erkundigen; er hiess mich schweigen, meine Brust zu schonen; aber auch er sprach nicht zu mir. Die Sonne erwärmte das Laub und die Stämme, dass uns aus den dicht verschatteten Gängen überall ein warmer Blätterduft ntgegenquoll. Von Zweig zu Zweig huschten die Vögel an uns vorüber, es sang und zwitscherte rund um uns her, es blühte, wohin man sah, und dazwischen zuckte und flammte das Sonnenlicht bald hier, bald dort zwischen der dichten Blätterfülle hervor und streute seinen glühenden Wiederschein über das grasige Erdreich hin, dass man wie auf dunkelroten Blumen ging. Mitten in der Traurigkeit, die sich während dieses schweigenden Ganges immer lähmender auf mich herniedersenkte, wirkte die Herrlichkeit des Tages doch noch auf mich ein, und um nur die Stille zu unterbrechen, um nur nicht zu merken, wie einsam ich an seiner Seite sei, sagte ich: Siehst Du denn nicht, wie schön es hier ist?
Gewiss! entgegnete er mir, es wird mir schwer genug werden, es wieder zu entbehren.
Ich war nicht gleich im stand, ihm auszudrücken, wie unerwartet mir seine Antwort kam, aber er mochte mein Erstaunen in meinen Mienen lesen, und ehe ich noch ein Wort gesprochen hatte, sagte er: Mein Urlaub geht zu Ende, unser Regiment kommt in den nächsten Wochen über den Rhein zurück. Ich muss es zu erreichen suchen, um meine Compagnie doch selbst in die Hauptstadt einführen zu können.
Er sprach das so einfach, so natürlich – und welche Grausamkeit wäre einem treulos gewordenen Herzen nicht natürlich? – dass er mich täuschte. Ich war es schon gewohnt worden, ihn nur an seine eigenen Wünsche denken zu sehen, und das Verlangen, mit den Tapfern, in deren Mitte er gekämpft hatte, unter unseres geliebten Königs Augen in die Hauptstadt einzuziehen, war ja ein berechtigtes. Ich selbst sehnte mich danach, ihn an der Seinen Spitze, im Siegesschmucke, im deutschen Eichenkranze zu erblicken. Indess ich unterdrückte diesen Wunsch, und nur die Frage tat ich, wann er gehen wolle.
Sobald ich hier mit dem Amtmann abgeschlossen habe!
Du denkst also, ihn zu behalten? erkundigte ich mich.
Ja, als Pächter! entgegnete er kurz.
Mein Erschrecken war gross, indess ich hatte seit lange die Erfahrung gemacht, dass meine Bitten, meine Vorstellungen ihn nicht bestimmten. Du hast also Deine Absichten geändert, Du willst die Güter nicht selbst bewirtschaften, wie Du es noch vor wenig Tagen vorgehabt hast? erkundigte ich mich.
Nein! sprach er sehr bestimmt.
Ich wusste mir nicht zu erklären, was geschehen sein konnte, ich schwieg also; aber das reizte seine Ungeduld, und heftiger, als es zu verantworten war, rief er: Sprich es doch aus, was Du denkst, und hülle Deine Unzufriedenheit nicht in dieses Schweigen, das mich verdammt, weil ich endlich, endlich einmal von den Sorgen freizukommen wünsche, die mein Erbteil gewesen sind von Jugend auf! Was habe ich denn bis jetzt von meinem Leben, von diesen Gütern anders gehabt, als Sorgen? Von unseren übeln Vermögensumständen habe ich den Caplan sprechen hören, als ich mich, ein Knabe, noch an Märchen zu ergötzen wünschte! Um unserer Vermögensverhältnisse willen schickte man mich in das Heer, in einem Alter, in welchem mein Vater in wahrhaft königlicher Freiheit mit seinem Erzieher die halbe Welt durchreiste! Als ich nach längerer Zeit ins Vaterhaus zurückkam, empfing mich die Kunde, dass unsere Lage es für meinen Vater nötig mache, auf mein mütterliches Erbe zurückzugreifen, und ich gab es hin! Im Feldlager, am Vorabende der grössten Schlacht, erreichten mich mit der Nachricht von meines Vaters tod die Berichte über unseren sich entwertenden Besitz! Am Beiwachtfeuer, auf dem Siechbette im Lazaret, in den Sälen von Paris, bei dem Wiedersehen des Onkels, in dem Bureau von jenem Tremann und hier in meinem haus höre ich immer und ewig nur dasselbe alte Lied! Und wenn einmal der Schatten meiner Bäume mich still umfängt, wenn ich endlich einmal aufatmen möchte in Gottes freier Luft, spricht Dein schon wieder sorgenvoller blick: Schaffe Rat, schaffe Ordnung, so ist's nicht zu halten! – Nun denn – verzeihen Sie mir, mein edler, teurer Freund, dass ich den Ausdruck wiederhole, den ich mit Beschämung von seinem mund hören musste – nun denn, so mag zum Teufel gehen, was nicht zu halten ist! Ich verkaufe Rotenfeld und Neudorf, ich verpachte Richten, ich gehe zu meinem Regiment zurück! Ich will wissen, woran ich bin, ich will nicht länger die Last auf meinen Schultern fühlen, welche die Vergangenheit mir aufgebürdet hat. Ich will die Irrtümer meiner Voreltern und auch die meinigen nicht als eine mich ewig hemmende Kette durch das Leben schleppen! Ich will ein eigenes, neues Leben leben, ich will endlich einmal mein eigener Herr, endlich einmal frei, endlich frei sein!
Renatus hatte sich erhoben und ging auf dem engen raum heftig auf und nieder. Noch an dem Morgen dieses Tages hatte er, wie ich schon erwähnte, davon gesprochen, dass er die Güter selbst bewirtschaften wolle; es musste also etwas geschehen sein, das ihn verstimmt, das ihn andern Sinnes gemacht hatte. Ich vermochte mir nicht zu denken, was es gewesen sein könne, und ich wusste mir keinen Rat. Freilich hielt ich die Massregeln, von denen er gesprochen hatte, soweit sie den Verkauf der beiden andern Güter betrafen, für