ihn, wie immer, mit der grössten Zärtlichkeit; sie und Valerio hatten es kein Hehl, dass sie sich der Entfernung Hildegard's erfreuten, und Renatus war zum Oefteren genötigt, die übermütige Laune des jungen Burschen zurückzuweisen, der sich darin gefiel, Hildegard in allen ersinnlichen tragikomischen Stellungen zu zeichnen, und ihre Mienen wie ihre Ausdrucksweise mit der Meisterschaft nachzuahmen, die ihm von früh auf eigentümlich gewesen war.
Die Gräfin hatte trotz des Schreibens von Renatus die Vorkehrungen für ihre Abreise von Richten gemacht; indess da dieser eben unerwartet zeitig von seinem Ausfluge heimkehrte, fand er sie und Cäcilie noch im schloss. Er begab sich, sobald er Vittoria begrüsst hatte, zu ihr. Sie schrieb grade an die entfernte Tochter. Cäcilie sass am Fenster und machte einen Hut zurecht, den sie auf der bevorstehenden Reise zu tragen dachte.
Als Renatus gemeldet wurde, entfuhr ihren Lippen ein freudiger Ausruf. Sie stand auf, um ihm, wie sie das gewohnt war, entgegen zu gehen, aber ein blick der Mutter bannte sie an ihren Platz und hiess sie schweigen.
Renatus bemerkte das im Eintreten. Sie tun mir Unrecht, liebe Mutter! war alles, was er sagte, nachdem er ehrerbietig ihre Hand geküsst und sich auf dem Sessel zu ihrer Seite niedergelassen hatte.
Die Gräfin war eine gefasste und viel erfahrene Frau, in diesem Augenblicke konnte sie jedoch den rechten Ton nicht finden. Das Herzeleid ihrer Tochter hatte sie sehr tief erschüttert und trotz dem Briefe des jungen Freiherrn drückte es sie, dass sie Richten noch nicht hatte verlassen können.
Ich hatte gehofft, sagte sie, gehofft und gewünscht, uns diese Begegnung und dieses Wiedersehen ersparen zu können; indess Sie wissen es, ich habe keine wohnung in Berlin, und ich kann die Antwort meiner Cousine Welding, bei der ich abzusteigen und zu bleiben denke, bis ich eine passende wohnung für uns gefunden haben werde, vor acht bis zehn Tagen nicht erhalten.
Es lag in dieser Mitteilung der Gräfin das stillschweigende geständnis ihrer beschränkten Vermögensverhältnisse. Obwohl Renatus diese von jeher kannte, kränkte es die Gräfin, derselben gerade jetzt gedenken zu müssen, und es nahm sie gegen den jungen Freiherrn ein, dass er ihr auch diese Missempfindung verursachte.
Renatus liess sich jedoch durch die geflissentliche Kälte und Zurückhaltung der Gräfin nicht beirren. Seine im grund gute natur machte sich in diesem Falle, wie überall, wo er sich nicht durch fremde Ansprüche beeinträchtigt und desshalb zur Abwehr und Verteidigung gezwungen glaubte, liebenswürdig geltend.
Sie tun, liebe Mutter, sprach er, als hätten Sie mein Schreiben nicht erhalten. Ist es denn nicht genug, dass ich sehen muss, wie sehr das beklagenswerte Erlebniss, das uns Allen nicht zu ersparen war, Sie angegriffen hat, dass Cäcilie sich von mir wendet? Glauben Sie, dass ich mit leichtem Herzen vor Ihnen stehe, dass es mich nichts kostet, Sie nach Hildegard zu fragen?
Die Augen wurden ihm feucht. Er seufzte, reichte der Gräfin seine Hand hin und sagte bittend: Bestrafen Sie mich nicht dafür, dass ich mit zwanzig Jahren mich selbst nicht besser kannte, nicht weiser war. Ich glaubte in jenem Augenblicke, nach innerster notwendigkeit zu handeln, ich handle jetzt nach reifster überlegung, und – liege ich denn auf Rosen?
Die Gräfin schwieg, aber sie entzog ihm ihre Hand nicht. Sie hatte den andern Arm auf die Lehne des Sopha's gestützt und verbarg ihr Gesicht in ihrem Tuche. Die zerstörten Hoffnungen ihres ältesten Kindes machten ihre Augen fliessen. Die Mutter in Tränen, Renatus so unglücklich zu sehen, das konnte Cäcilie nicht ertragen.
Sie stand auf, knieete vor der Mutter auf dem Ruhekissen nieder und sagte, während sie zärtlich ihre arme um sie schlang: Liebe Mutter, sieh ihn doch nur an, er weint! – Und da die Gräfin ihrer Aufforderung nicht gleich entsprach, rief Cäcilie mit jener anmutigen Zuversicht, welche die Kinder so unwiderstehlich macht und welche manche Frauen bis in das Alter nicht verlässt: Komm, Renatus, komm, umarme die Mutter! Sieh ihn nur wieder an, liebe Mutter, es ist ja unser Renatus! Er kann ja nicht dafür, wenn er die arme Hildegard nicht liebt! Wenn er nun im Kriege geblieben wäre, hätte Hildegard sich doch auch beruhigen müssen, und wir wären noch weit, ach, weit unglücklicher gewesen! – Er lebt ja doch! – Sie wendete sich von der Mutter zu dem Freunde und legte die hände auf seine Schultern. Er hatte sich aufgerichtet und sah ihr in das Antlitz.
Du bist sehr gut, Cäcilie! sagte er, während er ihre hände ergriff und küsste.
Du auch! entgegnete sie, indem sie ihn umarmte und ihm ihren Mund darbot.
Liebe, liebe Cäcilie! wiederholte er, und sie küssten einander herzlich.
Wir können ja nicht in Unfrieden von einander gehen, rief sie; es wird ja ohnehin schwer genug sein, wenn man sich künftig nicht mehr sieht!
Ihr geht nicht fort, die Mutter bleibt noch bei mir! versicherte der junge Freiherr.
Ich muss wohl! erwiderte die Gräfin; aber die Antwort hatte nicht mehr den fremden, gezwungenen Ton, mit welchem sie Renatus zuerst empfangen hatte, und da eine Bewegung, wie man sie eben durchgemacht, nicht lange dauern kann, so gewann man denn jetzt auch bald wieder so viel Ruhe, dass der Freiherr die Frage tun durfte, ob Hildegard lange im Stifte zu