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, hob der Graf nach kurzem Schweigen an, Ihr hättet nicht für einander gepasst, und ich streite Dir dies, ich wiederhole es, nicht ab. Aber, mein Lieber, wer zwang Dich, oder vielmehr, was berechtigte Dich, vor sieben Jahren, als Du noch sehr unfertig und völlig unselbständig warst, das Schicksal eines schon damals sehr reifen und im edelsten Sinne in seiner Bildung abgeschlossenen Mädchens an Dich zu binden? Erinnere Dich, dass ich Dich damals, weil ich Deinen leicht beweglichen Arten'schen Sinn sehr wohl erkannte, vor dem Umgange mit den Rhodens warnte!

Renatus war keiner Antwort fähig. Zum zweiten Male gelang es seinem Oheim, ihn durch die Dreistigkeit seiner Heuchelei und Unwahrheit förmlich zu erschrecken. Er musste erst Herr über sein Erstaunen werden, ehe er die Bemerkung machen konnte, dass er sich jener Warnung seines Onkels sehr wohl und sehr oft erinnert, ja, dass er sie als eine durchaus berechtigte anerkannt habe, denn er sei damals in der Tat, wie der Graf es für ihn besorgt habe, ohne selbst recht zu wissen, wie, in die Verlobung mit dem älteren und fertigeren Mädchen hineingezogen worden.

Ohne zu wissen, wie? sprach der Graf ihm immer in demselben Tone spöttelnden Tadels nach. Mich dünkt, mein Lieber, dies zu behaupten, hättest Du kein Recht! Ein Mädchen von dem Seelenadel Hildegard's konnte es nicht glauben, dass es nur auf ein leeres, empfindsames Spiel von Dir gemünzt war! – Er machte eine jener berechneten Pausen, welche Arglistige so wohl zu benutzen verstehen, und fuhr dann fort: Hildegard hat mir geschrieben. Ich wusste alles, was vorgegangen war, noch ehe ich die seltsame Kunde erhielt, dass Du Hildegard's Entfernung kaum abgewartet hattest, um Dich mit ihrer leiblichen Schwester zu verloben. Hildegard wird das nie verschmerzen, und wirklich, mein Lieber, es ist keine Heldentat, mit dem Lebensglücke eines reinen, edlen Mädchens sein Spiel zu treiben!

Er hatte sich in eine tugendhafte Entrüstung hineingesprochen, in welcher er sich offenbar sehr wohl gefiel, denn er zupfte sich den Hemdkragen und das Jabot zurecht, fuhr sich mit der Hand aus alter Gewohnheit nach dem haupt und durch das Haar, obschon dieses zu einer solchen, seine Fülle ordnenden Bewegung gar keine Veranlassung mehr bot, und lehnte sich behaglich in den Sessel zurück.

Seine letzte, wiederholte Behauptung war dem jungen Freiherrn aber doch zu viel geworden, und sich erhebend, sagte er, die schöne Oberlippe unter dem blonden Schnurrbarte in die Höhe werfend: Diese Bemerkung aus Ihrem mund überrascht mich sehr!

Was soll das heissen? fragte der Graf kurz und bestimmt.

Es soll Sie nur an Seba Flies erinnern, entgegnete der Freiherr in derselben Weise, für deren einstige Seelenreinheit, für deren Seelenadel mir die Freundschaft, welche meine Mutter für sie hegte, ohne alle Frage eine Bürgschaft sein darf!

Der Graf lachte hell auf. Wie man, einmal von dem rechten Wege entfernt, sich gleich ganz und gar verliert! rief er aus. Das ist in der Tat naiv! ein Cavalier und ein Judenmädchen! Wer fragt danach? – Aber das Verhalten eines Edelmannes gegenüber einer Dame seines Standes, das ist etwas Anderes! Das Judenmädchen konnte, ohne die Ueberspannteit, mit der es sich mir völlig in die arme warf, es gar nicht für möglich halten, dass es die Meine werden könne; und hätte Seba es gewollt, sie hätte auch nach dem Abenteuer mit mir, von dem damals Niemand etwas wusste, unter ihres Gleichen noch Männer genug zur Auswahl haben können, denn sie war schön und reich! Aber eine Hildegard, eine Gräfin Rhoden war berechtigt, auf das Wort eines Edelmannes zu vertrauen! Alle Welt wusste von Eurer heimlichen Verlobung, sieben Jahre ihres Lebens sind Dir geweiht gewesenes ist unerhört! Verlass Dich aber darauf, man wird dies übel, sehr übel vermerken! Der König ist gegen solche Handlungsweise äusserst streng! Von dem Darlehen auf Deine Güter ist unter diesen Umständen natürlich keine Rede mehr! Es war dabei sehr wesentlich auf die Gunst gerechnet, deren Hildegard geniesst, und ....

Der Freiherr konnte es bei aller Selbstbeherrschung länger nicht ertragen. Ich denke weder Sie noch Hildegard in meinen Angelegenheiten zu bemühen, sagte er. Ich bedarf des königlichen Darlehens nicht!

Wie das? fragte der Graf.

Ich verkaufe Rotenfeld und Neudorf, ich verpachte Richten, denn ich werde im Dienste bleiben, schon um meiner Familie willen!

So? sagte der Graf mit einer leisen Kopfbewegung, während Renatus sich nach seinem Czako umsah.

Er war erbitterter, als er sich je gefühlt hatte. Sich von einem Wüstlinge, wie der Graf es gewesen war, so lange seine Kraft für die Befriedigung seiner Gelüste ausgereicht hatte, sich von einem Verräter des Vaterlandes, von einem Ehrlosen zu Sitte, Pflicht und Ehre ermahnen zu lassen, empörte den Freiherrn. Er hätte ihm mit Einem Worte seine ganze Verachtung aussprechen, ihm sagen mögen, wie er des Grafen Heuchelei verabscheue; aber über dieses vollberechtigte Empfinden des Freiherrn trug Eine Erwägung den Sieg davon und nötigte ihn, nach seiner Meinung, zum Schweigen.

Er hatte aus seiner innersten natur heraus, aus jenem warmen und menschlichen Gefühle, dessen er fähig war, wo seine Standesvorurteile ihm nicht den Sinn und das Herz verengten, den Grafen an seine Schandtat gegen Seba gemahnt; indess er selber erkannte, bei seiner Anschauungsweise, sobald