wusste, mir Freiheit für den einen Tag geschafft zu haben. Ich konnte Vittoria, ich mochte Cäcilie nicht um mich haben. Ich bat meiner Mutter, sich mit mir zurückzuziehen; ich sagte ihr Alles, Alles! – Auch sie begriff es, dass ich nicht bleiben konnte, auch sie wünschte, sich zu entfernen; nur so schnell, wie ich es begehrte, konnte es für sie und mich und für Cäcilie nicht ausgeführt werden; und ehe ich über diesen Abend hinaus in seinem haus geblieben wäre, hätte ich mein Haupt auf freiem feld betten und des himmels Sterne mir zum Zelte machen mögen.
Meine Mutter sah meine Angst. Es fiel ihr ein Auskunftsmittel ein. Am folgenden Tage sollte, wie wir wussten, eine meiner näheren Bekannten ihr Vaterhaus verlassen, um nach dem Fräuleinstift zum heiligen grab aufzubrechen, in welchem der König ihr eine der freigewordenen Stellen gnädig zuerteilt hatte. Ich konnte ihren Wohnsitz noch vor der Nacht erreichen, und sie hatte, da sie nur mit ihrem Mädchen reiste, einen Platz für mich in ihrem Wagen; sie hatte es mir sogar angeboten, sie zu begleiten, falls ich die Hauptstadt und unsere Freunde wiederzusehen wünschte.
Wie mir zu Mute war, als ich das Schloss verliess, welches ich mich gewöhnt hatte, als meine Heimat zu betrachten – ich finde keine Worte, es Ihnen auszudrücken. Vom Leben scheiden, ist für den Gläubigen nicht schwer, die Hoffnung leiht ihm ihre tragenden Schwingen; aber sich loszureissen von all seinem Glauben, von seinem Lieben, von all seinem Hoffen und in das Leben, in die kalte, fremde Welt hinauszugehen, das, mein teurer Freund, das ist sehr schwer, sehr bitter, und ich habe es ertragen.
Unsere Reisetage gingen still dahin. Ferdinanden's Verlobter war auf dem Schlachtfelde gefallen, sie war vereinsamt wie ich, und doch die Glücklichere, denn ihr Schmerz war rein. Wir fuhren die ganzen Tage, wir rasteten die Nächte; sie fühlte keine Neigung und ich hatte nicht die Kraft, unsere Freunde in der Hauptstadt wiederzusehen. So langten wir im heiligen grab, im Stifte an, und so habe ich es nach kurzem Aufentalte unter dem Schutze einer der Stiftsdamen wieder verlassen und mich derselben mit Bewilligung meiner Mutter für den Besuch von Pyrmont angeschlossen. Meine Gesundheit, die nie stark gewesen ist, hat sehr gelitten, der Arzt verlangte für mich den Gebrauch jener Quellen, und ich durfte mich seinem Rate nicht widersetzen, denn ich habe eine Mutter, die von meinem Siechtume leiden, die mein Tod betrüben würde. Ich muss ein Leben zu erhalten suchen, das mir völlig wertlos ist.
Am Beginne jedes Morgens frage ich mich mit schmerzlicher Ermüdung: was soll mir dieser Tag? Ich werde mich dies fragen bis an mein Lebensende! Die Liebe, wie ich sie fühlte, ist eine Blüte, die, einmal entblättert, nicht wieder blüht, und wenn ich zurückblicke in die Vergangenheit und ich finde alles verwelkt, was ich in mir gepflegt um seinetwillen, der es nicht verdiente, und wenn ich mich frage: wie konnte das geschehen, wie durfte er es wagen, wie vermochte er es zu tun? so finde ich keine Antwort in mir, wie ich kein Verschulden in mir finde. Nur das Lied des Dichters fällt mir immer ein, und Tag und Nacht klingt sein trauriges Wort: 'Musst es eben leiden!' in meiner Seele wieder.
Wenn Gott Erbarmen mit mir hat, wenn er mein Gebet erhört und mir es nicht zu fern steckt, meines Daseins Ziel, dann, mein verehrter, mein teurer Freund, Sie Einziger, der schon seit Jahren meinen Kummer in selbstloser Güte zu teilen nicht verschmähte und gegen den mein Herz zu erschliessen mir jetzt ein trauriger Genuss ist, dann lassen Sie mir diese Worte auf den Grabstein setzen; und so lange der rohen Willkür und dem Leichtsinne eines Mannes noch Gewalt gegeben ist über eines Weibes liebend Herz, wird ihnen der Wiederhall in mancher Brust nicht fehlen.
Leben Sie wohl, mein teurer, väterlicher Freund! Sie haben mir einst gestanden, dass ich Ihnen den Glauben an die höchsten Güter des Menschen wiederzugeben so glücklich gewesen bin, und Sie haben mir damit einen Trost gewährt, an dem ich mich jetzt oft zu halten genötigt bin, wenn mein ganzes Dasein mir als ein verfehltes vorkommt, wenn ich mich frage: Wozu habe ich gelebt und wozu soll ich leben? –
Ihnen, mein Freund, bin ich doch etwas wert, zu etwas gut gewesen, und ich weiss Ihnen für die Ermutigung, welche diese Gewissheit mir gewährt, nicht besser zu danken, als indem ich Ihnen mich mit allem meinem Kummer nahe. Nehmen Sie, der, wie Sie mir selber sagten, das Leben von seinen Höhen bis zu seinen Tiefen kennt, und den diese Kenntniss nachsichtig gemacht hat, nehmen Sie mich duldsam auf und denken Sie in irgend einer guten Stunde an die arme H i l d e g a r d ."
Siebentes Capitel
Man soll im Zorn nicht handeln, im Zorn keine Entschlüsse fassen! so lautet eine alte Regel; aber jede Regel scheint nur um ihrer Ausnahme willen da zu sein, und Jeder erfährt es wohl einmal in seinem Leben, dass sein Zorn ihn aus dem trägen Gange seiner Unentschlossenheit emporgerissen, und ihn wie mit einem heftigen Spornstosse zu einem Ansprunge und in einen neuen Weg getrieben hat, den eingeschlagen zu haben man sich später freut.