Renatus wenigstens meinte, an sich eine solche Bemerkung machen zu können.
Sieben ganze Jahre hatte er sich in dem völlig unwahren Verhältnisse zu Hildegard bewegt, weil er sich es beständig vorgehalten, dass es einem mann, einem Edelmanne, nicht anstehe, ein gegebenes Wort zu brechen. Nun es geschehen war, nun da er Hildegard, er täuschte sich darüber nicht, endlich dazu genötigt hatte, ihn seiner Verpflichtung gegen sie zu entlassen, nun fühlte er sich so leicht, so frei, und trotz seines edelmännischen Bewusstseins so völlig in seinem Rechte, dass er dieses Wohlbehagens nicht wieder verlustig zu werden wünschte.
"Mag zum Teufel gehen, was nicht mehr zu halten ist!" hatte er in seiner Entrüstung zu Hildegard gesagt, und je mehr er auf seinem Ritte darüber nachsann, um so mehr beschloss er, jenen in der Zorneshitze getanen Ausspruch zu einer Wahrheit zu machen. Es war sein beeinträchtigtes Menschenrecht, das ihm jene Worte eingegeben hatte; wesshalb sollte er anstehen, es zu wahren? –
Die zeiten, in welchem der Adel selbsterrlich auf seinen Gütern gesessen hatte, waren in seinem vaterland für immer dahin. Er hatte keine Untertanen mehr, die von ihm abhingen und über die er zu Gericht sass. Er und sie waren gleichmässig Bürger des Staates geworden, fast in allen Fällen derselben Gerichtsbarkeit unterworfen; aber Einen Weg gab es noch, auf welchem der Edelmann sich der Vorrechte seines Standes, denn solche waren freilich noch genug vorhanden, voll bewusst werden konnte: es war die militärische Laufbahn. Der Offizierstand war noch eine besondere Kaste, der Offizier hatte noch seinen besonderen Gerichtsstand, und je mehr die bürgerliche Gesellschaft seit der französischen Revolution im staat an Bedeutung gewonnen, um so entschiedener hatten in Deutschland, und namentlich in Preussen, die Edelleute sich im Heere zusammengeschlossen.
Wesshalb sollte Renatus sich mit der sorge für einen grossen, ihm zwar Ansehen verleihenden, aber auf lange hinaus keine Vorteile versprechenden Besitz belasten, wenn Ansehen und Ehre ihm schon aus der grossen Adelsverbindung im Heere erwuchsen, der er sich auch künftighin nur anzuschliessen brauchte, um neben seinen angeborenen Ehren auch noch der ganz besonderen sogenannten militärischen Ehre teilhaftig zu werden und für sich eine Menge von Rechten und von Schranken aufgerichtet und benutzbar zu finden, die alle darauf berechnet waren, auf künstliche Weise dem Adel jene bevorzugte Stellung zu erhalten, die auf natürliche Weise vor dem Urteile der gesunden Vernunft und vor dem Bewusstsein des Bürgerstandes nicht mehr zu behaupten war.
Sein Vater hatte die Güter mit Schulden belastet, hatte des Sohnes mütterliches Erbe aufgezehrt; aber er hatte ihn, wie Renatus jetzt erkannte, wahrscheinlich eben desshalb frühzeitig in das Heer, als in die ihm angemessene Laufbahn, eingeführt. Es war nicht des jungen Freiherrn Schuld, wenn seine Vorfahren nicht durch Stiftung eines Majorats der ungemessenen Willkür des Einzelnen Schranken gesetzt hatten, es konnte also auch nicht seine Pflicht sein, herzustellen, was er nicht zerstört, aufzurichten, was er nicht untergraben hatte. Es war genug, dass er unter der Verschwendung seines Vaters litt, dass er Fehler büsste, die er nicht begangen hatte. Und endlich, was änderte sich denn in seiner Stellung, wenn er jene Ratschläge befolgte, welche ihm von Erfahrenen gegeben worden waren? Er blieb der Freiherr von Arten-Richten, gleichviel, ob zu diesem Richten noch Neudorf und noch Rotenfeld gehörten oder nicht. Und wenn es vollends möglich war, sich durch Entäusserung der beiden andern Güter mit weniger Sorgen zu einem grösseren Wohlstande als dem gegenwärtigen emporzuarbeiten, so wäre es ja gegen alle Klugheit und Vernunft gewesen, sich nicht dazu entschliessen zu wollen.
Er war in heftiger Aufregung von seinem hof fortgeritten; aber je weiter er sich von demselben entfernte, je mehr liess er dem Pferde Freiheit, seinen Schritt zu wählen, und während er so langsam durch den Wald hinritt, gediehen seine Meinungen und Vorsätze immer mehr zur Reife. Auf den Beistand des Königs, auf den Hildegard und sein Oheim ihn hingewiesen und den zu erbitten, beide ihm Hoffnung gemacht hatten, durfte er jetzt nicht rechnen. Er selbst war dem Könige ganz unbekannt, und sein Vater hatte seit dem Religionswechsel der Baronin Angelika die Gunst des streng protestantischen Herrschers nicht mehr besessen. War dem jungen Freiherrn daran gelegen, sie wieder zu erwerben, so bot sich ihm, bei der entschiedenen Vorliebe, welche der König für den Soldatenstand hegte, in dem Heere die beste gelegenheit dazu; kurz, Renatus mochte die Sache ansehen, wie er wollte, er konnte nach seiner Ansicht gar nichts Angemesseneres tun, als im Heere bleiben; und in diesem Falle war der Verkauf der Nebengüter, die Verpachtung von Richten durch die Umstände geboten und notwendig, und das Notwendige musste er tun, gleichviel, wer es ihm zuerst als ein solches dargestellt hatte.
Es war am Abende, als der Reitknecht seines Freundes mit dem von Richten herbeigeholten Mantelsacke des jungen Freiherrn nach Brastnick wiederkehrte. Er brachte ihm ein kurzes Schreiben der Gräfin Rhoden mit. Renatus sass in dem Familienkreise seines Gastfreundes beim Abendessen, als der Diener ihm den Brief aushändigte. Er erkannte die Handschrift und steckte ihn in die Brusttasche.
Ein Billet-doux? scherzte der Hausherr.
Durchaus nicht! entgegnete Renatus, nur irgend eine Nachricht von meines verstorbenen Vaters alter Freundin, von der Gräfin Rhoden!
Erst später in der Nacht, als Renatus sich in seinem Zimmer allein befand, die Männer hatten lange beim Weine gesessen, öffnete er den Brief der Gräfin