nicht, Dich versetzen zu lassen?

Wie käme ich dazu? fragte der Freiherr, sichtlich von der Frage überrascht.

Ich meinte, dass Deine Vermögensverhältnisse und auch die Rücksicht auf die arme Hildegard es Dir vielleicht wünschenswert erscheinen liessen, nicht in der Residenz, nicht eben hier zu leben.

Durchaus nicht! entgegnete der Neffe sehr bestimmt. Ich denke vielmehr, mich mit meiner ganzen Familie hier niederzulassen, und bin schon heute darauf ausgegangen, eine wohnung zu suchen, in der ich uns und meine Stiefmutter und meinen Bruder bequem einrichten kann!

So, so! wiederholte der Graf in dem früheren Tone, und eine Prise nehmend, setzte er hinzu: Auf Wiedersehen also, auf Wiedersehen, mein Lieber!

Renatus gab ihm dieses Lebewohl zurück, und sie trennten sich, ohne sich die Hand zu geben, wie zwei Fremde, wie zwei Feinde.

Zwölftes Capitel

Welch eine Welt ist das! rief Renatus innerlich aus, als er sich wieder auf der Strasse befand. Aber es gilt, sich durchzuschlagen! fügte er hinzuund sich durchzuschlagen, war er glücklicher Weise ja gewohnt.

Sein Lebensmut war entschieden im Wachsen. Er war in sich beruhigt über die Haltung, welche er gegen seinen Onkel behauptet hatte, und wenn er es sich recht überlegte, war es für ihn kein Unglück, vielmehr ein Gewinn, dass es zu einem entschiedenen Bruche zwischen ihm und dem Grafen gekommen war.

Der Graf liebte es, sich als einen Beschützer darzustellen; er hatte in den zeiten der Franzosenherrschaft sich an ein zweideutiges Vermittleramt gewöhnt, er war müssig, sah viele Leute, beobachtete, wie alle diejenigen, die kein gutes Gewissen und in ihren eigenen Lebensverhältnissen mancherlei zu verbergen haben, äusserst scharf; was konnte also für des jungen Freiherrn Familie aus einem Zusammenhange mit diesem mann Heilsames erwachsen?

Den Schutz und Einfluss des Grafen irgendwie in Anspruch nehmen zu wollen, war sein Neffe weit entfernt; er sah auch nicht ab, dass er jetzt noch in die Lage kommen könne, desselben zu bedürfen. Seine Vermögensverhältnisse ordnete er in der durchgreifendsten Weise selbst, mit dem Kommandeur seines Regimentes hatte er immer auf das beste gestanden, und er hatte gleich bei dem ersten Besuche von demselben erfahren, dass wirklich eine grosse Anzahl von Dienstentlassungen und von Abschiedsgesuchen im Werke, also für das Heraufrücken der jüngeren Offiziere die günstigsten Aussichten vorhanden seien. Wozu konnte ihm der Oheim denn auch nützen? Ihn, der Cäcilie nicht freundlich, der Vittoria feindlich gesinnt war, der von der inneren Familiengeschichte des Arten'schen Hauses weit mehr als gut war wusste, nicht in seiner Familie aufnehmen zu dürfen, dünkte den Freiherrn ein wesentlicher Vorteil zu sein. Wendete Hildegard sich von der Schwester ab, schloss die Mutter sich mehr an die ihr bleibende, als an die verheiratete Tochter an, so waren das Dinge, die eben nicht zu ändern waren, und auf einen recht verträglichen Verkehr zwischen Vittoria und jenen beiden Frauen hatte Renatus sich ohnehin nicht Rechnung machen dürfen. Es war also am besten, wie es sich