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still geschäftig ihres Weges gingen. Darin war freilich auch ein Leben, und Steinert's Welt war unter diesen Menschen, die er heranbildete, während sie seine Angelegenheiten in seinem Dienste förderten. Aber, dachte Renatus, man muss nichts Höheres kennen, um sich darin zu befriedigen, man muss sich nicht als einer bevorzugten Kaste angehörend empfinden, um seine Untergebenen als seines Gleichen behandeln zu können, und man muss als ein Arbeiter geboren sein, um vorauszusetzen, dass Jedweder für die Arbeit auf der Welt sei.

Inzwischen war der zerbrochene Wagen des Herrn von Brinken in den Hof gekommen und Steinert hatte den Befehl gegeben, das Pferd, wenn man es gefüttert haben werde, vor einen seiner kleinen Wagen vorzulegen. Während man noch damit beschäftigt war, erkundigte Steinert sich bei dem jungen Freiherrn, was er denn wegen seiner Wirtschaft beschlossen habe; und von dem klugen und ehrlichen gesicht des Mannes, wie von seiner unverkennbaren Teilnahme doch allmählich überwunden, sagte Renatus: Es sind mir Rat- und Vorschläge der verschiedensten Arten zugekommen, noch aber bin ich unentschieden. Sie kennen ja die Güter. Anfangs der nächsten Woche bin ich bestimmt in Richten. Kommen Sie herüber, sehen Sie Sich die Güter und die Wirtschaft einmal an. Ich möchte Ihre Meinung hören, ehe ich mich endgültig entscheide.

Steinert lächelte. Der verstorbene Freiherr stand ihm in diesem Augenblicke leibhaftig vor Augen. Es war die alte, fürstliche Weise des Edelmannes, zu befehlen, wo er zu bitten nicht für angemessen fand, und sich einzubilden, dass er demjenigen eine Ehre erweise, dessen Meinung er zu hören fordere, um dann mit der eigenen, weit geringeren Einsicht über jene zu Gericht zu sitzen. Aber er liess den jungen Mann seine üble Angewohnheit nicht entgelten, und von einer gewissen anhänglichkeit an das Arten'sche Geschlecht, von der Liebe für die Güter, welchen seine Voreltern und er selber durch so lange Jahre ihre Kraft und Arbeit zugewendet hatten, wie von dem Gedanken an seinen eigenen Vorteil gleichmässig bestimmt, versprach Steinert dem Freiherrn, wenn es seine Zeit erlaube, an einem festgesetzten Tage nach Richten zu kommen, obschon, wie er sagte, dies kaum nötig sei.

Denn, fügte er hinzu, ich weiss, Sie haben meinen Freund Tremann in der Stadt gesprochen, und seine Ansicht ist auch die meinige. Sie haben keine Wahl, Herr von Arten! Sie können die Güter nicht wohl mehr halten! Verkaufen müssen Sie! Wir wollen aber einmal sehen, ob wir über Rotenfeld nicht Handels einig werden können. Das Gut ist gross, es liesse sich sehr wohl in zwei hübsche Teile teilen. Den einen teil möchte mein künftiger Schwiegersohn gern übernehmen, der eigenes Vermögen hat und sich mit Eveline nach dem eigenen Herde sehnt, und auf dem andern könnte man allmählich zu bauen beginnen, damit mein Sohn bei seiner Heimkehr doch auch Dach und Fach vorfindet. Die Kinder sind arbeitsam, fortkommen werden sie, wenn's auch Anfangs Mühe kosten wird, und wir behielten sie doch gern in unserer Nähe!

Der Wagen, welcher die Gäste weiterbefördern sollte, war nun vorgefahren. Die ganze Familie begleitete sie vor die tür hinaus. Steinert selbst sah nach, ob Alles in Ordnung, ob von dem kleinen Gepäck der beiden Edelleute nichts vergessen worden sei. Man sagte ihnen herzlich Lebewohl, die Hausfrau bat, bald wieder, wo möglich auf der Rückfahrt vorzusprechen, auch Leberecht blieb ihnen sein Adieu und seinen schönen Gruss mit der Hand nicht schuldig, und Renatus wie dem Herrn von Brinken die Rechte schüttelnd, rief Steinert ihnen noch ein "Auf Wiedersehen!" nach.

Renatus aber trug jetzt nach demselben kein Begehren mehr. Sein eben erst erwachtes Wohlgefallen an dem früheren Diener seines Hauses war schnell vorübergegangen. Sein Verlangen, aus dieser Gegend fortzukommen, war lebhafter als je.

Ein wackerer Mann, sagte Herr von Brinken, nachdem sie den Hof verlassen hatten, und es war hübsch, wie er sich durch Ihren Besuch geehrt fand. Ich liebe es an solchen Leuten, wenn sie ihres Ursprunges nicht vergessen, und, wie er es tat, besonders vor denjenigen, welche ihnen dienen, daran denken.

Alles Berechnung! entgegnete der junge Freiherr mit wegwerfendem Tone. Er speculirt auf Rotenfeld und möchte mein Zutrauen gewinnen.

Er ist übrigens ein tüchtiger Wirt, bemerkte darauf Herr von Brinken.

Ja, es scheint ihm wohl zu gehen, er hat Glück, versetzte Renatus, während der Andere sich die kurze Reisepfeife stopfte. Der junge Freiherr rauchte nicht.

Herr von Brinken paffte seinen Taback an. Er hatte manche bürgerliche Gewohnheiten angenommen, seit er während des Krieges selbst zu wirtschaften angefangen hatte, weil es ihm an Wirtschaftern gemangelt.

Sie fuhren gegen den Wind, es dauerte lange, bis der Schwamm Feuer fangen wollte, bis die Pfeife brannte, und den ersten Zug aus derselben mit sichtlichem Behagen geniessend, wiederholte Herr von Brinken: Ein tüchtiger Wirt! Wenn Sie verkaufen wollen, Arten, so werden Sie mit dem Steinert vielleicht am besten fahren. Denn was aus einem Gute zu machen ist, das weiss er daraus zu machen. Er wird nicht leicht zurückgehen, wenn er ein Angebot getan hat, und wird zahlen, was er kann.

Renatus antwortete darauf nicht. Es war auch von der ganzen Angelegenheit weiter nicht die Rede.

Achtes Capitel

Noch vor der von ihm festgesetzten Zeit langte der Freiherr in Richten wieder an. Er hatte nirgends rechte Ruhe.

Vittoria empfing