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nicht küsste. Er hatte bisher diese Empfindung überströmender Zärtlichkeit niemals neben ihr gehegt, er hatte sie oft genug geküsst, ohne dabei etwas zu denken, ohne dabei besonders warm zu werden. Heute, wo er ein wahrhaftes Verlangen danach trug, sie zu umarmen, wagte er es nicht, und seine Unruhe wurde immer grösser. Er schlug den Rückweg nach der Terrasse ein. Cäcilie schüttelte missbilligend ihr Haupt.

Hildegard hatte doch Recht, sagte sie mit Einem Male; Ihr Männer wisst nicht, was ihr wollt, und zwar weder im Kleinen, noch im Grossen. Erst konntest Du's im Zimmer nicht ertragen und wir mussten in den nassen Garten hinaus; nun, da es hier draussen aussieht, als wollte es frischer werden, als könnte der Wind aufstehen und man könnte Luft schöpfen, nun soll man hinein! – Sie zuckte mit den Schultern, schien weiter sprechen zu wollen, unterdrückte ihr Wort und sagte dann nach einem längeren Schwanken dennoch: Und hast Du es denn mit Dir selbst nicht eben so gemacht? Erst bestandest Du darauf, Dich mit Hildegard zu verloben, die für Dich viel zu alt war und, so gut sie sonst auch ist, nie für Dich gepasst hat; dann, als sie Deine Braut war, liebtest Du eine Andere, wolltest frei werdendas merkte auch ich Dir an, sobald Du den Fuss nur aus dem Wagen gesetzt hattestund nun Du frei bist und Dir die Gräfin Eleonore holen kannst, nun bist Du auch nicht glücklich! Was willst Du denn eigentlich?

Wie kommst Du auf Eleonore? rief Renatus auffahrend. Was weisst Du von ihr?

Alles! entgegnete Cäcilie von seinem Tone ganz betroffen. Hildegard hat ja der Mutter Alles anvertraut, und sie am letzten Tage noch darum gebeten, dass sie jetzt es mir auch sagen sollte.

Daran erkenne ich Hildegard! stiess Renatus hervor.

Sie waren während dessen ganz in die Nähe des Schlosses gekommen, ohne weiter mit einander ein Wort zu wechseln. Als sie auf dem Punkte standen, einzutreten, sagte Cäcilie: Siehst Du, Renatus, Unglück habe ich, nicht Du! Ich wollte Dir eine Liebe tun, Dich erheitern, Dir sagen, dass ich mich freuen würde, Dich endlich einmal recht froh, recht glücklich und auch recht reich zu sehen, und statt dessen erzürne ich Dich gegen mich. Ich mag's im Leben machen, wie ich will, ich treffe nicht das Rechte. Nicht bei der Mutter, nicht bei Dir! Ich habe eben kein Glück und kein Geschick!

Es kam ihm vor, als bebe ihre stimme; er machte sich einen Vorwurf daraus, dass er ungerecht, dass er hart gegen sie verfahren sei, und sich zu entschuldigen und sie aufzuklären, sprach er: Ich habe Eleonore Haughton nie geliebt, Cäcilie! Sie hat mich beschäftigt eine kurze Zeit hindurch, sie hat mich verwirrt durch wenig Stunden; aber sie hat mich nie geliebt und ich habe sie nie geliebtniemals, Cäcilie, beteuerte er, und Hildegard hat das sehr wohl gewusst!

Aber wesshalb hat sie mir's denn sagen lassen? rief Cäcilie.

Weisst Du's nicht? fragte er und schlang den Arm um ihren Leib.

Sie antwortete ihm nicht; er fühlte aber, wie das Herz ihr unter seiner Hand erbebte. Sie konnte nicht vorwärts, nicht zurück. Sie wollte ihn verlassen, aber obschon es ihr ein Leichtes gewesen wäre, sich von ihm los zu machen, kam sie nicht von der Stelle.

Weisst Du's nicht? fragte er noch einmal; und sie fester umschlingend und sie an sich ziehend, sprach er, nur für ihr Ohr vernehmbar: Wie solltest Du, da ich's ja selbst erst jetzt erkenne!

Ach, rief Cäcilie, ich war ja so unglücklich, als Du in's Feld gegangen bist!

Damals, damals schon hast Du mich geliebt? klang es mit unterdrücktem jubel aus seiner Brust hervor.

Immer, immer! das war alles was Cäcilie unter seinen glühenden Küssen hervorzubringen vermochte.

Er hatte sich in der Nische unter dem Portale, die der Regen am Tage nicht hatte erreichen können und die tief im Schatten lag, niedergelassen und Cäcilie auf sein Knie gezogen; sie umfasste ihn mit beiden Armen. Der letzte Sang der Nachtigall, der voll emporströmende Duft der Rosen und Levkojen berauschten ihn, und sie immer und immer wieder an sich pressend, rief er: Komme jetzt, was mag, wenn Du mir nur bleibst!

Er musste sich endlich mit Gewalt ermannen, um Herr über sich zu bleiben, und mit einer nie gekannten Seligkeit im Herzen umschlang er Cäcilie noch einmal, ehe er mit ihr in das Zimmer trat, in welchem Vittoria und die Gräfin beim Scheine der Lampe ihrer warteten.

Neuntes Capitel

Nun, Signora, habe ich richtig prophezeit? fragte am nächsten Morgen die treue Gaetana, als sie mit breitem Kamme das noch immer üppige Haar der Baronin Vittoria schlichtete und ihr dann die reichen Flechten um das schöne Haupt wand. Habe ich richtig prophezeit, dass Alles sich zum Guten wenden werde, sobald wir nur die Gräfin mit dem bösen Auge nicht mehr im schloss haben? Ist nicht Alles wie umgewandelt? Ist unser Herr Baron nicht freudestrahlend? Jubelt unser Valerio nicht? Ist die teure Signora Cäcilie nicht glückselig, und wird nicht die Frau Gräfin selber es bald erkennen, dass erst jetzt die Dinge sich fügen,