1864_Lewald_163_446.txt

. Er entielt nur die wenigen Reihen:

"Wenn Sie diese Zeilen erhalten, wird meine Tochter Richten bereits verlassen haben. Mit welchen Empfindungen ich Ihnen dieses schreibe, sage Ihnen Ihr eigenes Herz. Ich habe mir erlaubt, meine Tochter in Ihrem Wagen nach Ramsdorf fahren zu lassen: sie wird ihre Freundin in das Stift begleiten. Für einige Tage bin ich, wegen der Ordnung meiner Angelegenheiten, noch auf Ihre Gastfreundschaft angewiesen, die mir jetzt nicht leicht zu tragen sein wird; und ist es mit Ihren Geschäften nicht unvereinbar, so wäre es vielleicht für uns Alle eine Erleichterung, wenn Sie den Besuch bei Ihrem Freunde so lange ausdehnen wollten, bis ich mit meiner jüngeren Tochter Ihr Schloss verlassen haben werde. Ich will dazu tun, diesen Zeitpunkt möglichst zu beschleunigen."

Anrede und Unterschrift waren durchaus förmlich gehalten, aber in der Stimmung, in welcher Renatus sich befand, focht der Brief ihn wenig an. Man hatte mit ihm über seine in Aussicht stehende Heirat mit der ältesten Gräfin Rhoden gescherzt, und er hatte alle darauf hinzielenden Bemerkungen mit der Versicherung zurückgewiesen, dass davon gar nicht die Rede sei. Als man derselben nicht glauben wollen, hatte er unumwunden eingestanden, dass er vor dem Feldzuge allerdings eine anhänglichkeit für sie gehabt habe, aber die Gräfin sei ja älter als er, sei kränklich, und dass nach seiner Heimkehr von jener blöden Jugendschwärmerei nicht mehr die Rede gewesen sei, könne man am besten daraus abnehmen, dass er sich eben noch völlig frei befinde, während ihn doch nichts abgehalten haben würde, sich zu verloben und zu verheiraten, hätte er dazu irgend einen Antrieb in sich verspürt. Er rühmte dabei die Mutter als seine älteste und teuerste Freundin, welcher Gastfreundschaft zu gewähren ihm ein Glück gewesen sei. Er sprach von den unschätzbaren Eigenschaften der ältesten Tochter, erwähnte der ihn entzückenden Fröhlichkeit der jüngeren Gräfin, sagte, dass er die beiden Schwestern wirklich als seine eigenen Schwestern liebe, und die Aufnahme, welche diese Ansprüche bei seinen Genossen fanden, liess ihn deutlich erkennen, dass man im Allgemeinen seine Verheiratung mit Hildegard als eine unpassende betrachtet haben würde.

Man bezeichnete eine solche Zufriedenheit, sich in der Voraussetzung getäuscht zu haben, dass Renatus sich in der überzeugung bestärkte, das Richtige und das Berechtigte getan zu haben; und wie man ihm von verschiedenen Seiten zu dieser und zu jener Heirat anriet, ihm diese und jene Tochter aus den Familien des benachbarten Adels als die für ihn schickliche Frau bezeichnete, genoss er seiner Freiheit mit wirklichem Vergnügen, obschon keines der erwähnten Mädchen den Wunsch, es zu besitzen, in ihm hervorrief.

Auch am Morgen, als er frischen Sinnes erwachte, fühlte er keine Reue über seine Handlungsweise. Er beklagte Hildegard, als ob er gar nicht an ihrem Missgeschicke beteiligt wäre, und als er dann den kleinen Brief der Gräfin wieder in die Hand nahm, tat es ihm leid, dass diese von ihm gehen wollte. Er hatte eine Weile sogar den Gedanken, noch an demselben Tage nach haus zu reiten, um es zu verhindern; aber das Wiedersehen nach dem eben Statt gehabten Bruche und die unvermeidlichen mündlichen Erklärungen mussten notwendig eine erschütternde Scene herbeiführen, eine jener Scenen, vor denen Renatus eine wahre Scheu trug. Er beschloss also, schriftlich abzumachen, was er der Gräfin zu sagen wünschte, und wie sie sich kurz zusammengefasst hatte, tat er es auch.

"Meine teure Mutter!" schrieb er ihr, "denn eine Mutter sind Sie dem verwaisten Knaben ja gewesen, lange ehe er daran denken konnte, diesen Namen durch ein engeres Anschliessen an Sie sich zu verdienen, gehen Sie nicht im Unmute von mir fort. Der Bruch, der gestern geschehen ist, wie plötzlich er Ihnen auch erschienen sein mag, war nach meinem Empfinden längst ein notwendiger geworden, und ich zweifle nicht, dass selbst Hildegard und Sie ihn als einen solchen anerkennen müssen. Wenn mich mit Recht der Tadel trifft, dass es mir an Mut gefehlt hat, gleich, als ich den Irrtum meines Herzens einsah, und das ist lange her, ihn auch auszusprechen, so trifft Sie, teure Mutter, doch auch der Vorwurf, dass Sie, die Sie des Menschen Herz und die Welt, und meine und Hildegard's Unerfahrenheit wohl kannten, uns vor sieben Jahren nicht abgehalten haben, ein Bündniss einzugehen, das so wenig Aussicht auf eine baldige Erfüllung darbot. Aber wir leiden in diesem Augenblicke Alle gemeinsam, wir dürfen nicht mit einander rechten. Lassen Sie uns vielmehr gemeinsam danach streben, dieses notwendige Leid so viel als möglich zu mildern und so viel als möglich dem Auge der Welt zu entziehen.

Ich werde Richten in kurzer Zeit verlassen. Gönnen Sie mir die Gunst, Sie bis dahin in meinem schloss zu behalten. Wir waren Freunde, ehe wir Verwandte zu werden hofften; lassen Sie uns Freunde bleiben, da jene Hoffnung sich leider nicht erfüllt, und mein Herz wird bemüht sein, Sie und die geliebte Cäcilie, und hoffentlich einst auch Hildegard, mit mir und meiner Handlungsweise auszusöhnen. Lassen Sie mich Sie in Richten wiederfinden! Aber was Sie auch beschliessen, rechnen Sie auf mich wie auf Ihren Sohn, denn ich werde nicht aufhören, mich als Ihren Sohn zu fühlen."

Er war mit dem Schreiben sehr wohl zufrieden, ein Bote war schnell bei der Hand, und ohne weiteren Aufentalt machte man sich darauf gegen Mittag zu dem beabsichtigten Besuche auf den Weg.

Weil die ganze