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verbunden und so glücklich zu sehen, als es zu werden ihr von Gott nicht beschieden gewesen sei.

Die Gräfin konnte sich in ihrer Rührung der Tränen kaum erwehren, als sie den schnell erfundenen Ausweg vor ihren erstaunten Hörern darlegte. Vittoria, die jetzt plötzlich ihr mütterliches Recht auf Renatus und ihre Freundschaft für Cäcilie geltend machte, so dass man sie bei keiner Besprechung und Beratung übergehen konnte, hatte Mühe ernstaft dabei zu bleiben, und Cäcilie und Renatus, welche in der Erdichtung der Gräfin keine üble Rolle spielten, waren mit allem zufrieden und einverstanden, was sie auch nur eine Stunde früher an das ersehnte Ziel zu führen verhiess.

Sie waren beide sehr bereit, an Hildegard zu schreiben, ihre Nachsicht, ihre Verzeihung zu erbitten, ihr jede möglichen geschwisterlichen Dienste für die Zukunft anzubieten und ein treues Zusammenhalten zu geloben; aber beide waren so voll von ihrem Glückke, so voll von Lebenslust und Hoffnung, dass sie sich in den Gemütszustand des verlassenen Mädchens gar nicht hineinzuversetzen wussten und dass die Gräfin es endlich geratener fand, die Briefe des Brautpaares an die Entfernte zu unterdrücken und die Darstellung des Geschehenen allein auf sich zu nehmen.

Zehntes Capitel

Die Plane und Vorsätze, mit welchen der Freiherr in Bezug auf seine Güter letztlich umgegangen war, erhielten durch seine neue Verlobung eine wesentliche Befestigung. Cäcilie, die seit ihrem fünfzehnten Jahre in dem schloss gelebt hatte und nur selten nach der Kreisstadt gekommen war, hegte, wie schon Hildegard ihm dies stets geschrieben hatte, eine sehnsucht danach, die Hauptstadt, die schöne Welt, den Hof kennen zu lernen, und die Schilderungen, welche Renatus ihr von seinem Pariser Leben machte, steigerten jene sehnsucht zu einem wahrhaften Verlangen. Vittoria ihrerseits, welche aus ihrem Kloster grades Weges nach Richten und in das Ehebett des greisen Mannes gekommen war, hatte der Einsamkeit nun auch die Fülle genossen. Sie begehrte nach einer Zerstreuung, wenn die Gesellschaft ihrer Freundin Cäcilie ihr entzogen und Valerio ihr genommen werden sollte; und weil man, wenn die Verlobten sich jetzt zwanglos in Vittoria's Zimmer gehen lassen durften, sich allseitig so wohl befand, so heiter war, so wurde ein solches Beisammensein auch für die Zukunft als das Erfreulichste und zugleich als das Einfachste in's Auge gefasst.

Man hatte niemals an einen gemeinsamen Haushalt mit Vittoria denken können, so lange noch die Rede von der Heirat mit Hildegard gewesen war. Jetzt, da es sich von selbst verstand, dass die Mutter mit ihrer ältesten Tochter vereinigt bleiben würde, ward es eben so fraglos, dass Vittoria sich an das junge Paar anschloss, und da keiner von diesen Dreien bisher jemals in der Lage gewesen war, sich ein Haus zu begründen, fanden sie ein lebhaftes Vergnügen darin, mit einander die Entwürfe für ihre Einrichtung zu machen, die Strasse auszuwählen, in welcher man sich, wenn es möglich sei, niederlassen wolle, die Zahl der Zimmer, die Art ihrer Verteilung durchzusprechen und die Weise im voraus festzusetzen, nach der man leben wolle.

Renatus hatte den berechtigten Wunsch, da er seine Güter verkaufen und im militärischen Dienste bleiben wollte, was beides noch kein Stammhalter seines Hauses jemals getan hatte, durch ein würdiges Auftreten in der Hauptstadt es darzutun, dass seine Umstände immer noch günstig wären, wenn er sich auch zu entschiedenen Schritten für ihre Befestigung und Sicherung bewogen finde. Selbst Tremann, der nicht zum Beschönigen derselben geneigt gewesen war, hatte es ihm ausgesprochen, dass seine Lage keineswegs eine verzweifelte, sondern eine haltbare und der Verbesserung fähige sei, wenn er sich zu den Massnahmen entschliessen könne, die er auszuführen jetzt im Begriffe stand.

Renatus empfand ein Zutrauen zu sich und zu seiner Zukunft, welche ihm bisher in den letzten Jahren völlig gemangelt hatte, und er dachte mit grosser Heiterkeit an den nicht mehr fernen Zeitpunkt, in welchem er, aller seiner Sorgen entladen, nur seinem Dienste und seinem Glücke an der Seite einer geliebten Frau, in Gesellschaft seiner Stiefmutter und ihres Sohnes werde leben können.

Er freute sich auf die Rückkehr zu seinem Regimente, er freute sich auf den Beifall, welchen seine Frau bei seinen Kameraden finden werde. Er entwarf sich ein lockendes Bild von dem hübschen haus, das er machen wolle, versprach sich, Vittoria und seiner Braut grosse Genugtuung von der Bewunderung, welche die musikalische Bildung der beiden Frauen, denn auch Cäcilie war unter der Baronin Anleitung eine vortreffliche Sängerin geworden, am hof erregen musste; und weil bei diesen Planen der Gedanke an das Landleben völlig ausgeschlossen war, so schwand des jungen Freiherrn Widerstreben gegen den Verkauf seines halben Besitzes endlich ganz und gar.

Ein paar Tage nach seiner Verlobung, gleich nachdem er die Meldung derselben an seine nächsten Anverwandten ausgeführt hatte, setzte er sich wohlgemuter, als er es bei solchem Anlasse jemals für möglich gehalten hatte, nieder, seinem Amtmanne zu schreiben, wie er sich entschlossen habe, sobald sich ihm die gelegenheit dazu biete, die beiden Nebengüter zu verkaufen, dass er aber nicht abgeneigt sei, ihm Richten, je nachdem man sich darüber einigen könne, zur Verwaltung oder zur Verpachtung zu überlassen. Bis über den Verkauf der Güter entschieden sein werde, wünsche er also, falls dem Amtmanne dies auch genehm sei, Alles beim Alten zu lassen, und es werde sich dann voraussichtlich so fügen, dass der neue Contract mit ihm, statt jetzt im Beginne des dritten Quartales, zu Ende desselben abgeschlossen und mit dem Anfange des letzten Quartales in Kraft gesetzt werden könne