Soll denn etwas Fremdes bei uns eingebürgert werden, so lasse ich mir noch eher den englischen oder den vlaemischen zweirädrigen Transportkarren gefallen; dessen Räder halten etwas aus, und unsere Pferde sind stark genug, ihn selbst die Höhen hinaufzuziehen, obschon er für die Ebene besser passt. Ich habe mir, als ich aus dem feld kam, ein paar solcher Karren versuchsweise zusammenschlagen lassen.
Herr von Brinken wünschte, sie zu sehen; Steinert war bereit, sie ihm zu zeigen. Er meinte, der Herr von Arten müsse diese Karren zur Genüge gesehen haben, und wie von selbst knüpfte sich daran die Frage, ob Renatus während der Feldzüge wohl gelegenheit genommen habe, auf die verschiedene Art und Weise der Wirtschaft in den verschiedenen Gegenden und Ländern Acht zu geben.
Der junge Freiherr verneinte das mit der Bemerkung, er sei darauf nicht vorbereitet gewesen.
Schade! sagte Steinert. Da man denn doch zuletzt jeder Sache eine gute Seite abgewinnen soll, so kann es nicht in Abrede gestellt werden, dass es uns und unsern Leuten vorteilhaft gewesen ist, uns auch einmal auf fremdem Boden und in fremder Wirtschaft umzutun. Mir zum Beispiel sollen die mannigfachen Erfahrungen, die ich bei dem Hin- und Hermarschiren machen konnte, wie ich denke, nicht verloren gehen.
Wie sich das von selbst versteht, kamen die beiden Männer von den Feldzügen im Allgemeinen auf ihre einzelnen eigenen Erlebnisse zu sprechen, und man war mitten in den besten Kriegsgeschichten, als man auf dem hof in Marienfelde anlangte.
Von dem einstigen schloss stand jetzt nur der Mittelbau, und selbst der Turm war von demselben abgebrochen. Das Haus sah dadurch eigentlich plump und unschön aus, dafür aber stand links von dem Teiche die grosse Brennerei. Die Scheunen, die Ställe und die Instäuser waren aus guten Ziegeln gebaut, und was der Krieg auch hier zerstört hatte, das war, wie die vielen neuen Dachsteine, Fensterläden, Türen und Zäune verrieten, längst wieder vollständig hergestellt worden.
Es war still auf dem hof, auch im haus liess sich Niemand sehen. Erst als der grosse Hund hell anschlug, guckte ein Mädchenkopf zum Fenster hinaus, und den Vater erblickend, trat die Tochter schnell zurück, um ihm entgegen zu eilen oder um der Mutter zu melden, dass er Fremde mit nach haus bringe.
Steinert war unterdessen mit den beiden Gästen in dem Flur seines Hauses angelangt, und Renatus, der nie zuvor in diesem haus gewesen war, fühlte sich mit Ueberraschung in einer ganz vertrauten Umgebung.
Auch hier in Marienfelde hingen sie rund umher an den Wänden, die Erntekränze jeden Jahres, wie Renatus sie in seines Vaters Amtshause hatte hangen sehen, als er noch ein Kind gewesen war; hier wie dort stand sie der Haustüre gegenüber, die grosse englische Stehuhr, das Erbstück der Steinert'schen Familie, und tickte mit ihrem gewichtigen Pendelschlage von Sekunde zu Sekunde die Tage und Jahre hinweg. Und als dann aus dem Zimmer zur Linken das grosse, starke, kaum siebenzehn Jahre alte Mädchen, die blonden Zöpfe um das Haupt gewunden, zum Vorschein kam und sich mit unbefangener Freundlichkeit vor den Gästen verneigte, glaubte Renatus vollends, einer Verzauberung zu unterliegen, denn gerade so, aber gerade so, hatte, wie er sich zu erinnern meinte, einst Steinert's Schwester ausgesehen, als sie jung gewesen war.
Und nun willkommen unter meinem dach, mein lieber Herr von Arten und mein verehrter Herr Nachbar! sagte Steinert, während er den Beiden die Hüte abnahm. Lassen Sie Sich's bei uns gefallen, bis Ihr Wagen herkommt und man Ihnen Ihr Pferd vor meine Britschka gelegt haben wird; treten Sie näher, ich bitte! Nach dem Garten hinaus haben wir jetzt Schatten. Treten Sie näher! – Und sich zur Tochter wendend, fragte er: Eveline, weiss die Mutter, dass ich zurückgekommen bin?
Eveline hatte nicht zu antworten nötig, denn die Hausfrau erschien bereits in der tür, und der Tochter den Knaben hinreichend, den sie, um schneller fortzukommen, auf dem arme getragen hatte, bewillkommte auch sie die Gäste mit guter Art.
Als das Kind des Vaters ansichtig wurde, rief es ihn laut an und streckte, sich von der Schwester losmachend, die derben arme nach ihm aus, so dass Steinert ihn zu sich und bei der Hand nahm.
Der Bursche ist ein Nachschössling, sagte er lachend, während er ihn küsste und ihn mit Vaterfreude in die Höhe hob. Er ist unser ganz besonderes Friedenspfand, und weil er sich gleich bei seiner Geburt als einen tüchtigen Kerl erwiesen hat, habe ich ihm denn auch die allerbesten Namen ausgesucht.
Herr von Brinken, selbst ein zärtlicher Vater, freute sich des Jungen, der kaum zwei Jahre zählte und auf seinen Beinen schon wie eingewurzelt da stand.
Wie heisst er denn? fragte Renatus.
Junge, wie heisst Du? wiederholte der Vater. Sag's selber, aber deutlich, damit man Ehre mit Dir einlegt!
Gebhard Leberecht Steinert! brachte der Kleine zwar noch mit schwerer Zunge, aber mit so dreister Entschlossenheit hervor, dass er die Erwachsenen alle lachen machte, und Renatus unwillkürlich ausrief: In Dir steckt ja der ganze Husar!
Steinert nickte mit dem kopf. Ja, für den Notfall, Herr von Arten. Im Uebrigen haben wir des Krieges und ich für mein teil des Soldatenwesens nun genug gehabt, und ich denke, meine Jungen sollen es nicht nötig haben, sich lange mit dem Wehrstande abzugeben