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an dem Fenster und sahen in den Garten hinaus. Er fragte, ob man während seiner Abwesenheit Besuche im schloss gehabt habe, ob sie mit Valerio ausgeritten sei. Die fragen lagen ihm aber offenbar nicht sehr am Herzen. Cäcilie, die ihre Schnellkraft bei der Begegnung zwischen ihrer Mutter und dem jungen Freiherrn erschöpft hatte, gab kurze Antworten, und das Gespräch war allmählich ganz in's Stocken geraten, als mit Einem Male die untergehende Sonne plötzlich aus den Wolken hervorbrach, mit ihrem glühenden Rot die ganze Gegend überstrahlend.

Grade den Fenstern von Vittoria's Zimmer gegenüber stand in einer gewissen Entfernung ganz einsam die schönste Edeltanne des Gartens, ein Baum, der in der ganzen Gegend eben so wohl durch seine Höhe als durch seinen regelmässigen Wuchs und das pyramidenartige Aufsteigen seiner Aeste berühmt war. Wie nun die Sonne sich tief und tiefer neigte, dass sie hinter der Tanne zu stehen kam, brachen sich ihre Strahlen in den Tropfen, die an jeder Nadel hingen, und schnell, wie durch einen Zauber angefacht, schimmerte und funkelte der Baum von seinem breitesten Aste bis hinauf zu seinem Wipfel in dem vielfarbigen Glanze von Myriaden Lichtern. Es war ein wundervoller Anblick, eines jener Zauberfeste, in welchen die natur vor den Augen der Menschen ein Traumbild verwirklicht, das sie in derselben Weise nicht leicht wiederholt und auch nicht zu wiederholen braucht, weil Niemand, der es gesehen hat, es je vergisst. Entzückt von dieser Herrlichkeit und gleichsam fürchtend, die Schönheit, wie das im Märchen und im Traume geschieht, mit dem Aussprechen eines Wortes zu zerstören, hatte Renatus schweigend die Hand seiner Gefährtin ergriffen, und selbst von dem Lichte des scheidenden Tages übergossen, rief Cäcilie: Ach, ein Weihnachtsbaumund am Johannistage! Das muss Glück bedeuten! setzte sie hinzu. Indess ihr fröhlicher Ausruf schien wirklich den Zauber aufzuheben, denn der Lichtglanz verminderte sich, die Farben wurden blasser, die einzelnen Flammen erloschen; schnell, wie die Herrlichkeit aus dem Nebel aufgetaucht war, entschwand sie auch wieder, und eine graue matte Dämmerung hüllte die ganze Gegend ein, noch ehe Cäcilie ihre Erwartung, dass dies sicherlich ein Glück verkünde, zum zweiten Male völlig ausgesprochen hatte.

Glück? wiederholte ihr Gefährte, und schwermütig geworden, fügte er hinzu: Wir könnten es brauchen!

So standen sie noch eine kleine Weile neben einander, aber länger hielt es Renatus in dem Zimmer nicht mehr aus. Komm in's Freie, sagte er; es liegt mir wie ein Reifen um das Haupt, wie ein Reifen um das Herz! Komm hinausich denke, draussen muss mir besser werden!

Er trat in den Garten hinaus, Cäcilie folgte ihm. Sie gingen neben einander in den breiten Wegen zwischen den Beeten hin. Indess, obschon sie die Alleen und die buschigen Gänge mieden, kam keine Erfrischung über sie. Die Luft war voller Elektricität, sie lastete schwer auf ihnen, selbst sprechen konnte Renatus nicht. Er wusste nicht, was ihm war, er war aufgeregt und abgespannt zu gleicher Zeit. Nun er mit Cäcilie im Garten war, meinte er, es sei vorher im Zimmer besser gewesen; aber auch das mochte er ihr nicht sagen, und dazwischen fiel es ihm ein, dass es schon dunkle und dass er mit ihr allein sei. Er war freilich oft genug mit ihr Abends einsam umhergegangen, ohne daran besonders zu denken; indess damals war sie auch seine Schwägerin gewesen. Jetzt war sie das nicht mehr. Es tat ihm leid, dass er dieses Anrecht an sie verloren hatte. Er stellte sich vor, wie es sein werde, wenn die Gräfin und Cäcilie von Richten fortgegangen sein würden, wie sie in der Stadt leben und Cäcilie sich hoffentlich dort vorteilhaft verheiraten werde, denn sie war liebenswürdig und gut und hübsch, sehr hübsch. Sie ging auf dem schmaler gewordenen Pfade, ihre Kleider mit beiden Händen in die Höhe hebend, um sie vor der Nässe des Weges zu bewahren, schweigend vor ihm her. Obschon es dunkelte, konnte er doch noch sehen, wie fein der Hals auf ihren Schultern sass, wie kräftig ihr Oberleib sich aus den vollen Hüften hervorhob, und wie schön ihr Fuss und ihr Knöchel gebaut waren. Sie war recht ein Mädchen, wie ein Mann sich es zum weib wünschen musste: froh, gut und gesund.

Hätte ich sie statt Hildegard's mir erwählt, wie Manches wäre nicht geschehen, wie Vieles wäre anders, wäre besser geworden! dachte er, und er wusste es nicht, dass sich ein lautes Ach! seiner Brust entrang.

Cäcilie aber hörte es, und sich umwendend, fragte sie ihn: Was fehlt Dir, Renatus?

Ach, rief er noch einmal, ich sollte es nicht sagen, denn es ist unmännlich, es auszusprechen, aber ich bin schon lange mit mir selbst zerfallen, ich bin recht unglücklich!

Du? Du bist unglücklichaber wesshalb denn jetzt noch? erkundigte Cäcilie sich, während sie sich zu ihm gesellte und ihren Arm unaufgefordert in den seinigen legte.

Er antwortete ihr nicht, und so gingen sie mehrmals um den grossen Rasenplatz herum. Er fühlte mit Vergnügen ihren schönen entblössten Arm auf dem seinen ruhen, er bog sich zu ihr, um ihre Schulter zu berühren, und wenn sie den Kopf zu ihm emporhob und er sich neigte, so dass seine Lippen nicht fern über ihrer Stirn schwebten, musste er sich zurückhalten, dass er sie