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wie sie sein mussten? Nur Geduld, nur ein Bisschen Geduld ist nötig! habe ich immer gesagt. Jetzt sehen Sie es selbst, meine teure Signorina! – Geduld ist nötig, das ist Alles!

In der Tat schien es, als sei im schloss ein neues Leben aufgegangen. Renatus empfand wirklich zum ersten Male jene volle Liebesleidenschaft, welche den ganzen Menschen in Bewegung bringt, und da ein helles Licht seine Strahlen überall, soweit ihm keine Schranke entgegensteht, verbreitet, meinte er, von seiner leidenschaft aufgeklärt, auch die Vergangenheit jetzt besser zu verstehen.

Er erinnerte sich ganz deutlich, wie ihm die Heftigkeit und die Inbrunst aufgefallen waren, mit denen die vierzehnjährige Cäcilie ihn umarmt hatte, als er sich vor dem russischen Feldzuge von ihr getrennt. Er bewunderte die Kraft des jungen Kindes, die Festigkeit, mit welcher Cäcilie durch alle die Jahre ihrer ganzen Umgebung ihre Liebe verschwiegen hatte, und er schätzte sie nur um so höher, wenn sie ihm versicherte, sie habe es sich nie eingestanden, dass sie ihn liebe, weil das eine Sünde gewesen sein würde, so lange er der Verlobte einer Anderen war. Nur beneidet habe ich Hildegard, sagte sie offenherzig, denn ihr fiel, weil sie die Aeltere war, Alles von selber zu: erst der Mutter ganz besondere Liebe und dann auch noch die Deine. Was Hildegard nur sagen, wie sie sich verwundern wird? wiederholte Cäcilie danach immer auf das Neue. Ihr Glück erschien ihr offenbar durch den Vergleich mit dem Loose ihrer Schwester nur noch grösser, und der Gedanke, dass es Hildegard's Schmerz noch steigern könne, sich durch die eigene Schwester so schnell in dem Herzen des Geliebten ersetzt zu finden, kam in diesen Stunden der Freude bei Cäcilien nicht in Betracht. Sie hatte an Hildegardens Glück stets mit Entsagung gedacht, mochte diese jetzt das Gleiche zu tun versuchen; denn vergessen und vergeben konnte Cäcilie es der Schwester nicht, dass dieselbe ihre wohlgemeinten Trostbezeigungen mit Bitterkeit von sich gestossen hatte.

Renatus verdiente seinen Namen, wie er einmal äusserte, jetzt in voller Wahrheit. Er schien sich wirklich neu geboren und ein Anderer geworden zu sein. Alles Unentschiedene, alles Schwankende war mit Einem Male von ihm genommen. Wie im Triumphe hatte er am verwichenen Abende Cäcilie zu der Gräfin geführt, und ihr wie der nicht minder überraschten Vittoria seine Liebe für Cäcilie und seine Absicht, sofort seine Verlobung mit ihr bekannt zu machen, offenbart.

Die Gräfin hatte Bedenkzeit, hatte Ruhe zur überlegung gefordert; aber alles was sie erlangen können, war das Zugeständniss gewesen, dass Renatus sich anheischig gemacht, in den ersten achtundvierzig Stunden keinem seiner Verwandten oder Freunde zu schreiben, oder vielmehr nur, keinen seiner Briefe nach der Stadt zu schicken; denn dass die Gräfin wirklich einen Einspruch tun könne, dass sie daran denken könne, ihm die Hand des begehrten Mädchens zu verweigern, während er bereits die Tage bis zu der Stunde zählte, in welcher er die Geliebte besitzen würde, hielt er für unmöglich.

Er war von einer brennenden Ungeduld verzehrt, als die Gräfin ihm am Morgen den gewohnten Spaziergang mit Cäcilie verweigerte, als sie es ihm rundweg abschlug, ihn mit der Tochter allein verkehren zu lassen, ehe sie ihren Entschluss gefasst habe. Sie hielt es ihm vor, wie sie Alle ja eben jetzt noch unter den Folgen seiner zu schnell und in der Erregung eines Augenblickes geschlossenen Verlobung zu leiden hätten, und wie es also für ihn doppelt geboten sei, sich sorgsam zu prüfen, ehe er sich zum zweiten Male binde. Auch sie erinnerte ihn an den Eindruck, welchen die Gräfin Haughton auf ihn gemacht habe, an die Gerüchte, welche sich über sein Abenteuer mit ihr bis nach Berlin verbreitet hatten, und sie bekannte ihm unumwunden, dass sowohl die natürliche Rücksicht auf das Empfinden ihrer ältesten Tochter als die sorge um Cäciliens Zukunft sie anstehen lasse, eine Entscheidung zu treffen. Sie nannte ihn jedem neuen Eindrucke zugänglich, sie zweifelte, ob er treu zu sein vermöge, und sie machte es ihm endlich zu einem Vorwurfe, dass er mit seiner Erklärung gegen Cäcilie, mit seiner Werbung nicht gewartet habe, bis die Gräfin das Schloss verlassen hatte, und nicht mehr durch seine Gastfreundschaft in ihren Massnahmen gehindert war.

Trotz der würdigen und festen Haltung, mit welcher sie ihm entgegentrat, war sie aber innerlich in einen Kampf mit sich verwickelt, der ihr schwerer fiel, als sie verriet. Ihr Zutrauen zu Renatus hatte wirklich einen Stoss erlitten, sie misstraute seinem Herzen, sie klagte ihn der härtesten Selbstsucht, der Schwäche an, und wäre sie reich, wäre sie auch nur wohlhabend gewesen, so hätte sie nicht angestanden, dem jungen Freiherrn die Hand ihrer zweiten Tochter, nach der Beleidigung, welche er der ältesten Tochter zugefügt hatte, unbedenklich zu verweigern. Sie sah voraus, in welcher Weise man es beurteilen werde und müsse, wenn sie in eine Ehe zwischen Renatus und Cäcilie willige; sie fürchtete sich vor dem Zwiespalt, in welchen diese Ehe sie mit ihrer ältesten Tochter und diese mit Cäcilie und Renatus bringen müsse. Sie sagte sich, dass die geringste Bürgersfrau sicherlich einer solchen unerwarteten und wenig zarten Bewerbung ihre Zustimmung versagen würde; aber sie war eben keines schlichten Bürgers Frau, sie war die Gräfin Rhoden, sie hatte sich und zwei Töchter zu versorgen, und sie war noch mittelloser, als sie es vor dem Kriege gewesen war.

Eine Bürgersfrau konnte daran denken, mit