bleiben denke und ob man schon eine Nachricht von ihr habe.
Die Gräfin verneinte das Letztere und gab ihm die begehrte Auskunft. Eine Frage, eine Antwort knüpfte sich an die andere. Da Renatus sich von der Verpflichtung befreit sah, sich mit Hildegard verheiraten zu müssen, beurteilte er sie nachsichtiger als sonst, ja, er dachte mit sorgendem Mitleid an sie. Es tat ihm leid, dass es ihm nicht möglich gewesen war, sie glücklich zu machen; alle seine Aeusserungen waren mild, er klagte nur sich selber an, forderte Nachsicht für sich, und obschon die Gräfin entschlossen gewesen war, auch zwischen sich und dem jungen Freiherrn die Trennung aufrecht zu erhalten, die zwischen ihm und seiner Braut erfolgt war, wurde im Verlaufe des Gespräches ihr Ton doch völlig umgestimmt. Es geschah ihr unwillkürlich, dass sie Renatus, wie sie es seit seiner frühesten Kindheit gewohnt gewesen war, wieder mit Du ansprach. Sie verbesserte es sofort, aber Renatus beschwor sie, ihm diese Gunst nicht zu entziehen.
Wenn über einem haus, sagte er, lange ein Unwetter gedroht hat und der Blitz, den man gefürchtet, endlich zerstörend niedergefahren, ist es dann weise, dass man in der hereingebrochenen Verwirrung blindlings aus einander läuft? Oder ist es nicht besser, dass man sich verbindet, um den Folgen des geschehenen Unglücks so weit nur immer möglich ihre Macht zu rauben?
Er erinnerte die Gräfin daran, dass sie ihm einst, lange ehe er sich mit Hildegard versprochen, einmal zugesagt hatte, er solle die Stütze ihres Alters, der Freund und Bruder ihrer Töchter sein. Er nahm dies auch jetzt noch als sein Recht in Anspruch. Er bestand darauf, dass die Gräfin Richten nicht jetzt gleich verlassen dürfe; er versicherte, dass nicht er allein, sondern dass auch Vittoria darüber untröstlich sein würde, die mit Liebe an Cäcilien, mit Verehrung an der Gräfin hange und gegen welche Hildegard mit ihrem strengen Pflichtgefühl wirklich nicht immer gerecht gewesen sei. Er sprach und sagte nur, was er in der Tat empfand, und er erreichte damit, was die grösste Berechnung vielleicht nicht errungen haben würde.
Die Gräfin hörte ihn ohne jede Unterbrechung an, und musste viele seiner Behauptungen gelten lassen. Sie hatte ohnehin ihrem gekränkten Mutterherzen und ihrem beleidigten Ehrgefühle den ersten vollen und bittern Ausdruck nicht gestatten dürfen, weil sie sich genötigt fand, noch einige Zeit in dem schloss zu verweilen, wenn sie es nicht auf gut Glück als eine Fliehende verlassen und den böswilligen Vermutungen einen noch grösseren Spielraum vergönnen wollte, die nach jedem ähnlichen Zerwürfnisse wie giftige Schwämme aus der Erde aufschiessen, dass man Mühe hat, sie zu zertreten, um ihr Wuchern nicht überhand nehmen zu lassen. Wer aber, sei es durch was es wolle, unfrei ist, nimmt an seinem Rechtsgefühle Schaden, ist gezwungen, bald hier, bald dort ein Zugeständniss zu machen, und kommt dann allmählich dahin, sich seine Unfreiheit wegläugnen zu müssen, um als freie Entschliessung gelten zu lassen, was man von der notwendigkeit zu tun getrieben wird. Sich frei erhalten, ist daher ohne alle Frage das erste und das höchste Gebot der Sittlichkeit.
Die Gräfin gab den Bitten des Freiherrn nach, weil sie es musste, aber es kam ihr hart an. Sie ging mit ihm und mit Cäcilien zu Vittoria hinunter, sie liess es sich gefallen, dass man die Angelegenheit in dem Beisein derselben noch einmal durchsprach, sie überwand sich sogar zu einem Danke, als die Baronin ihr versicherte, wie glücklich sie sich fühlen würde, wenn die Gräfin und Cäcilie auch nach der Entfernung ihres Sohnes noch bei ihr verweilen wollten.
Die Gräfin war eben eine mittellose Frau, und es war eine stillschweigende Enttronung vor sich gegangen. Sie war plötzlich wieder der Heimat beraubt, deren sie sich für ihren Lebensabend sicher geglaubt hatte, und die sorge für ihre und ihrer Töchter Zukunft drückte sie jetzt weit schwerer, als in jenen Tagen, in welchen sie mit ihnen, ohne bessere Aussichten als die gegenwärtigen zu haben, in der Residenz gelebt hatte. Sie war eine Matrone geworden, Hildegard war nicht mehr jung, beide Töchter hatten sich an eine Menge von Bedürfnissen gewöhnt, die zu befriedigen sie künftig keine Aussicht hatten, und beide waren also auf den Glücksfall einer annehmbaren Heirat angewiesen. Für Hildegard war auf eine solche vernünftiger Weise jetzt nicht mehr zu rechnen, und wo würde sich für Cäcilie eine solche bieten? Man sass schweigsam und verstimmt beisammen.
Es hatte fast den ganzen Tag geregnet, nun am Abende liess der Regen nach, aber das Erdreich war nass und dampfte im Sonnenuntergange; von den Bäumen tropfte es langsam hernieder. Die Luft in dem Zimmer war drückend schwül, Vittoria hatte sich an das Klavier begeben. Sie sang mit Selbstgenuss italienische Stanzen, zu welchen sie die Melodieen während des Singens erfand. Weder die Gräfin noch die beiden Andern hörten ihr zu.
Die Gräfin dachte immer auf das Neue darüber nach, in welcher Weise sie das Geschehene ihren Freunden darstellen, wie sie vor ihnen ihr gegenwärtiges Verweilen in dem schloss rechtfertigen solle. Dazwischen beschäftigte sie der Wunsch, für ihre älteste Tochter in einer der fürstlichen Hofhaltungen eine Aufnahme, eine Anstellung zu finden, und so dem nicht mehr jungen Mädchen einen Lebensunterhalt und eine angemessene gesellschaftliche Stellung zu verschaffen, was durch die Gnade, welche die Prinzessin für sie hegte, nicht unmöglich schien, sobald sich nur eine freie Stelle in ihrem Hofhalte fand.
Renatus und Cäcilie standen