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, sondern im Nährstande und ruhig bei der Arbeit bleiben können.

Während sie noch sprachen, schlug die Uhr im Hausflur die Mittagsstunde und auf dem hof läutete die Glocke. Eveline, welche bald nach dem Eintritte der Mutter das Zimmer verlassen hatte, kehrte jetzt zurück.

Ist angerichtet? fragte Steinert, und auf die bejahende Antwort nötigte er die Fremden, es sich auf gut Glück an seinem Tische gefallen zu lassen. Man nahm den Vorschlag dankbar an.

Der Tisch war in dem grossen saal zu ebener Erde gedeckt, und seine Grösse und Schwere zeigten, dass er hier seine feste Stelle haben musste. Glänzendes, selbstgewebtes Leinenzeug bedeckte ihn; man hatte den Gästen zu Ehren auch einen Blumenstrauss auf die Tafel gestellt, aber Silberzeug war nicht, wie sonst, vorhanden. Was man davon besessen hatte, und der Vorrat im haus war ansehnlich genug gewesen, das war beim Ausbruche des Krieges auf den Altar des Vaterlandes niedergelegt worden, und auch jetzt noch brauchte man das Geld zu anderen Dingen, als zum Ankaufe von Wertgegenständen, die sich nicht verzinsten.

Die Wirtin, welche trotz ihrer fünfundvierzig Jahre noch wie das Leben selber aussah und durch die Geburt ihres Leberecht, auf den beide Eltern einen wahren Stolz besassen, eher erfrischt als angegriffen worden war, die Wirtin und Steinert nahmen die Mitte des Tisches ein, die beiden Fremden sassen zu ihren Seiten, und ausser den Kindern kamen einer nach dem andern noch einige junge Leute in ihren Arbeitsröcken, mit hohen Stiefeln in das Zimmer, die sich mit flüchtigem Grusse auf ihre Plätze setzten. Nur Einen von ihnen, einen hübschen, kräftigen Mann, der von Eveline mit einem Händedrucke begrüsst ward, stellte Steinert, ehe Jener sich neben der Tochter niederliess, als deren Verlobten vor, für den er sich hier in der Gegend schon seit längerer Zeit nach einem passenden Ankaufe umsehe.

Renatus wurde es bei der Bemerkung plötzlich heiss. Der also ist's, dachte er, für den sie auf meine Güter spekuliren! Und er konnte sich der alten, feindseligen Empfindung nicht erwehren. Aber Niemand ahnte, was in seiner Seele vorging, sie waren Alle munter und gut aufgelegt.

Die Hausfrau hatte in der Eile noch rasch einen fisch aus dem Teiche nehmen und herrichten lassen, eine süsse Speise war eben so schnell bereitet worden, an Erdbeeren und Kirschen gab es eben jetzt Ueberfluss, und so war denn mit der tüchtigen alltäglichen Kost des Hauses ein vollständiges Mahl zu stand gekommen, das Frau Steinert mit freier Gastlichkeit ihren Gästen darbot, und auch der Wein fehlte beim Nachtische nicht.

Eveline selbst war aufgestanden, ihn aus dem Wasserkübel herbeizuholen, und als Steinert die erste Flasche entkorkt und den goldig klaren Rheinwein in die Gläser gefüllt hatte, welche die Tochter herumgab, erhob er sich und sagte, sich zu Renatus wendend: Es ist das erste Mal, Herr von Arten, dass Einer von Ihnen auf meinem grund und Boden an meinem Tische sitzt, und ich freue mich darüber. Wir sind jetzt drei Jahre lang Kriegskameraden gewesen, lassen Sie uns nun auch künftig gute Nachbarn werden und stossen Sie mit mir darauf aner hielt das Glas mit dem funkelnden Weine hoch empordass wir hier zu land diesen Wein immer und immerdar für uns allein trinken! Es hat Blut genug gekostet, ihn uns wieder zu gewinnen! Der freie deutsche Rhein und der Friede! –

Hoch, hoch! erklang es von allen Seiten. Die Mutter, der künftige Tochtermann, die Wirtschafter, von denen auch zwei in dem letzten Feldzuge mitgewesen waren, erhoben sich und kamen zu dem Hausherrn und zu den Gästen, mit ihnen anzustossen. Eveline, welche die eigentliche Wärterin des Jüngsten machte, war schnell in die Nebenstube geeilt und hatte den Leberecht herbeigeholt, damit er sein Hoch auch mitrufen und seines Tröpfchens Wein nicht entbehren solle; und als Steinert ihm sein Glas hinhielt, tat der Bursche einen langen Zug und wollte sich zu des Vaters Freude das Glas, das er mit beiden Händen fest umklammert hatte, nicht entreissen lassen.

Die Zufriedenheit, der Lebensmut, die Herzensgüte leuchteten jedem Mitgliede des Hauses aus den Augen. Man musste mit diesen Menschen fröhlich werden, man konnte der kleinen Verstösse gegen die höhere Gesellschaftssitte und ihren sogenannten Ton gar nicht gedenken. Es war Alles anders, als Renatus es in seinem haus gewohnt war, Alles derber, naturwüchsiger, aber es schien dafür auch Alles auf eine lange, gesunde Dauer angelegt und berechnet zu sein, und während Steinert's männlich schöner Freimut und seine Würdigkeit des jungen Freiherrn Herz fast wider dessen Willen bewegten und gewannen, meinte er zwischen all dem lauten Sprechen und mitten durch das helle lachen der Hausfrau und ihrer Tochter, doch immer die schweren Pendelschläge der alten englischen Uhr zu hören, und es klang ihm, als riefen sie immerfort: Sie kommen empor und Du herab!

Er suchte den Gedanken zu verscheuchen, aber es gelang ihm nicht. Das Landleben, die Einsamkeit machen mich schwermütig, und Hildegard's krankhafte Melancholie hat mich angesteckt und schwarzsehend gemacht, sagte er sich endlich. Es ist Zeit, dass ich unter Menschen und in die Welt und in das Leben zurückkehre! – Und doch entging es ihm nicht, wie Steinert, als man von der Tafel aufgestanden war und die Wirtschafter sich entfernen wollten, sie zurückhielt, mit Jedem von ihnen kurze und bestimmte Abrede nahm, wie sie alle voll Eifer und voll Teilnahme bei der Sache waren und dann