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in mein gebrochenes Herz blicken zu lassengestern übermannte mich die Verzweiflung wieder mit ihrer ganzen Stärke. Jeder meiner Gedanken war wieder nur ein Aufschrei, ein Aufschrei der Klage gegen ihn, dessen Namen zu nennen mir jetzt ein Schmerz ist.

Ich habe des Tages nicht vergessen, an welchem ich Ihnen, als wir in Richten zum ersten Male nach dem Kriege die Margaretenhöhe hinaufstiegen, die einfache geschichte meines Lebens, die unbewusste Weise schilderte, in welcher mein Herz sich, von früher Kindheit an, dem schönen, verwaisten Knaben zugewendet hatte. Meine Liebe ist stets eine Kraft gewesen, die ich nur genoss, wenn ich sie im Dienste für Andere, in der Hingebung an Andere verwerten konnte. Ich war sein, so lange ich mich meiner selbst erinnern kann, und seit sieben langen Jahren hat jeder meiner Atemzüge ihm gehört. Weshalb soll ich noch leben, da mein Dasein ihn nicht mehr beglückt? –

Schatten der Liebe, welche den Gegensatz zu ihrem Lichte bilden, haben Sie die bangen Zweifel geheissen, von denen meine Seele damals sich beunruhigt fühlte. Ach, ich wusste, dass mein ahnend Herz mich nicht betrog, dass es nicht vergebens sorgte und erbebte! Der Unglückselige hat sein Blut vergossen für des Vaterlandes Ehre, und während ich in brünstigem Gebete jedes Haar seines Hauptes der Huld des Höchsten anempfahl, ist Renatus nicht nur von mir, ist er von der wahren Ehre abgefallen, ist er sich selbst verloren gegangen, ist er abwendig geworden der Liebe und der Treue, die er mir gelobt hat.

Als er heimkehrte! Wie soll ich sie Ihnen aussprechen, die Wonne und das Glück, die ich empfand, die Seligkeit, mit der ich ihn in meine arme schloss! Aber in jenem ersten Aufzucken meines Herzens fühlte ich esnur ich war glücklich, er war es nicht.

Was habe ich nicht alles getan, ihn wiederzugewinnen, was gelitten, ihn zu sich selbst zurückzuführen! Es ist Alles vergebens gewesen, und meine Kraft ist erschöpft, meine Lebenslust dahin.

Fast fünf Monate sind in diesem stillen Kampfe entschwunden. Der Termin für die neuen Contracte mit seinen Beamten war gekommen. Ich hatte ihn am Morgen heiterer als sonst gesehen, er sprach von seinem Vorsatze, auf seinen Gütern zu leben, ich knüpfte wider meinen Willen meine Hoffnungen daran. Aber der Mittag war nahe, der Amtmann hatte sich schon lange entfernt, und Renatus liess sich nicht sehen. Seine Sorgen waren stets die meinigen gewesen, ich kannte seine Angelegenheiten besser als er selbst, ich hatte mich darauf vorbereitet, sie leiten zu können, wenn es ihm nach unserer Verheiratung nicht gefallen hätte, sich mit ihnen zu beschäftigen, und eben desshalb hatte ich dem Rate beigepflichtet, dass er die beiden andern Güter verkaufen solle. Glücklich mit ihm zu sein, war in dem herrlichen Richten ja immer noch des Raumes genug.

Den ganzen Morgen hatte ich mich gefragt: Was wird er tun, wozu wird er sich entschliessen? Die Ungewissheit liess mir endlich keine Ruhe. Ich schickte nach seinem Zimmer, er war nicht dort. Man sagte, er sei in den Park gegangen. Ich konnte nicht anders, ich musste ihn sehen. Man reisst notgedrungen sein Herz von dem geliebten Herzen eines Mannes los und verlernt es doch nicht, um den zu sorgen, der uns von sich stösst.

Ich ging in den Park hinab, ich suchte Renatus in den Wegen, welche ihm die liebsten waren, nur seine Fusstapfen sah ich, er war nicht dort .. Er fand die Laune spazieren zu gehen, und sagte sich nicht mehr: Hildegard wird am mich denken, wird um mich sorgen!

Bis an die Wiese folgte ich seiner Spur. Dann ging ich auf die Margaretenhöhe hinauf, und kaum dort angelangt, sah ich ihn von dem Rotenfelder Kirchpfade den Weg in die Höhe kommen. Das Herz schlug mir vor Freude, wie ich ihn in seiner Schönheit so leicht einhergehen sah. Ich wusste nicht, was ich tat, als ich, der inneren stimme folgend, so schnell ich konnte, ihm entgegeneilte.

Sonst, wenn ich, noch ein halbes Kind, so im Laufe von der Höhe zu ihm heruntergeflogen war, hatten seine arme sich mir entgegengebreitet und ich hatte mich an seine Brust geworfen mit dem Glücksgefühle, dass ich im Hafen sei. Jetzt, als ich atemlos vor Freude und Erregung vor ihm stand, musste ich beschämt die Augen niederschlagen, um es nicht zu sehen, wie wenig die unerwartete Begegnung ihn erfreute.

Wo kommst Du her? fragte er mich, ohne mir auch nur die Hand zu reichen.

Ich habe Dich gesucht, gab ich ihm zur Antwort; ich befürchte, dass Du keine gute Verhandlung mit dem Amtmann hattest, dass es zu keinem Abschlusse gekommen ist! – Und als ich das ausgesprochen hatte, fiel mir's auf das Herz, dass zwischen mir und ihm schon seit lange immer nur von seinen Geschäften die Rede gewesen war.

Obschon die Mittagssonne heiss herniederbrannte, wollte ich über die Wiese den Rückweg nehmen, weil es uns am schnellsten nach dem schloss gebracht hätte, und ich scheute mich, mit ihm allein zu sein, weil es mir dann immer am schmerzlichsten fühlbar wurde, wie er mir gar nichts mehr zu sagen hatte.

Wider mein Erwarten äusserte er die Absicht, über die Höhe nach haus zu gehen. Als wir hinaufstiegen, bot er mir den Arm. Ich wollte fragen, mich