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; es fehlte mir etwas, es wurde mir kalt, es fiel mir Alles, Alles auseinander, da ich ihn fortgegeben, da Renatus ihn zurückgenommen hatte. Es war ein Zauberring für mich gewesen, nun war der Bann gelöst und die Entzauberung brach schnell heran.

Ich war mit meinen Gedanken, mit meiner Kraft zu Ende. Ich sah das Spielen der Blätter, ich fühlte den Sonnenschein, ich hörte die Vögel singen; es bedeutete mir nichts mehr. Ich atmete, das war Alles! Nicht einmal mein Leiden fühlte ich. Nur eine Stumpfheit, nur eine Leere empfand ich. Es war mir Alles ein Rätsel, es war mir Alles klar und doch so unverständlich. Ich hätte nicht sagen können, ob ich wache, ob ich träume.

So sass ich eine Weile. Die Zeit kam mir sehr lang vor. Ich wunderte mich, dass die Sonne noch immer schien, dass die Vögel noch immer sangen. Es war mir, als hätte ich Ewigkeiten durchlitten und durchlebt.

Renatus sprach zu mir. Er sagte mir, wie er seit Jahren vor der Stunde sich gefürchtet hätte, in welcher der Irrtum unserer Herzen uns deutlich werden würde. Er habe lange gefühlt, dass er in jugendlicher Verblendung den Frevel begangen habe, mich an sich zu ketten, ehe er sich seines eigenen Wesens recht bewusst geworden sei. Er gestand mir, dass er mich nie geliebt, dass er sich vergebens bemüht habe, sich mit der Freundschaft, der Verehrung, der Bewunderung zu begnügen, die er für mich fühle, die er mir bewahren werde ....

Ich fühlte ein Verlangen, laut aufzulachen, aber ich unterdrückte es, denn mit diesem lachen hätte ich dem Wahnsinne Raum gegeben, der mit seinen grauen, verwirrenden Flügeln sich auf mein Haupt herniedersenken wollte.

Ich liess Renatus sprechen fort und fort. Es war der Anfang der Befreiung, die er sich bereitete. Mit lebhaften Worten schilderte er mir die Leiden, die Schmerzen, die er um mich getragen hatte. Er um mich! – Ich unterbrach ihn nicht; auch nicht, als er es mir ausmalte, das Glück, das er sich einst mit mir geträumt, das er ersehnte, das er von der Zukunft sich erhoffte.

Ach, er kannte die Liebe, er kannte sie sehr wohl! Und angstvoll, von Minute zu Minute harrend, strebte ich, zu erkennen, wer ihn fühlen lehren, was er nicht für mich gefühlt. Die Liebe hatte er ertödtet in meiner Brust; wie ein böser Geist stieg aus ihrer Asche die Eifersucht, diese niedrigste der Leidenschaften, in mir empor. Ich sehnte mich danach, den Namen Eleonore von seinem mund zu vernehmen, denn mich verlangte nach einem gegenstand für den Hass, der in mir brannte, aber ich hatte mich betrogen. Er hatte Eleonore Haughton nicht geliebt. Nur seine Phantasie hat sie beherrscht, nur seine Eitelkeit hat sie beschäftigt. Sie war für ihn zu mächtig, wie meine Liebe für ihn zu mächtig gewesen istund nicht einmal der elende Trost war mir gegönnt, das Wesen hassen zu dürfen, das er, ich erkannte es in jener unheilvollen Stunde, das er liebte und auf das sein Sinn gerichtet war.

Ich war sehr elend, sehr unglücklich, mein teurer Freund!

Als Renatus endlich zu sprechen aufhörte, schien er eine Antwort zu erwarten, aber was sollte ich ihm sagen? Ich erhob mich und wollte gehen. Er hielt mich bei der Hand zurück. Das dünkte mir der Gipfel seiner Herzenshärtigkeit.

Ich zog meine Hand aus der seinigen. Du bist jetzt frei, was willst Du noch von mir? fragte ich ihn.

Deine Vergebung! sagte er, und dem bittenden Klange seiner stimme konnte ich nicht widerstehen. Wie eine leuchtende Flut strömten sie auf mich ein, alle die Erinnerungen jener goldenen Tage der Jugend. Die Fülle meines einstigen Glückes, die Gewalt meines Schmerzes überwältigten mich. Ich breitete meine arme aus, ich warf mich an seine Brust, und an seinem Herzen, an seinem treulosen Herzen weinte ich um ihnum mich!

Matt wie eine Sterbende, riss ich mich endlich von ihm los. Ach, er hielt mich nicht! Wo willst Du hin? fragte er mich, da ich, nicht wissend, was ich tat, mich nach dem dorf wendete. Wo willst Du hin?

In die Verbannung! gab ich ihm zur Antwort. War die Welt mir doch öde und leer, wohin ich immer ging. Er bot mir seinen Beistand an, er wollte mich begleiten. Die kleinste Hülfsleistung von ihm wäre mir wie eine Schmach erschienen. Ich hiess ihn gehen. Er trug Bedenken, mich zu verlassen. Ich bin des Alleinseins lange schon gewohnt! versicherte ich ihm.

Dir gegenüber habe ich nur zu gehorchen! sprach er, und mir die Hand noch einmal reichend, die zurückzuweisen ich zu stolz war, ging er, ohne sich auch nur noch einmal nach mir umzusehen, langsam die Höhe hinab.

Trockenen Auges blickte ich ihm nach. Es war mir Alles wertlos, Alles gleichgültig, selbst mein eigenes Unglück. Nur das Eine fühlte ich, ich konnte mein Haupt unter seinem dach nicht mehr zur Ruhe legen, ich konnte ihn nicht wiedersehen.

Als ich in das Schloss kam, sagte man mir, Renatus sei ausgeritten und werde erst am Abende wiederkehren. So sehr war ich an seine rücksichtslose Grausamkeit gewohnt, dass ich es ihm Dank