1864_Lewald_163_458.txt

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In derselben Stunde zeigte er auch Steinert an, dass er verkaufen wolle, weil er sich mit der Gräfin Cäcilie Rhoden verlobt habe, welche in der Stadt zu leben wünsche, wohin ihn selber die eigene Neigung für den Kriegsdienst und die Rücksicht auf die Erziehung seines Bruders ziehe. Könne er mit Steinert Handels einig werden, und zwar so, dass Steinert und der Baurat Herbert, der, wie er von dem Amtmanne gehört zu haben glaube, den Kauf mit Steinert gemeinsam unternehmen wolle, beide Güter an sich brächten, so werde ihm dies um seiner Insassen willen das Erwünschteste sein. Er werde dann die Leute, welche seit Hunderten von Jahren zu seinem haus gehört hätten, in Steinert's Vorsorge, der den Leuten lieb und bekannt sei und ein Herz für sie habe, wohl beraten und wohl geborgen wissen. Einer persönlichen Besprechung bedürfe es für's Erste desshalb nicht, und leider habe er zu dieser, von dem Ablaufe seines Urlaubs bedrängt, auch nicht mehr die Zeit. Zudem befänden die sämmtlichen Akten sich augenblicklich in der Hauptstadt, in seines Oheims Händen. Dortin gehe er und sei bereit, auf Anfrage, aus den Akten jede gewünschte Auskunft zu erteilen, wie es sich denn auch von selbst verstehe, dass der Amtmann und der Justitiarius den Käufern Einsicht in die geführten Bücher gewähren würden, wenn sie etwa nach Richten kommen sollten, sich die gegenwärtige Sachlage anzusehen.

Er hatte ein angenehmes Selbstgefühl, als er diese beiden Schreiben durchlas. Es dünkte ihn, als sei er plötzlich ein ganzer Geschäftsmann geworden, und er begriff, wie der Freiherr sich an solche Verhandlungen allmählich gewöhnen und Geschmack an ihnen habe finden können. Es beruhigte ihn, dass er sich bei seinen Planen mit Anteil an das los seiner Leute erinnert hatte; er dachte, dass Steinert sich ohne alle Frage über seine bevorstehende Verheiratung erfreuen werde, und wenn derselbe dann, hier im land lebend und selbst arbeitend, mehr aus den Gütern herausschlagen konnte, als es den Freiherren von Arten möglich gewesen war, nun, so war das einmal nicht zu ändern, und er wollte es ihm gönnen, dass er vorläufig den Vorteil davon zog, wenn er die Güter hob. Vielleicht war es dem nächsten Herrn von Arten, vielleicht war es seinem Sohne einst beschieden, die Güter zurückzukaufen, wenn Renatus jetzt Ordnung in die Verhältnisse des Hauses brachte. Er selbst freilich musste sich für die Vergangenheit und für die Zukunft zum Opfer bringen; aber in seiner militärischen Laufbahn, an Cäciliens Seite, in der Residenz, und mit einem immer noch bedeutenden Grundbesitz als Rückhalt, liess das Leben sich ertragen.

Er fuhr mit leichtem Herzen an dem Tage auf das Gut eines Freundes, um dort, begleitet von der Gräfin und von Vittoria, mit seiner Braut den ersten Besuch zu machen, und man hatte in dem haus gute Sitte genug, es nicht merken zu lassen, wie überrascht man war, nicht Hildegard, sondern Cäcilie als des Freiherrn Erwählte zu empfangen. Die Gräfin selbst musste das Gespräch darauf bringen, musste die Frage aufwerfen, ob man sich nicht wundere, ihre zweite Tochter mit dem Freiherrn verlobt zu sehen, ehe sie ihre romantische Erklärung zu Hildegard's Bestem abgeben konnte; und weder Renatus noch Cäcilie wussten ihr dies Dank.

Die Mutter hat Hildegard immer vorgezogen! sagte Cäcilie, als sie sich mit Renatus allein befand. Nun müssen wir beide Hildegarden wieder zur Folie dienen und uns dafür bedanken, dass sie vor jenen Jahren Dich mit ihrer leidenschaft um Deine vernünftige überlegung zu bringen und sich mit Dir in dem Augenblicke zu verloben verstanden hat, als Du Dich von ihr loszumachen wünschtest. Die Mutter wird's noch dahin bringen, dass ich die Schwester hasse! Beneidest Du sie, Cäcilie? fragte Renatus, auf dessen schon von natur weichen und gütigen Sinn die Erziehung des Caplans noch verschönend und zur Nachsicht stimmend eingewirkt hatte, während sein Glück, sein erstes Liebesglück, ihm das Herz noch mehr erschloss. Hast Du Grund, sie zu beneiden? Cäcilie antwortete ihm nicht, aber sie umschlang ihn und küsste ihm die Hand. Er war sehr glücklich in dem Besitze dieses Mädchens, dem er sich immer überlegen fühlte und das hinwiederum so liebevoll zu ihm emporsah.

Eilftes Capitel

Niedergeschlagen und mutlos hatte der junge Freiherr vor einigen Monaten die Hauptstadt verlassen, nun kehrte er voll der besten Zuversicht in dieselbe zurück.

Er meldete sich bei seinen Vorgesetzten, und ward auf das Beste aufgenommen. Man lobte es, dass er sich nicht auf seine Besitzungen zurückziehen, sondern im Dienste bleiben wolle, denn der König sah es gern, wenn die jungen Männer aus den alten Familien im Heere ihren Weg machten; und die Stadt, die Strassen sahen für Renatus jetzt ganz anders aus, seit er sie mit dem Hinblicke auf eine künftige Häuslichkeit betrachtete. Obschon er sich vorgenommen hatte, sich Zeit zu lassen und nichts zu übereilen, konnte er der Neugier nicht widerstehen, in die verschiedenen Häuser einzutreten, in welchen Wohnungen zur Miete ausgeboten wurden, ihre Räumlichkeiten anzusehen, um ihren Preis zu fragen, und sich Alles in das Notizbuch zu verzeichnen, das er eigens zu dem Zwecke mitgenommen hatte.

Er sprach dann noch in dem Laden eines Goldschmiedes vor, um für Cäcilie den Ring zu kaufen, den er ihr als Pfand ihrer Verlobung zu geben wünschte, und wie er nun die einzelnen Kasten mit den Geschmeiden vor sich stehen sah, fiel ihm bei einem Saphirschmucke plötzlich