Familie seines Wirtes teil an dem Ausfluge nehmen sollte, hatte man in dem viersitzigen Wagen nicht Plätze genug; man nahm also ein Gig zu hülfe, dessen Renatus und sein Freund sich bedienten.
Der schöne Sommertag, die hübsche Hausfrau, die fröhlichen Kinder, die aus dem rasch dahin rollenden Wagen so neugierig und so ungeduldig wie flügge werdende Vögel aus ihrem Neste in die Welt hinaussahen und mit ihren Anrufen, Zeichen und Winken den Vater aus der Ferne bald auf dieses und bald auf jenes Wunder aufmerksam machten, belustigten Renatus. Es lag in der Unschuld dieser Kinder für ihn, der an die kecke Frühreife Valerio's gewohnt war und sonst mit Kindern wenig oder keinen Verkehr gehabt hatte, etwas ungemein Reizendes; und nur wenn es ihm einfiel, dass Hildegard jetzt unterwegs sei und dass die Gräfin in Richten nun seine Antwort bald erhalten werde, legte sich ein Schatten über seine Heiterkeit und es fiel ihm Etwas schwer aufs Herz, dass er aufatmen und sich unwillkürlich mit der Hand über die Stirne fahren musste. Indess sein Gefährte merkte nichts von dem dunkeln Boden, über dem die Fröhlichkeit des jungen Freiherrn aufwuchs, und man war im vollen Genusse des schönen Tages, des angenehmen Weges und des erfreulichen Beisammenseins, als ein schwerbeladener Lastwagen, der von der Höhe herunterkam, den Fahrenden nötigte, scharf zur Rechten auszubiegen. Aber der Landweg war nur schmal, der Wagen mit Fässern und Kisten in der Mitte ungewöhnlich breit beladen, und wie der neben dem Wagen gehende Fuhrmann seine Pferde auch nach der linken Seite hinüberzerrte, die Räder des Frachtwagens und des Gig gerieten in einander, die Pferde des Frachtwagens zogen auf des Fuhrmannes Anruf mit scharfem Rucke an – ein Knack, und das leichte, schwache Rad des Gig fiel in Stücken von der Achse.
Es war ein unangenehmer Vorfall. Man war ein paar Meilen von dem Orte der Ausfahrt, ein paar Meilen von dem Gute entfernt, nach dem man sich begeben wollte. Einen besonderen Kutscher hatte man für den kleinen, nur zweisitzigen Wagen nicht innegehabt, und den Diener, der auf dem Wagen der Frauen und der Kinder sass, mochte man nach der eben gemachten Erfahrung nicht mit dem Pferde nach haus senden, um ihn für alle Fälle zur Hand zu behalten.
Man fing an, sich in der Gegend umzusehen; man war kaum eine Viertelstunde von Marienfelde entfernt, und eben als der Besitzer des zerbrochenen Gefähres darauf dachte, sich dortin zu wenden, um seinen Wagen unterzubringen, und wo möglich irgend einen anderen zur Fortsetzung der Fahrt zu borgen, ward in der Entfernung zwischen den Feldern ein Reiter sichtbar, der, als er die beiden Wagen auf der Landstrasse halten und einen derselben zerbrochen sah, mit seinem tüchtigen Pferde schnell herankam.
Der Mann und sein Pferd sahen wie aus Einem Gusse aus, so fest sass er in seinem Sattel, so gut passten der grosse, starke Reiter und sein Schimmelhengst zusammen. Es war ein schönes, ein erbeutetes Pferd; und der Gutsbesitzer Steinert wusste sich etwas mit dem feurigem Andalusier, in dessen stark hervortretenden Adern unter der feinen Haut das arabische Blut ganz unverkennbar war. Es kam seiner Pferdezucht zu Statten.
Steinert erkannte seinen adeligen Gutsnachbar schon aus ansehnlicher Ferne, und mit der weitin schallenden stimme, welche in manchem Kampfe ermutigend an seiner Leute Ohr und in ihr Herz gedrungen war, rief er: Guten Morgen, Herr von Brinken! Haben Sie ein Unglück gehabt?
Steinert war während dessen nahe heran gekommen und erst jetzt erblickte er auch Renatus, der hinter dem Gig gestanden hatte. Ohne irgend an die Zurückweisung zu denken, welche er von dem jungen Freiherrn vor Jahren auf der Landstrasse erfahren hatte, reichte er ihm die Hand hin, und mit einer Freundlichkeit, welche sein dunkel gebräuntes Gesicht angenehm erhellte, und seine Lippen unter dem dicken, bereits ergrauenden Schnurrbarte schön umspielte, rief er: Willkommen zu haus, Herr von Arten! Ich hörte schon, dass Sie zurückgekommen wären.
Renatus konnte nicht anders, als die dargebotene Hand ergreifen und den Handschlag Steinert's erwiedern; aber es fiel ihm auch jetzt noch auf, dass Steinert ihn völlig als seines Gleichen behandelte. Nicht einmal Herr Baron nannte er ihn, sondern Herr von Arten, ganz schlechtweg. Es war jedoch für Renatus zu besonderen Betrachtungen in diesem Augenblicke nicht die Zeit. Denn Steinert war vom Pferde gestiegen, besah mit Kennerblick den Schaden an dem Wagen, und machte sofort den Herren den Vorschlag, mit ihm nach Marienfelde zu kommen, von wo er einen Knecht mit einem Baume zur Unterlage für das Gig abschicken wolle, damit man dasselbe nur erst nach dem dorf bringen könne, und später stehe dann den Herren sein Fuhrwerk zum Weiterfortkommen zu Diensten. Man nahm das dankbar an.
Ein scharfer Pfiff, den Steinert über die hohlen hände tat, rief einen seiner Arbeiter vom feld herbei, den man bei dem Fuhrwerke zurückliess; der Wagen, den Frau von Brinken und die Kinder inne hatten, setzte seinen Weg fort, und den Zügel seines Pferdes über den Arm nehmend, führte Steinert die beiden Edelleute den Weg nach seinem haus zu.
Es ist hier für uns auf dem land nichts mit diesen kleinen, zerbrechlichen Wagen, sagte er, als Herr von Brinken die Bemerkung machte, dass nicht nur das Rad zerbrochen sei, sondern dass auch das Gig selbst bei dem Zusammenstosse eine Beschädigung erlitten habe, welche es nötig machen werde, es zur Herstellung nach der Hauptstadt zu schicken. –